Konzerne vergeben Chancen, wenn sie nicht mit Gründern zusammenarbeiten. Davon ist der Essener Professor Tobias Kollmann überzeugt. Wie große Unternehmen und kleine Startups zueinander finden und gemeinsame Sache machen können, erklärt Kollmann im Gründerraum-Interview.

Auf der CEBIT in Hannover werden sich sowohl Startups als auch Konzerne präsentieren. Werden sich die beiden Gruppen aus dem Weg gehen?
Kollmann: Auf der CEBIT dürfte das dieses Jahr schwierig werden, denn neben den bekannten großen Ausstellern aus der IKT-Industrie sind Startups ein großes Thema. Auch die Politik wird dem unternehmerischen Nachwuchs wie schon beim IT-Gipfel wieder eine hohe Aufmerksamkeit schenken. Trotzdem: Konzerne haben in der Regel leider immer noch zu wenig Interesse an und zu wenig Verständnis für Startups.

Woher kommen diese Berührungsängste?
Kollmann: In Konzernen gibt es starre Strukturen und Entscheidungszyklen, die sich über Jahre gebildet und bewährt haben. Deswegen sind sie risikoscheu im Umgang mit neuen Ideen und den zugehörigen Startups, die noch keine Referenzen vorweisen können. Sie fürchten oftmals Experimente in der Zusammenarbeit, die sich auf die eigene Marke negativ auswirken könnten. So verpassen sie allerdings auch viele Chancen.

Tobias Kollmann ist Professor für BWL und Wirtschaftsinformatik, insbesondere E-Business und E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen. Als Gründer und Geschäftsführer der netSTART Venture GmbH berät er Startups und investiert in junge Unternehmen (Foto: Kollmann)

Haben Sie dafür ein Beispiel?
Kollmann: Als vor einigen Jahren innovative Online-Marktplätze wie Immobilienscout24 oder Autoscout24 entstanden sind, haben deren Gründer mit ihren Ideen natürlich auch bei Verlagen vorgesprochen. Diese waren damals jedoch wenig zugänglich für die neue digitale Welt. Also wurden diese Plattformen ohne Unterstützung der Verlagskonzerne aufgebaut. Heute würden sich diese vielleicht wünschen, dass sie damals diese Chance auf eine Zusammenarbeit genutzt hätten. Auch heute werden die Trends eher von Startups als den Konzernen frühzeitig erkannt und umgesetzt.

Wann ist der richtige Zeitpunkt für Startups und Konzerne gemeinsame Sache zu machen?
Kollmann: Im Prinzip ist es die Schnittstelle zwischen der innovativen Produktentwicklung mit dem ersten Proof-of-Concept und der nachfolgenden Expansionsphase mit skalierbarem Wachstum. Startups haben ihre Stärke in der ersten Phase, Konzerne mit ihren bestehenden Vertriebsstrukturen in der weiteren Entwicklung bzw. Unterstützung. Genau dort, wo beide Stärken inhaltlich und zeitlich zusammenkommen, da wird es für beide Seiten interessant.

Wie finden Konzerne und Startups dann zusammen?
Kollmann: Ich empfehle Konzernen grundsätzlich darüber nachzudenken, wie sie mit Hilfe von Inkubatoren, alleine oder zusammen mit anderen Partnern aus der betreffenden Branche oder in einer bestimmten Region, an die Startup-Welt andocken können. Es gibt ja schon zahlreiche Beispiele wie die Otto Group, die mit dem Berliner Inkubator Project A Ventures zusammenarbeitet und Internet-Startups unterstützt. So können Konzerne frühzeitig und in einem anerkannten experimentalen Umfeld ihr Risiko streuen und sich gleichzeitig Zugang zu talentierten Gründern mit Erfolg versprechenden Geschäftsmodellen und den Themen der Zukunft verschaffen.

Bedeuten solche Inkubatoren nicht eine Förderung nach dem Gießkannenprinzip?
Kollmann: In meinen Gesprächen mit Konzernen versuche ich immer wieder klar zu machen, dass es kein Inkubator-Modell von der Stange gibt. Entsprechend entwerfe ich immer eine individuelle Lösung im Hinblick auf die eigene Unternehmensstrategie, inhaltlicher Ausrichtung der gesuchten Startup-Ideen, den zur Verfügung gestellten strukturellen und finanziellen Ressourcen und der Gestaltung des Beteiligungsmodells. Deswegen kann und sollte es kein Gieskannenprinzip geben.

Für die Gründer bedeutet das allerdings einen Verlust an Unabhängigkeit. Was macht Sie so sicher, dass die Jungunternehmer den akzeptieren?
Kollmann: Natürlich müssen die Gründer ihre Freiheiten behalten können, auch wenn sie in den Inkubator eines Konzerns einziehen. Die notwendige win-win-Situation zwischen Konzern und Gründern wird nur dann erreicht, wenn beide ihre Identität in einer Partnerschaft behalten können.

Was heißt das konkret?
Kollmann: Die Inkubatoren sollten nicht integrativer Bestandteil des Konzerns, seiner Hierarchien, seiner Entscheidungsstrukturen und seiner Bürokratie sein. Die Gründer sollten die Mehrheit der Anteile behalten können und sich nicht wie Angestellte des Konzerns fühlen müssen. Gleichzeitig muss aber auch bei den Gründern die Erkenntnis da sein, dass der proaktive Austausch und die Zusammenarbeit mit dem Konzern einen Wert als solches darstellt. Die Leitung des Inkubators besitzt zudem im Idealfall sowohl das Verständnis für die Startup-Welt als auch die Kenntnis zum Konzerndenken, um als Schnittstelle wirkungsvoll zu agieren.

Wie viel muss ein Konzern sich einen solchen Inkubator kosten lassen?
Kollmann: Das lässt sich nicht allgemein beantworten. Aber es ist notwendig, dass die Leitungsebene dahinter steht und ein Budget einplant. Denn ein Konzern muss den Startups seines Inkubators nicht nur Know-How, Netzwerke und Unterstützung durch seine Mitarbeiter und Strukturen liefern, sondern auch ausreichend Startkapital zur Verfügung stellen. Sonst verkümmern die Startups darin, bevor sie richtig zu wachsen anfangen.