InsurTech-Start-ups und Versicherungen haben die Potenziale der Digitalisierung erkannt. Innovative Lösungen werden schon bald in unseren Alltag einziehen, glaubt Kolumnist Niklas Veltkamp.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: Heute schreibt Niklas Veltkamp, Mitglied der Geschäftsführung beim Branchenverband Bitkom und dort für Start-ups zuständig.

Mit dem Smartphone im Geschäft bezahlen, per App dem Freund ein paar Euro schicken – die Finanzwelt ist für viele Bundesbürger heute bereits ziemlich digital. Doch nicht immer, wenn es ums Geld geht, haben sich innovative Lösungen schon durchgesetzt. Gerade in der Versicherungsbranche läuft das meiste für viele Kunden noch immer so ab wie vor zehn Jahren, außer, dass zumindest die Tarife in Online-Portalen immer häufiger miteinander verglichen werden. Dabei stehen innovative Lösungen in den Startlöchern, um in unseren Alltag einzuziehen. InsurTech-Start-ups und Versicherungen haben die Potenziale der Digitalisierung erkannt.

Herausforderungen für die Versicherungsbranche sind riesig

Vergangene Woche ist in München der Digital Hub an den Start gegangen, der hierzulande dem Thema InsurTech zum Durchbruch verhelfen soll. Mit an Bord sind gleich zwölf Versicherungen bei dem Projekt der “de:hub”-Initiative des Wirtschaftsministeriums, die die Digitalisierung deutscher Leitbranchen voranbringen soll – darunter Schwergewichte wie die Allianz und MunichRe. Ein zweiter Standort des Insur-Tech-Hubs ist in Köln geplant, hier laufen die Vorbereitungen ebenfalls auf Hochtouren. Denn die Herausforderungen für die Versicherungsbranche sind riesig: Das dauerhaft niedrige Zinsniveau drückt die Margen und stellt etablierte Geschäftsmodelle in Frage. Große Marktsegmente wie etwa die Kfz-Versicherung stehen vor einem radikalen Wandel durch autonome Fahrzeuge, die weniger Unfälle haben und die zugleich zu einer geringeren Nachfrage nach Privat-Fahrzeugen führen werden. Gleichzeitig bieten digitale Technologien völlig neue Chancen, wie den Einsatz von Big Data, Blockchain oder Peer-to-Peer-Versicherungen.

Deutschland als traditionell starker Finanz- und Versicherungsstandort nimmt die Herausforderung der Digitalisierung an. Und wenn man sich anschaut, welche Start-ups bereits heute unterwegs sind, dann kommt der Startschuss für den InsurTech-Hub genau zur richtigen Zeit.

Vom Makler bis zur neuen Versicherung

So will Clark beispielsweise den Versicherungsmakler neu erfinden. Das Online-Portal berät Kunden ausschließlich online oder telefonisch und unterliegt dabei den selben Pflichten wie herkömmliche Makler. Doch anders als diese legt das Start-up alle Provisionen offen und bezahlt die Kundenberater nicht danach, wie lukrativ der Vertragsabschluss für das Unternehmen war, sondern wie zufrieden die Kunden sind. Auch GetSafe will traditionelle Vermittler ersetzen und bietet mit seiner App eine Lösung zur digitalen Verwaltung von Versicherungen. Diese erkennt automatisch individuelle Sparpotenziale und Möglichkeiten zur Optimierung des Versicherungsportfolios. Mit der App des Start-ups wefox lassen sich ebenfalls Versicherungen organisieren. Kunden, Versicherungsgesellschaften und Makler können ihre Anforderungen digital und persönlich anhand modernster Technologie verwalten. Vor hunderten von Jahren unterstützten sich Menschen in kleinen Gruppen wie Familien oder Dorfgemeinschaften gegenseitig bei Schadensfällen. Friendsurance greift diese Idee auf und entwickelte ein Versicherungsmodell das innerhalb der großen Versicherungsgemeinschaften kleine Gruppen zusammenschließt und Schadensfreiheit innerhalb dieser Gruppen mit jährlichen Beitragsrückzahlungen belohnt. Dem Kunden die richtige Versicherung auf digitalem Weg anbieten will Simplesurance. Das Unternehmen bietet eine Software an, die beim Kauf eines Produkts im Online-Shop gleich eine passende Versicherung empfiehlt – sei es die Handyversicherung beim Smartphone-Kauf oder eine passende Police beim Online-Einkauf beim Brillenhändler. Aber wann braucht man eigentlich eine Versicherung? Bei dieser Frage setzt Appsichern an, die per App oder im mobile Shop dem Kunden genau dann eine Risikoabsicherung anbietet, wenn dieser sie auch braucht – und zwar auch nur so lange, wie er sie nötig hatt. Dabei kann es um eine Carsharing-Versicherung ebenso gehen, wie um eine Verspätungs-Absicherung.

In einem speziellen Segment will Ottonova punkten, als erste digitale private Krankenversicherung in Deutschland. Die Arztrechnung wird per App hochgeladen, freiwillig kann auch der Befund hinzugefügt werden, wodurch automatisch eine digitale Krankenakte entsteht. Die besondere Idee von Ottonova: Es soll nicht nur das Krankheitsrisiko abgedeckt werden, sondern der Versicherte soll direkt durch die App dazu gebracht werden, besser auf seine Gesundheit zu achten.

Start-ups sind Konkurrenz und Partner zugleich

Angesichts dieser Vielzahl an Beispielen ist es kein Wunder, dass viele etablierte Versicherungen nicht nur beim Digital Hub rund um InsurTech dabei sein wollen, sondern dass auch große Player wie Axa, Allianz oder Debeka selbst in Start-ups investieren. So mancher Versicherer entwickelt die Innovationen sogar gleich im eigenen Haus, baut eigene Entwicklungsteams und Company Builder auf. Die Deutsche Familienversicherung hat beispielsweise vor Kurzem als erste Versicherung ein sogenanntes Skill für den intelligenten Heimassistenten Alexa von Amazon angeboten. Im Dialog kann sich der Kunde zunächst über passende Angebote informieren, über die Alexa App auf dem Smartphone kann im Anschluss dann der Vertrag abgeschlossen werden.

Gerade durch die rasante Entwicklung rund um Blockchain und Künstliche Intelligenz wird es in den kommenden Monaten noch eine Vielzahl völlig neuer digitaler Versicherungs-Angebote geben. Dabei sind Start-ups zum Konkurrenz und Treiber der Branche und gleichzeitig Partner der etablierten Unternehmen. Für uns als Kunden bedeutet das, dass wir in einigen Jahren so selbstverständlich mit dem Smartphone unsere Versicherungsgeschäfte managen werden, wie wir das heute im Bereich Banking tun. Und dass es ganz neue Dienste geben wird, an die wir heute noch nicht denken – so wenig, wie sich jemand vor zehn Jahren hätte vorstellen können, von einem Telefon zum anderen Geld zu transferieren.