Konstantin Guericke hat sich als Mitgründer des Business-Netzwerks LinkedIn einen Namen gemacht. Als Venture Partner des Risikokapitalgebers Earlybird will er jetzt jungen deutschen Unternehmen beim Start im Silicon Valley helfen. Im Interview verrät der Netzwerker, weshalb Kontakte für Jungunternehmer erfolgsentscheidend sind und warum er bezweifelt, dass sich Risikokapitalgeber aus Kalifornien nach Deutschland locken lassen.

Herr Guericke, Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler ist im Mai ins Silicon Valley gereist. Ein richtiger Schritt?
Guericke: Unternehmen werden von Unternehmern gemacht, nicht von Politikern. Aber ich glaube, dass jeder Gründer irgendwann einmal inspiriert wird – und diese Reise war eine wichtige Inspiration für die Jungunternehmer, die dabei waren, und junge Menschen in Deutschland, die jetzt selber gründen.

Es heißt, die Idee zu LinkedIn sei Ihnen und Ihrem Mitgründer Reid Hoffman beim Wandern gekommen. Auch mit einer Gruppe von deutschen Gründern sind Sie während des Röslerbesuchs wandern gegangen. Weshalb?
Guericke: Ich wandere gerne, außerdem hat man auf einer Wanderung Zeit, mit jedem ausgiebig zu reden. Ein Gründer wollte zum Beispiel wissen, wie ich meine Ideen ausgesucht habe. Das war eine interessante Frage, weil ich nie das Gefühl hatte, nach Ideen suchen zu müssen.

"Mit jedem ausgiebig reden": Konstantin Guericke (Bildmitte) kam beim Wandern mit Reid Hoffman auf die Idee zu LinkedIn. Dieses Bild zeigt ihn mit einer Gruppe von deutschen Jungunternehmern bei einer Wanderung in Kalifornien während der "German Valley Week".

“Ausgiebig reden”: Konstantin Guericke (Bildmitte) kam beim Wandern mit Reid Hoffman auf die Idee zu LinkedIn. Dieses Bild zeigt ihn mit einer Gruppe von deutschen Jungunternehmern bei einer Wanderung in Kalifornien während der “German Valley Week”. Foto: German Valley Week 2013

Wie sind Sie dann auf LinkedIn gekommen?
Guericke: Reid und mich hat es geärgert, dass es so schwierig ist, die richtige Person im Netzwerk der Kontakte zu finden und seine Kontakte einander zu empfehlen – LinkedIn war die Lösung für dieses Problem. Aber es gibt noch viele andere Probleme, über die ich mich ärgere. Zum Beispiel würde ich gerne auf Anzeigen Feedback geben, damit ich mit der Zeit interessantere Anzeigen zu sehen bekommen. In solchen Situationen kitzelt es mich, etwas Neues zu gründen.

Das tun Sie aber nicht?
Guericke: Nein, das Gründen überlasse ich jetzt der nächsten Generation. Aber wichtig ist die Erkenntnis: Zum erfolgreichen Unternehmer wird man nicht mit der Passion, ein Unternehmen aufzubauen, sondern mit der Leidenschaft, ein Problem lösen zu wollen. Anders gesagt: Wenn es ein Problem gibt, das dir schlaflose Nächte bereitet, dann ist die Lösung dieses Problems deine beste Geschäftsidee.

Eine gute Idee ist ohne Start- und Wachstumskapital wenig wert. Erklärtes Ziel der Röslerreise war es deswegen, Geldgeber aus dem Valley für die deutsche Gründerszene zu begeistern. Kann das klappen?
Guericke: Da bin ich skeptisch, denn die Geldgeber hier haben ungemein viel Auswahl. Auch Gründer aus anderen Ländern wie Israel oder Großbritannien kommen hierher, um nach Kapital zu fragen. Schon ganz allein aus praktischen Gründen ziehen die Investoren dann diejenigen Unternehmen vor, deren Gesellschafterversammlungen in Silicon Valley stattfinden und nicht in München. Wenn du willst, dass die für dich eine Extrawurst braten, musst du auch eine Extrawurst bieten.

