Food-Start-ups boomen – die Investitionsmöglichkeiten sind so zahlreich wie nie. Wolf M. Nietzer spricht im Interview über sein persönliches Menü und sein Portfolio.

Herr Nietzer, was gibt es bei Ihnen zum Abendessen?
Ein klassisches Butterbrot. Meinen Schreibtisch füllen viele Produkte, die ich gerne probieren will, aber ich kann ja nicht bis Mitternacht durchessen. Nach all den Verkostungen am Tag, freue ich mich abends auf eine Mahlzeit back to basic.

Als Konsument schwören Sie also auf die Stulle. Welche neueren Food-Trends schmecken Ihnen als Angel-Investor?
Daten und künstliche Intelligenz spielen auch in diesem Bereich eine immer wichtigere Rolle. Neben Food Tech sind Replacements, Substitute für herkömmliches Essen, ein Trendthema. Als Fleischersatz werden Produkte pflanzenbasiert oder im Labor entwickelt. Ein anderer Weg ist der Ersatz durch Insekten. Damit bewegen wir uns auch schon im Spielfeld der Weltverbesserer: Innovation als Antwort auf Ressourcenmangel und Welthunger. Ähnliche Anstrengungen gibt es im Seafood-Bereich: Wie kann man Fischereiprodukte ersetzen oder zumindest deren Nachvollziehbarkeit gewährleisten?

Fleischersatzprodukte finden sich in jedem Supermarktregal, Insekten auf dem Teller sind noch rar. Sie investieren schon seit einigen Jahren in Food-Start-ups. Was hat sich in der Zeit zwischen Gemüse- und Maden-Burger getan?
Ich investiere etwa seit 2010 in den Bereich; die Food Angels als Zusammenschluss mit vier meiner befreundeten Investoren gibt es seit rund fünf Jahren. In der Wahrnehmung der Menschen nimmt Food einen höheren Stellenwert ein und das zeigt sich auch in der Start-up-Szene. Per se ist die Branche explodiert. Wir erleben das ganz direkt: Jede Woche bekommen wir wenigstens ein oder zwei Pitch Decks, an denen wir die Entwicklung gut beobachten können. Auch weil die Einstiegsschwelle in den Sektor vergleichsweise niedrig ist, sind die Entwicklungen rasant und überholen sich geradezu. Der zehnte Smoothie oder das elfte Restaurant-Konzept reißen uns da nicht mehr vom Hocker. Wir suchen Game-Changer, die das Thema Food wirklich neu denken. Für uns besteht die Kunst darin, in der Masse die Spreu vom Weizen zu trennen.

Um mal bei dieser fleischfreien Metapher zu bleiben: Welche Pitches heben sich von der Spreu ab? Nennen Sie Bespiele aus Ihrem Investitionsportfolio?
Unser letztes Invest ging an die Bugfoundation, deren Insekten-Burger jüngst auch in der Höhle der Löwen verkostet wurde. Die Jungs haben uns mit ihrer neuen Perspektive auf Food überzeugt. Sie wagen den Versuch eines Cultural Change, denn Insekten auf dem Teller bleiben in Europa ein stranges Thema. Ob die Wette aufgeht oder eben nicht, wissen wir nicht. Dennoch hat uns die Investition gereizt – wegen der Gründer selbst, des Produktdesigns und des Vertriebsansatzes. Grillido rollt den deutschen Wurstmarkt mit Sport- und Bratwürsten in herausragender Zusammensetzung auf. Und dies mit einer in dem Bereich außergewöhnlichen Marketingstrategie. Kurz: die Wurstrevolution, die übrigens mit dem deutschen Gründerpreis ausgezeichnet wurde.

Vielleicht noch ein Beispiel jenseits des Trendthemas Replacement?
Etwas länger sind wir schon bei Lycka mit an Bord. Die Hamburger bringen Eis, Cold Brew und Power-Riegel in den Markt. Auch in diesem Fall überzeugten Team, Produkt und Design. Zudem ist der soziale Ansatz spannend: Ein fester Cent-Betrag jedes verkauften Produkts geht an ein Ernährungsprojekt in Burundi. Hafervoll hat die englische Art des Müsliriegels, den Flapjack, zu seiner Geschäftsidee gemacht und es so in den Lebensmitteleinzelhandel geschafft. Ein tolles Produkt, das in weniger komplexer Rezeptur von dem Unternehmen Schwartauer Werke mit dessen Riegelmarke kopiert wurde; „Haferkraft“ heißt deren Riegel. So ein Angriff eines Großen begeistert ein Start-up natürlich nicht, aber es ist auch ein Ritterschlag für das eigene Produkt.

Das sind Beispiele aus Deutschland. Viele Branchen denken Innovation und Gründung global. Gilt das auch für Food?
Die Trends sind durchaus globale Trends, gerade Food-Tech wird international betrachtet. In den USA fließen vor allem in zukunftsweisende Food-Trends wie Replacements Investitionsvolumen, die für den deutschen Markt nicht vorstellbar sind. Leider gilt, was so oft gilt: Deutschland entwickelt vieles mit dem Blick auf die USA. Neue Rocket Science kommt nicht von hier. Nehmen wir das Beispiel Soylent: Mit ihrem Nahrungsersatz haben die US-Gründer einen echten Trend losgetreten. Erst in dessen Folge sind deutsche Pendants auf den Markt gekommen. Diese sind aber durchaus spannend. Wir haben zum Beispiel in Runtime investiert.

In den USA können Food-Starter also tendenziell auf höhere Geldspritzen als in Deutschland hoffen. Gibt es weitere Spezifika, die einen Start hierzulande erschweren?
Im Vergleich zu den USA haben es deutsche Gründer extrem schwer, in den Lebensmitteleinzelhandel vorzudringen. Bis sie bei einem Rewe, einem Edeka oder einem Bio-Supermarkt ein Listing bekommen, müssen sie Region für Region erobern. In den USA kann ein großes Listing schon ein Drittel des Landes ausmachen. Das heißt, Start-ups bekommen relativ schnell eine ungemein große Traktion im US-amerikanischen Markt. In Deutschland ist das hingegen ein Marathon. Das macht es definitiv schwer.

Wie beraten Sie Gründer für die Langdistanz von der Idee zum Geschäftserfolg?
Egal, welches Produkt sie haben, ob sie online oder stationär vorgehen, sie müssen in die Fläche gehen, denn in der Fläche ist der große Umsatz. Allerdings ist genau dieser Schritt extrem schwierig. Gefragt ist Vertriebskompetenz, doch die haben nicht viele. Entweder bringen Start-ups diese mit oder sie müssen sich welche reinholen. Die meisten scheitern nicht an der Güte des Produkts, sondern an dessen Vertrieb.

Danke für das Interview und guten Appetit für Ihre Stulle an diesem Abend!

 

Wolf M. Nietzer ist studierter Jurist und als Transaktionsanwalt in Deutschland und den USA aktiv. Seit 2010 engagiert er sich als Business Angel. Seit Schwerpunkt liegt im Food Sektor in den Bereichen Produkte, Food Tech, Food Internet sowie Systemgastronomie. Er ist Co-Founder der Food Angels Germany, einer kleinen Gruppe von Investoren mit Fokus auf innovativen Food-Start-ups.