Drei Ökonomen wollten wissen, ob die Nachbarschaft die Schaffenskraft von Technologie-Unternehmen beeinflusst. Das Ergebnis zerstört einen Mythos.

Wie sollte ein guter Standort für Start-ups aussehen? Sollte das Büro in der Nähe von Künstler-Cafés, Boutiquen und Bars liegen, um den Mitarbeitern ein attraktives Umfeld zu bieten? Was zählt wirklich für die Innovationskraft von Unternehmen? Drei deutsche Ökonomen haben sich dieser Frage in einem neuen wissenschaftlichen Fachartikel gewidmet.

Christian Rammer, Projektleiter im Forschungsbereich Innovationsökonomik des Zentrums für europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), ist Hauptautor der englischsprachigen Studie „Microgeography of Innovation in the city“. In Zusammenarbeit mit seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Jan Kinne und Knut Blind, Professor am Institut für Technologie und Management der TU Berlin, untersuchte Rammer mehr als 5000 Unternehmen von 2011 bis 2015 in Berlin aus den Bereichen Industrie und „unternehmensnahe Dienstleistungen“, also Ingenieurbüros, Medienhäuser oder Beratungen.

Die Forscher stützen sich auf Ergebnisse einer Innovationsumfrage von Eurostat, dem Statistischen Amt der EU. Darin werden Unternehmen gefragt, ob sie in den vergangenen drei Jahren eine wichtige Produktinnovation eingeführt haben.

Außerdem müssen der erzielte Umsatz und die neue Kundengruppe angegeben werden, zudem ist eine wichtige Frage, ob das Unternehmen Pionier mit dieser Innovation war. So lässt sich die Schaffenskraft von Firmen feststellen.

„Uns hat interessiert, inwiefern das Umfeld eines Unternehmens beeinflusst, was im Unternehmen geschieht“, erklärt Ökonom Rammer. „Wir fragten uns: Gibt es so etwas wie ein innovatives Umfeld?“

Und tatsächlich: Das gibt es – aber nicht so, wie die Forscher es erwartet hatten.

Denn der wichtigste Innovationsindikator sei die Nähe zu Forschungseinrichtungen, sagt Rammer. „Innovative Firmen befinden sich deutlich näher an Wissenschaftszentren und Universitäten als nicht-innovative Firmen. Bars, Restaurants oder Galerien dagegen bringen keinen positiven Einfluss auf die Innovationskraft eines Unternehmens.“ Das beweise, dass die Innovation in Berlin eher wissenschaftsgetrieben sei. Das vielzitierte „kreative Umfeld“ scheint nicht wichtig zu sein.

Als „Hotspots“ für innovative Unternehmen machten die Forscher Standorte nahe der Technischen Universität in Berlin-Charlottenburg aus, außerdem den Campus Berlin-Buch im Nordosten der Stadt, auf dem sich viele Biotechnologie-Unternehmen niedergelassen haben.

Anziehend wirkt dafür das Leibniz-Insitut für Molekulare Pharmakologie, an dem fast 300 Wissenschaftler an neuen Medikamenten forschen. Und das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin, dessen Ausgründung (Spin-off) Comeicos vom High-Tech Gründerfonds gefördert wird.

Ein weiterer Anziehungspunkt für neue Ideen sei außerdem der Technologiepark Adlershof im Südosten der Stadt. Dort haben sich nach eigenen Angaben mehr als 1.000 kleinere Technologie-Unternehmen und wissenschaftliche Einrichtungen niedergelassen. „Berlin profitiert enorm von seinen Forschungsinstituten“, sagt Christian Rammer. Damit unterscheide sich die deutsche Hauptstadt von anderen Start-up-Metropolen wie New York, wo sich kein einziges Forschungsinstitut von Weltrang befindet.

Interessanterweise haben die Ökonomen auch herausgefunden, dass neue Nachbarn den Wettbewerb ankurbeln. „Wenn innovative Unternehmen an einen Standort ziehen, steigt die Innovationskraft der bereits ansässigen Unternehmen“, sagt Rammer. Das beziehe sich vor allem auf kleinere Firmen mit weniger als 40 Beschäftigten.