Karrierebrüche sind nicht nur lehrreich, sie sind sogar die eigentlichen Erfolgsfaktoren einer beruflichen Laufbahn, findet unsere Kolumnistin Tijen Onaran.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: Heute schreibt wieder Tijen Onaran. Sie ist Gründerin von startup affairs, einer PR und Public Affairs Beratung für Start-ups, Venture Capitals und Unternehmen. Mit Women in Digital e.V. vernetzt Onaran Entscheiderinnen der Digitalbranche und macht diese sichtbar.  Vor der Gründung von startup affairs war sie als Leiterin Kommunikation beim Onlinehandelsverband Händlerbund und in unterschiedlichen Funktionen für Bundestags-, Europaabgeordnete sowie das Bundespräsidialamt tätig.

Nach meinem Abitur wollte ich immer etwas studieren, das auf einen klar definierten Beruf hinauslief. So etwas wie Jura oder Medizin. Dann wäre ich jetzt Anwältin oder Ärztin und jeder würde meine Berufsbezeichnung auf Anhieb verstehen. Ein Traum. Kein Erklären, kein Einordnen. Doch für Jura oder Medizin fehlt mir eine Kleinigkeit: der geforderte Numerus Clausus. Und ehrlicherweise auch die Leidenschaft. Stattdessen studierte ich im ersten Anlauf VWL. Beinahe wäre ich in der technischen VWL gelandet, hätte mir nicht mein Verstand noch rechtzeitig die Note meines Mathe-Abiturs vor Augen geführt: ein Punkt. Dass mein VWL Studium daher von Beginn an, sagen wir, besonderen Herausforderungen ausgesetzt war, lag auf der Hand. Nur nicht auf meiner, so scheint es, denn ich war der festen Überzeugung: Das kann ich. Es kam wie es kommen musste: ich rasselte zwei Mal durch ein und die selbe Prüfung und bekam den freundlichen aber bestimmten Hinweis: VWL und du – ihr seid nichts füreinander.

Probieren geht über Studieren

Im Grunde war das der Startschuss für die weiteren Brüche in meinem Lebenslauf. Nach meiner VWL-Liaison, studierte ich, wofür mein Herz eigentlich schlug: Politikwissenschaft. Und siehe da: es klappte! Das Studium finanzierte ich mir durch Nebenjobs. Und zwar durch einige. Es gab eigentlich keinen Nebenjob, den ich nicht ausprobierte. Gastronomie, Verkauf, Spedition – auch den Part „als Mobiltelefon auf der Fußgängerzone Flyer verteilen“ habe ich durch. Auch nach meiner Studienzeit habe ich in unterschiedlichsten Bereichen gearbeitet: Politik, Verband, Automobilbranche, Digitalbranche, Hochschule.

Falls es tatsächlich so etwas wie einen roten Faden geben sollte, bei mir hatte er sich definitiv verlaufen! Was unterm Strich aus all diesen Erfahrungen blieb war die Erkenntnis, dass ich von allem etwas konnte, aber nicht zur Fachexpertin war und auch gar nicht sein wollte. Wenn ich heute also meinem jüngeren Ich Tipps geben müsste, was es weiterbringen könnte, würde ich immer sagen: ausprobieren, testen, hinfallen, aufstehen und wieder weitermachen!

Kaminkarrieren gehören der Vergangenheit an

Dennoch: Ein durchgestylter Lebenslauf ist der Traum vieler. Eine Station über einen längeren Zeitraum hinweg, am besten mit Entwicklungsperspektive nach oben. Die klassische Kaminkarriere ist aber, das muss man ehrlich sagen, eine Seltenheit. Stattdessen sind Generalisten gefragt, diejenigen, die gestalten, sich neuen Situationen und Herausforderungen stellen und einfach machen. Schaue ich mir mein einstiges Streben nach einer perfekten Karriere in Jura oder der Medizin an, weiß ich heute: ich wäre nicht glücklich. Denn als freiheitsliebender Mensch ist eine feste, nicht veränderbare Struktur eine Bremse, Perfektion der „Show-Stopper“! In unserer heutigen, neuen Arbeitswelt braucht es vielmehr Vordenker und aktive Mitgestalter!

Perfektion ist die Bremse

Ja, es gibt sie, die Perfektions-Junkies. Diejenigen, die erst dann wirken und gestalten, wenn alles seinen Platz hat. Jedes Wort wird gewägt, jede Tat dreimal durchdacht. Doch Karrieren leben nun mal von Auf und Abs. Vom Unvorhersehbarem und von Spontanität! Wer nicht in der Lage ist, das Bild auch einmal schief hängen zu lassen, wird auf Dauer nicht erfolgreich sein. Denn Karriere lebt von Engagement, Leidenschaft, Fleiß und einer großen Portion Glück. Das „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“ kann aber nur entstehen, wenn nicht nach Schema F gehandelt wird, sondern Platz für Ungeplantes ist!

Mein persönlicher Traum, einen Job zu haben, der im Wörterbuch eine klare Definition hat, ist immer dann noch da. Vor allem dann, wenn meinen Verwandten tausend Fragezeichen über dem Kopf schweben, wenn ich über „digital Skills“ „digitale Transformation“ oder „Community-Management“ spreche. Dennoch bleiben meine persönlichen Karrierebrüche und das Undefinierbare die Motoren für mein Gestalten und meine Neugier: Karrierebrüche sind nicht nur lehrreich, sie sind die eigentlichen Erfolgsfaktoren einer beruflichen Laufbahn!