Ist es dann nicht naiv zu glauben, man könnte Wagniskapital aus dem Silicon Valley nach Deutschland locken?
Guericke: Es ist zwar nicht ausgeschlossen, aber es ist eher unwahrscheinlich. Ganz klar: Wer Geld aus dem Valley einsammeln will, sollte hier ein Office gründen und einen Teil der Firma hierher verlagern, zum Beispiel Vertrieb und Marketing.

gw2013

Sie selbst gehen den entgegen gesetzten Weg und haben beim deutschen Risikokapitalgeber Earlybird angeheuert, obwohl Sie im Valley zuhause sind. Warum?
Guericke: Anfangs hatte ich tatsächlich nicht viel Lust dazu, weil ich von der deutschen Risikokapital-Szene nicht viel gehalten habe. Aber der Ansatz von Earlybird hat mich überzeugt: Mit unserem Techfonds investieren wir in der Frühphase in Startups, die das Zeug zu globalen Superstars haben – dafür akzeptieren wir auch eher Ausfälle. Mein Job ist es, den Unternehmern beim Sprung über den Teich zu helfen und sie hier mit Investoren zusammen zu bringen, die ihr Wachstum finanzieren.

In Deutschland ist Risikokapital knapper als in den USA. Fällt es Ihnen da leichter, die Superstars in Ihr Portfolio zu holen als im Silicon Valley?
Guericke: In der Tat gibt es im Valley zahlreiche Frühphasenfinanzierer und deswegen viel Konkurrenzkampf und sehr hohe Firmenbewertungen, die Investments verteuern. In Deutschland ist es im Moment einfacher. Aber das wird sich mit der Zeit angleichen, davon bin ich überzeugt. Denn die deutschen Gründer stehen den Gründern im Valley in keiner Weise nach. Auch ihre Produkte sind nicht schlechter als diejenigen, die im Valley erfunden werden.

Woran liegt es dann, dass deutsche Internetgründer unterm Strich weniger erfolgreich sind?
Guericke: Es ist schwieriger von Deutschland aus zu gründen, weil der deutsche Markt kleiner ist und der europäische Markt weniger einheitlich ist als der US-amerikanische Markt. Außerdem nehmen die deutschen Konsumenten neue Produkte nicht so früh und neugierig an, wie US-Amerikaner. Apple etwa hat auch deswegen so viel Erfolg, weil ihre Kundschaft neue Sachen ausprobiert und dafür bezahlt. Viele Gründer merken das, wenn sie aus Deutschland in die USA kommen: Sie erwarten einen Markt, der sechs Mal größer ist als ihr Heimatmarkt – und merken dann, dass er sogar 100 Mal größer ist.

Wie sehr helfen Netzwerke Gründern, diesen Markt zu erschließen?
Guericke: Netzwerke und Kontakte helfen dabei, Geldgeber und Mitarbeiter zu finden, und tragen zu 60 bis 80 Prozent zum Erfolg eines Startups bei. Allerdings wissen viele Gründer nicht, wie man Netzwerke aufbaut. Sie gehen auf möglichst viele Events gehen und verteilen möglichst viele Visitenkarten. In den meisten Fällen wird nichts draus, weil so kein Vertrauen entsteht. Viel erfolg versprechender ist es, wenn man einem Kontakt empfohlen wird. Auf diesen Gedanken setzt auch LinkedIn.

Es heißt, Sie hätten früher Buch geführt, wann sie mit wem Essen gegangen sind, und hätten auch ihren Einstieg bei Earlybird im vergangenen Jahr beim Lunch besiegelt. Sollte man als Gründer öfter Mittagessen gehen?
Guericke: Ich bin jedenfalls niemand, der zu jedem Netzwerkevent hingeht. Viel wichtiger ist es, gezielt Kontakte aufzubauen und zu pflegen – etwa, indem man Menschen einander vorstellt, die voneinander profitieren können. Damit das klappt, muss man sein Netzwerk gut genug kennen und sich regelmäßig mit seinen Kontakten austauschen – früher war es bei mir das Lunch und jetzt eher beim Wandern.

Konstantin Guericke zog es in den 1980er Jahren aus der norddeutschen Provinz an die renommierte Stanford University in Palo Alto, wo er Wirtschaftsinformatik studierte. Anschließend arbeitete er für verschiedene Technologie-Unternehmen, bevor er im Jahr 2003 zusammen mit Reid Hoffman das Business-Netzwerk LinkedIn gründete. Das Netzwerk zählt heute rund 225 Millionen Mitglieder weltweit. Guericke ist bei LinkedIn inzwischen nur noch als Investor an Bord und ist seit 2012 Venture Partner des deutschen Risikokapitalgebers Earlybird. Außerdem coacht er Nachwuchsgründer an der Stanford University.


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