Wer etwas von Java, Python oder Go versteht, ist derzeit in Start-ups heiß begehrt. Etablierte und neue Insitute bieten die passenden Ausbildungen an – aber hinter ähnlichen Programmen verbergen sich oft unterschiedliche Philosophien.

Ob klassisch von der Uni oder ausgebildet per E-Learning auf einem Online-Portal: Softwareentwickler werden deutschlandweit immer noch händeringend gesucht. Laut eines aktuellen Reports des Entwicklernetzwerks Stack Overflow würden 65 Prozent der Unternehmen auf dem deutschen IT-Markt gerne zusätzliche Mitarbeiter einstellen. 71 Prozent sehen diesen Fachkräfte-Engpass den Angaben zufolge sogar als schädlich fürs Geschäft an. Gerade Start-ups, deren Geschäftsmodell häufig vor allem auf digitalen Plattformen und neuen Algorithmen basiert, sind darauf angewiesen, dass Entwickler früh an Bord kommen – und lange den Abwerbeversuchen der Konkurrenz widerstehen.

Um mehr Entwickler zu entwickeln, sind daher die Ausbildungsstätten in Deutschland gefragt. Und neben klassischen Informatikstudiengängen sind auch neue Anbieter auf den Markt gekommen, die den Engpass reduzieren wollen. Programmieren kann man laut Werbebroschüren neben dem Job lernen, vertieft in Funktionsweisen und Theorien von Entwicklungssprachen oder in vielen Praxisprojekten, bei denen man sich langsam voran arbeitet. So ähnlich viele Ausbildungsprogramme auf den ersten Blick wirken, so unterschiedlich sind häufig die tatsächlichen Stundenpläne – und die Philiosophien der Anbieter dahinter.

Für viele Entwickler – jung wie versiert – gilt: Was früher der Lebenslauf war, ist für sie heute das GitHub-Profil. Wer auf der Open-Source-Plattform für Programmierprojekte möglichst viele Arbeitsproben vorzeigen kann, erhöht seine Chancen auf einen guten Job. Vorzeigbarer Code, der funktioniert und nachvollziehbar geschrieben ist – das ist die neue Messlatte für angehende IT-Experten.

Die sogenannte Code University legt genau auf den Praxisbezug ihr Augenmerk.  Sie vergibt keine Noten für ihre Studierenden, sondern bewertet ausschließlich Projektarbeiten. Creditpoints gibt es je nach Zeitaufwand. Projektbasiertes Lernen: Das soll der Schlüssel zum Erfolg für angehende Programmierer sein – das sieht nicht nur die neue Berliner Hochschule so, die in diesem Herbst mit staatlicher Anerkennung ihren Betrieb aufnehmen konnte.

Viele alte und neue Lernangebote lehren mittels Kooperationsprojekten – oftmals mit Beteiligung bekannter Größen aus der IT-Branche. Das soll die Softwarespezialisten von morgen hervorbringen.

Vorlesungsplan – Fehlanzeige

An der Berliner Code University ist Hochschulpräsident Manuel Dolderer mit für die Entwicklung des Lehrplans zuständig – oder eher nicht. Denn darauf verzichtet die staatlich anerkannte private Hochschule bewusst. Das Konzept steckt noch im Aufbau, die ersten 88 Studierenden stecken mittendrin in einem agilen Entwicklungsprozess. Sie haben gerade ein erstes Orientierungssemester abgeschlossen und legen sich mit Beginn dieses Jahres auf einen der drei Studiengänge fest. Entweder wählen sie „Software Engineering“, „Interaction Design“ oder „Product Management“.

Das Konzept der Code University sei, Studierenden möglichst wenige Inhalte vorzuschreiben, so Dolderer. Die Hochschule habe für die drei Studiengänge jeweils ein Kompetenzraster entwickelt, das vorgebe, welche Lernfortschritte für den Abschluss Voraussetzung seien. „Aber wir geben nicht vor, was die Studierenden wann am besten lernen sollten“, sagt der 41-Jährige. „Die Haltung, dass sich ein paar Experten zusammensetzen und behaupten, sie wüssten, welches Wissen in 20 Jahren noch relevant ist, finde ich schwierig.“

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Deshalb lautet die Devise der Code University: Findet doch selbst heraus, welche Inhalte ihr für welches Projekt genau braucht. Die Idee ist, auf Anfrage der Studierenden Vorlesungen und begleitende Kurse anzubieten. Für das Studium bezahlen sie insgesamt knapp 27.000 Euro. Angelegt ist es auf drei Jahre, kann aber auch ein paar Semester länger dauern. Am Ende gibt es den Titel Bachelor of Arts – die Note allein basierend auf der wissenschaftlichen Abschlussarbeit und einem Projekt – und eine lange Liste an Projektreferenzen mit einschlägigen Namen: Facebook, Zalando und Trivago gehören zu den Partnerunternehmen der Code University.

Ein richtig guter Softwareentwickler zeichnet sich nach Meinung von Dolderer zu 50 Prozent durch hartes Technikwissen und zu 50 Prozent durch Softskills aus: darunter Kreativität, Kommunikationsfähigkeit, Beobachtungsgabe und die Fähigkeit, die richtigen Fragen zum jeweiligen Problem zu stellen. In der Teamarbeit lernten die Studierenden, sich selbst und die Gruppe zu beobachten. Nur so entstehe Lernfähigkeit und die Gabe, Fehler zu finden und zu beseitigen.

