Unser Kolumnistin Meike Haagmans ist nervös: Eine Betriebsprüfung steht an und viele Fragen sind offen. Am Ende hilft der Blick ins Bürgerliche Gesetzbuch. 

Mittwoch ist Kolumnentag bei WiWo Gründer: In ihrer Kolumne beschäftigt sich Meike Haagmans, Flugbegleiterin und Gründerin, mit dem Thema, wie sich ihre beiden Leidenschaften vereinen lassen. Wenn sie nicht gerade bei uns schreibt, bloggt Meike Haagmans über ihre Erfahrungen mit ihrem Reiseveranstalter Joventour und gibt auf ihrer Webseite viele Tipps für Nebenbei-Gründer.

Unter meinem Pony scheint ein Pickel zu entstehen. Und er fängt an zu pochen. Aber diese kleine Pore ist nicht das einzige, was in meinem Körper pocht. Ich merke, dass mein ganzer Körper unter Strom steht. Und das liegt nicht an zu hohem Kaffeekonsum.

Ich sitze in unserem Konferenzraum, in dem gerade unsere erste Betriebsprüfung stattfindet. Überall liegen offene Ordner und eine Dame, ausgesandt von der deutschen Rentenversicherung, hat es sich mit Laptop und Aktenkoffer mir gegenüber bequem gemacht. Mein Kaffeeangebot nahm sie dankend an.  Als ich ihr dann unser WiFi-Password anbot, erntete ich einen strengen Blick, zusammen mit den Worten: „Habe ich selber, ist hier alles verschlüsselt“. Dabei tippte sie auf den Aktenkoffer.  Ich merkte, dass das Pochen in meinem Körper zunahm.

Angst vor Abrechnungsfehlern

Eine Betriebsprüfung ist vermutlich wie jeder Zahnarzttermin: Man weiß, dass dieser kommen wird, mutiert aber zu einem Verdrängungskünstler. Bis der Termin unmittelbar bevor steht. Uns hat es am Anfang des fünften Betriebsjahres erwischt: Der Bescheid, dass JOVENTOUR sich einer Betriebsprüfung unterziehen muss, flatterte mit der Post herein. Zunächst war es nur ein Fragebogen, der ausgefüllt werden musste, dann folgte ein Anruf zur Terminvereinbarung und schlussendlich die Prüfung an sich.

Obwohl ich mir natürlich bewusst war, dass zu jeder Unternehmung eine Prüfung gehört, fing ich schon einige Tage vorher an, nervös zu werden. Gerade im ersten Jahr, als ich die erste Mitarbeiterin einstellte, gab es bei der Steuererklärung viele Korrekturen wegen Sozialabgaben und jetzt breitete sich die Skepsis aus, ob ein Abrechnungsfehler Nachzahlungen mit sich ziehen könnte. Am Vortag der Prüfung fing ich also an, alle Unterlagen nochmal akribisch durchzulesen und mich auf alle möglichen Fragen vorzubereiten.

Ein strenger Blick und viele Fragen

Und nun sitze ich vor ihr, der Dame mit dem verschlüsselten Internet. Mit strengem Blick fängt sie an, unsere Ordner durchzuschauen und tippt dabei immer wieder Stichproben in ihren Laptop. Zwischendurch blickt sie hinter dem Bildschirm hervor und stellt die Fragen, auf die ich mich vorbereitet hatte. Ja, bis jetzt lief es wirklich gut. Alle Fragen konnte ich beantworten und die Stichproben ergaben keinen Fehler.

Ich fange an etwas entspannter zu werden, beruhend auf der Tatsache, dass ich als Gründerin ja mein Unternehmen am besten kennen sollte. Dann greift die Dame nach dem Ordner mit den freien Mitarbeitern und verkündet: „So, dann schauen wir uns mal die, die für die Künstlersozialkasse interessant sind, an“.

Abgaben an die Künstlersozialkasse?

Da JOVENTOUR ein Reiseveranstalter ist und strengen Vorgaben des deutschen Reiserechts unterliegt, sind wir alles andere als kreativ und haben kaum Gestaltungsmöglichkeiten. Somit habe ich mir nie Gedanken gemacht, Leistungen an die Künstlersozialkasse zu zahlen. Mein Gegenüber sieht das etwas anders und fängt nun an, das Unternehmen auseinander zu nehmen: Wer baut die Webseite, wer schreibt die Texte, wer gestaltet den Katalog, wer plant die Posts bei Social Media, wer macht die Fotos für die Reisen und wer hat das Logo entworfen?

Die Dame ist nun in ihrem vollen Prüferelement angekommen und sichtet jede Rechnung genau –  immer auf der Suche nach demjenigen, der JOVENTOUR „gestaltet“.

Wir fangen an über Begriffe zu diskutieren und ich muss plötzlich jeden Handschlag meiner freien Mitarbeiter erklären und diese verteidigen. Wenn ich jetzt nicht aufpasse, werden für alle freien Mitarbeiter Abgaben fällig, die nicht einkalkuliert waren. Die Prüferin ist der Meinung, dass Reisebeschreibungen und deren Gestaltung kreative Leistungen sind – ich sehe das natürlich anders.

Der rettende Blick ins BGB

Schlussendlich kommt mir die rettende Idee und ich hole das Bürgerliche Gesetzbuch vor. Kapitel 651 – Reiserecht. Wir als Veranstalter haben eine Leistungserbringungspflicht – da kann man nichts zu Marketingzwecken ‘verschönern’. Es scheint, als könne ich das Blatt wenden, aber eine Frage bleibt im Raum stehen: Wer ‘gestaltet’ die Firma?

Scherzhaft antworte ich: „Dann müssen wir halt für mich, als Gründerin, in die Künstlersozialkasse einzahlen“. Meinem Gegenüber gefällt die Idee und sie verschwindet wieder hinter ihrem Bildschirm. Wenig später verkündigt sie mir die Summe, welche für mich an Abgaben fällig wird.

Halbwegs erleichtert, dass wir die freien Mitarbeiter von der Zahlung verschonen konnten und doch irgendwie perplex, dass die Tätigkeit eines Gründers zur Hälfte als Künstler angesehen werden kann, unterschreibe ich das vorläufige Protokoll.

Der Gründer als Künstler?

Mit meinem Steuerberater bin ich immer noch in der Diskussion, ob wir dem Bescheid widersprechen. Ich empfinde es inzwischen als wirklich paradox, die Gründerin eines Reiseveranstalters zu diesen Abgaben zu verpflichten. Ja, ich habe die Webseite ursprünglich entwickelt. Ja, auch das Logo stammt aus meiner Feder. Aber sind das nicht normale Dinge, die jeder Gründer am Anfang entwickelt?

Ja, ein Gründer ist ein Künstler. Ein Gestalter. Ein Gestalter seines eigenen Unternehmens. Und dessen Optik. Und dafür  werden wir später definitiv noch genug Abgaben zahlen, soviel scheint klar zu sein.