Unserem Gehirn fällt es schwer, sich auf Neues einzulassen. Gerade beim Gründen ist Kreavität aber wichtig. Wie wir das konventionelle Denken abschalten, erklärt Günter Faltin in seiner Kolumne.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: Einmal im Monat analysiert Günter Faltin, emerierter Professor für Entrepreneurship an der Freien Universität Berlin und Autor von Büchern wie „Wir sind das Kapital“, die Start-up-Szene. In seiner Kolumne erklärt der Professor dieses Mal, warum ein Gründer alte Denkmuster vermeiden muss.

Von Günter Faltin

Wir tun uns schwer mit kreativen Entwürfen. Je weiter das Neue von den uns bekannten Mustern abweicht, desto schwerer fällt es unserem Gehirn, sich darauf einzulassen. Wir sind von Natur aus eher konventionell. Der Philosoph Peter Sloterdijk weist darauf hin, entwicklungsgeschichtlich wehre unser Gehirn neue Entwürfe oder ungewohnte Erfahrungen erst einmal ab. Konventionelle Sichtweisen sind wie Bretter vor dem Kopf. Sie legen Deutungen nahe und verhindern damit, dass wir die Realität, so wie sie ist, wahrnehmen.

Ritter Uto von Hardtenstein war, dem Ruf des Kaisers folgend, ausgezogen, um die Ungläubigen zu bekämpfen. Sein Weib und seinen Sohn musste er zurücklassen. Er war in die Schlacht gezogen, hatte Jerusalem gesehen und viele Jahre verbracht, bis er zurückkehren konnte. Voll freudiger Erregung, so die Chronistin, soll er seiner Burg entgegengeritten sein. Doch was sieht er? Sein Weib, sein geliebtes, in den Armen eines anderen, jüngeren Mannes. Bittere Enttäuschung, Zorn und Eifersucht überkommen ihn. So sehr, dass er in seiner Wut mit seinem Schwert nicht nur den Mann, sondern auch seine Frau durchbohrt. Die Frau, im Sterben, sagt: „Du hast Dein eigenes Kind gemordet!“

Wir nehmen die Welt durch die Linse unserer Erkennungsmuster wahr.

Es hilft, alles, was ich vorfinde, bis zum Beweis des Gegenteils als Konvention anzusehen. Also Abläufe respektlos anzusehen sowie zu fragen, ob das, was gestern noch als vernünftig erschien, nicht origineller, einfacher oder mit moderneren Mitteln bewältigt werden kann. Ich stelle also den ganzen Prozess radikal infrage, statt nach kleinen Verbesserungen zu suchen.

Das Beispiel Café

Konventionen haben die erstaunliche Angewohnheit, Funktionen fast völlig zu überdecken. Sie gehen in ein Café. Warum gehen Sie dorthin? Klar, um Kaffee zu trinken, heißt die Antwort. Ist es wirklich so klar? Schmeckt Ihnen Ihr selbst gebrauter Kaffee zu Hause nicht besser? Ist er nicht auch preiswerter als im Café? Warum nehmen Sie den Weg auf sich, wenn Sie zu Hause Kaffee trinken können? Wenn wir genauer hinsehen, merken wir, dass die Funktion, warum wir in ein Café gehen, keineswegs das Kaffeetrinken ist. Es ist eher die Konvention. Ich gehe nicht wirklich ins Café des Kaffees wegen.