„Das Problem ist, dass diese Softskills bei gewöhnlichen Ausbildungs- und Studienprogrammen oft völlig außen vor gelassen werden“, so Dolderer. Spezialisiertes Fachwissen, zum Beispiel über Programmiersprachen lasse sich relativ einfach kompakt vermitteln. „Aber die Fähigkeit, im Team komplexe digitale Produkte mit einem gesellschaftlichen Mehrwert zu entwickeln, hat viel mit Kommunikation und kritischer Urteilsfähigkeit zu tun“, sagt der Hochschulpräsident. „Diese Form von Bildung kann kein Online-Kurs der Welt ersetzen.“

Welt des digitalen Lernens

Die digitale Lernplattform Udacity will trotzdem Mitmischen in der Ausbildung von Softwareentwicklern. Auch die Code University greift für einzelne Lerneinheiten auf das Online-Angebot von Udacity zurück. Das Bildungsportal stammt aus dem Silicon Valley und bietet kostenlose Kurse an. Beispielsweise können sich Anfänger innerhalb von sieben Tagen Basiswissen zur Apple-Programmiersprache Swift beibringen, mittels Übungen und Quizfragen. Neben den kostenlosen Inhalten wirbt Udacity mit sogenannten Nanodegree-Programmen. Das Versprechen: Zum Beispiel mit dem Kurs „Programmieren für Anfänger“ innerhalb von fünf Monaten erste Schritte als Webentwickler zu gehen. Kostenpunkt: knapp 400 Euro.

„Wir maßen uns nicht an, dass wir nach drei Monaten einen fertigen Entwickler produzieren“, sagt Nicolas Dittberner, Regional Manager Europe bei Udacity. In Europa nehmen laut des Managers jeden Monat 5.000 Menschen aktiv am Nanodegree-Programm teil – die Online-Plattform sei ein Angebot für lebenslanges Lernen, also in erster Linie begleitend zum Job. „In der Start-up-Welt geht es oft darum, die gefragten Programmiersprachen zu können und gute Praxiserfahrung zu besitzen“, sagt der 37-Jährige. „Fachliche Vorgesetzte sehen in der Regel ganz genau das Portfolio des GitHub-Accounts an oder fragen nach Projekten, an denen der Kandidat mitgearbeitet hat.“ Sauber programmieren und schnell Probleme durchdringen, das mache einen guten Programmierer aus, so die Meinung von Dittberner.

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Lernen im Schnelldurchlauf sieht Helmut Seidl kritisch. Der 59-Jährige unterrichtet unter anderem Programmieren in Java und Programmoptimierung an der Fakultät für Informatik an der Technischen Universität (TU) München, der im IT- und Innovationsbereich immer wieder einen guter Ruf bescheinigt wird. 5.300 Studierende sind derzeit an der Fakultät eingeschrieben. Sie durchlaufen ein klassisches dreijähriges Bachelorstudium inklusive zwei verpflichtenden Praxisphasen und mehreren Projektarbeiten.

Beispielsweise gehen die Studierenden in einer Art Simulation als Projektentwicklerteam in Industrieunternehmen und lösen vereinfachte Programmieraufgaben. „Durch die Projekte halten wir unsere Inhalte aktuell“, sagt Seidl. Außerdem werde ein Großteil der Vorlesungen von praktischen Übungen begleitet.

Den Vorwurf, dass die klassischen Universitäten zum Großteil kaum praxisrelevantes und überholtes Wissen vermitteln, lässt er nicht gelten: „Es stimmt zwar, dass man vor 15 Jahren teilweise durch ein Informatik-Studium kommen konnte, ohne eine einzige Zeile Code geschrieben zu haben“, sagt Seidl. „Aber diese Zeiten sind lange vorbei.“ Viel wichtiger sei, dass Studierende ein tiefes Verständnis für Programmiersprachen, deren Konzepte und die technischen Möglichkeiten entwickeln.

Nachhaltigkeit mal anders

Zentrales Ziel des Informatik-Studiengangs an der TU München sei, den Gedanken der Nachhaltigkeit zu vermitteln: Es sei sehr einfach, innerhalb kurzer Zeit eine Software zu programmieren, die funktioniert. Dafür genügt laut Seidl die sogenannte Copy-and-Modify-Strategie, also das Abschreiben und Verändern eines bereits bestehenden Codes. „Das ist eine extrem effiziente Methode, um Probleme mit Hilfsmitteln zu lösen, von denen man bestenfalls ein intuitives Verständnis hat.“ Mit etwas Glück funktioniere das Programm einwandfrei, so Seidl. Aber er nennt das „Wegwerf-Software“. Denn durch das reine Kopieren hätten es andere Entwickler sehr schwer, mit der Software weiterzuarbeiten und sie zu verbessern.

Außerdem sei auch die Nachhaltigkeit in der Ausbildung wichtig: Die Inhalte eines Studiums müssten das Rüstzeug für jahrzehntelange berufliche Praxis zur Verfügung stellen, so Seidl. „Wenn wir uns auf aktuell hippe Themen konzentrieren, ist das nur für den Moment gut.“ Denn irgendwann könne zum Beispiel Java aus der Mode kommen. Stattdessen werden Sprachen wie Rust oder Go wichtiger. „Gute Programmierer müssen nicht nur die Syntax der Programmiersprache kennen. Sie benötigen Erfahrung im Lösen von Problemen und müssen in der Lage sein, auf neue Herausforderungen kreativ zu reagieren“.