Auf einer USA-Reise lernt Tijen Onaran wie selbstverständlich dort Erfolg gelebt, zelebriert und kommuniziert wird. Nachahmenswert, findet unsere Kolumnistin.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: Heute schreibt wieder Tijen Onaran. Sie ist Gründerin von startup affairs, einer PR und Public Affairs Beratung für Start-ups, Venture Capitals und Unternehmen. Mit Women in Digital e.V. vernetzt Onaran Entscheiderinnen der Digitalbranche und macht diese sichtbar. Vor der Gründung von startup affairs war sie als Leiterin Kommunikation beim Onlinehandelsverband Händlerbund und in unterschiedlichen Funktionen für Bundestags-, Europaabgeordnete sowie das Bundespräsidialamt tätig.

„You can be your own superwoman!“ ruft uns die Umweltaktivistin und Autorin Erin Brockovich zu. Ich sitze mit 300 anderen Frauen in einem Konferenzraum in Minneapolis und lausche den Worten von „the real Erin Brockovich“, wie sie sich uns vorstellt. Eine Stunde spricht sie fast frei, humorvoll und schlagfertig über Empowerment. Ich muss zugeben, dass sich die positive Stimmung im Saal auf mich überträgt, wenngleich ich zeitweise kurz überlege ob ich in einem amerikanischen Film gelandet bin. Ein Hauch zu viel Drama, zu viele Emotionen und zu viel „amazing“. Es ist als ob die Frauen im Raum den spröden Konferenzraum mit all ihrer Begeisterung und dem tosenden Applaus zu mehr Glanz verhelfen wollen und es auch können.

Warum tun wir uns mit Erfolgsgeschichten so schwer?

Das Spektakel in Minneapolis ist Teil meiner dreiwöchigen Delegationsreise gemeinsam mit 46 Frauen aus 46 Ländern. Die Reise steht unter dem Motto „Women in Entrepreneurship“. Wir treffen Multiplikatoren und Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Organisationen. Wir haben sehr viele Termine und Gespräche zu Mut, Gründergeist, Unternehmertum, Scheitern, Aufstehen, Weitermachen. Allen Gesprächen ist gemein, dass wir am Ende, auch wenn es ums Scheitern geht, über den Erfolg sprechen. Auch die Gespräche innerhalb unserer Delegationsgruppe drehen sich darum was jede Einzelne von uns bereits auf die Beine gestellt, erreicht und gemeistert hat.

Leben in der Neid-Gesellschaft?

Die „Mein Haus, Mein Auto, Mein Boot“ Tonalität packt dabei übrigens keine von uns aus. Was mir dagegen auffällt ist wie selbstverständlich Erfolg gelebt, zelebriert und kommuniziert wird. Was mich dazu bringt darüber nachzudenken, warum wir uns in „good old Germany“ mit Erfolgsgeschichten so schwer tun.

Vor kurzem wurde bekannt, dass die Math42 Gründer ihr Unternehmen in Millionenhöhe verkauft haben. Was so junge Gründer mit so viel Geld denn anstellen wollen, wurde in Foren und Artikeln gefragt. Fast so, als suche man händeringend nach einer Kleinigkeit, die nicht gut läuft. Stimmt, da war ja was: ihre Teilnahme bei Höhle der Löwen hatte den Brüdern kein Investment eingebracht. Puh, also doch nicht dauer-erfolgreich.

Nicht nur über Defizite sprechen

Vielleicht müssen wir anfangen Erfolg neu zu denken. Nicht über Defizite zu sprechen, sondern über das, was bisher erreicht wurde. Vor kurzem war ich auf einer Podiumsdiskussion und habe mit Vertretern aus Wirtschaft und Politik über digitale Transformation diskutiert. Als es um das Schreckgespenst Digitalisierung ging, kamen das übliche Argument, dass viele der Jobs von heute, morgen nicht mehr da wären. Wir diskutierten und diskutierten, über den Einsatz von Social Media für Unternehmen (tatsächlich auch über die Tatsache, ob dies Sinne mache), bis hin zu Politik und Start-ups. Der Grundton: Skepsis. Und plötzlich war ich eine der Frauen, die ich in Minneapolis leicht überrascht beobachtet hatte: Eine Frau, die über Erfolge spricht und und Etappenziele lobt. Das bedeutet aber auch, dass Wettbewerb nicht als Feindbild, sondern als Motivation gesehen wird. Weg von der Neiddebatte, hin zu einer Erfolgsdebatte. Und vor allem bedeutet es, dass jeder von uns auch Erfolg anders definiert. Für die einen ist es die Erfüllung im Job, für die anderen das Etappenziel beim Marathon.

Hinfallen, Aufstehen und Weitermachen

Als ich früher eine schlechte Note nach der anderen in Mathe nach Hause brachte, sagte meine Mutter immer: „Eine 5? Na ist doch gut, besser als eine 6. Nächstes mal wird es eine 4!“ Zugegeben: Mathe wurde nie zu meiner Königsdisziplinaber – zu dem Zeitpunkt gab es auch noch nicht Math42, wer weiß welches Mathegenie ich mit dieser Hilfe geworden wäre. Was mich aber geprägt und immer begleitet hat: Hinfallen, Aufstehen und Weitermachen, das ist Erfolg!