In der Landwirtschaft schreitet die Digitalisierung voran. Auch für Investoren bietet dieser Bereich großes Potential, findet Kolumnist Niklas Veltkamp.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: Heute schreibt Niklas Veltkamp, Mitglied der Geschäftsführung beim Branchenverband Bitkom und dort für Start-ups zuständig.

Beim Stichwort Landwirtschaft kommen den meisten Menschen zwei Assoziationen in den Sinn: Die einen denken sofort an große Trecker und Mähdrescher, die anderen an kleine, beschauliche Höfe mit glücklichen Tieren. Landwirtschaft verbindet man mit Natur, mit Tieren, mit kräftezehrender, anstrengender Arbeit bei Wind und Wetter.

Kaum jemand denkt bei Landwirtschaft an High-Tech, an Digitalisierung, an Innovationen. Dabei gibt es heute bereits zahlreiche Landwirte, die ihre Höfe und Felder komplett vernetzt haben – und mehr Zeit vor ihrem Laptop verbringen als im Kuhstall.

Der Mähdrescher, der satellitengesteuert über den Acker navigiert; die Kuh, die eine SMS schickt, wenn sie kalbt; oder die Drohne, die Saatgut und Düngemittel verteilt – all das ist bereits Realität. Sensoren, IoT und Big Data sind im Agrarbereich schon lange keine Fremdworte mehr.

Deals in gigantischen Ausmaßen

Fast jeder fünfte Landwirtschaftsbetrieb nutzt Umfragen zufolge bereits solche Industrie-4.0-Anwendungen. Die Vorteile einer digitalisierten Landwirtschaft sind offensichtlich: landwirtschaftliche Erzeugnisse lassen sich günstiger herstellen, weil die Effizienz höher ist, die Arbeitsorganisation flexibler und die Wartung von Maschinen und Geräten besser geplant wird.

Doch gleichzeitig hat jeder fünfte Landwirt noch keine konkreten Pläne dazu, kann sich aber immerhin vorstellen, künftig auf Industrie-4.0-Anwendungen zu setzen. Und auch in Start-up-Medien und der Öffentlichkeit wird die Digitalisierung der Landwirtschaft bisher allenfalls als Randthema behandelt – obwohl die Deals hier bereits jetzt gigantisch sind.

Der Chemiekonzern Bayer kauft den US-Saatgutriesen Monsanto für 66 Milliarden Dollar – und wird damit zum weltweit größten Hersteller von Pflanzenschutzmitteln und Saatgut. Dieser Kauf ist die größte Übernahme, die ein deutsches Unternehmen je getätigt hat. Finanzierungsrunden von AgTech-Start-ups erreichen diese Bewertung (noch) nicht, aber ähnlich wie im Bereich Mobility, Finance und Energy stehen auch im Agrarbereich Start-ups in den Startlöchern.

Krankheitsdiagnose per App

Das Start-up PEAT aus Hannover hat sich mit Plantix der Aufgabe verschrieben, Pflanzenschäden und Krankheiten durch die Aufnahme eines Bildes mit der Handykamera automatisch zu erkennen und sofort Vorschläge für eine Behandlung bereitzustellen. Künstliche Intelligenz, gepaart mit Geodaten und Wettervorhersagen, macht es so auch möglich, Frühwarnsysteme für Ernteverluste einzurichten, damit rechtzeitig Vorkehrungen getroffen werden können.

Auch die Viehwirtschaft wird in den Bemühungen der Start-ups nicht vergessen. Dropnostix aus Potsdam überwacht automatisiert den Gesundheitszustand der eigenen Milchkühe, um im Falle von Krankheiten zeitnah reagieren zu können. So kann den Tieren durch eine Anpassung der Futterrationen in der Regel schneller und kostengünstiger geholfen werden als bei akuten Krankheitssymptomen.

Dafür wird ein Sensor in den Pansen der Kuh zum dauerhaften Verbleib eingeführt, der alle Daten zur Beurteilung des Gesundheitszustands übermittelt und den Herdenmanager so rechtzeitig informieren kann.

Praktische Hilfe für Winzer

Das 2015 gegründete Berliner Start-up Aerolution wiederum sammelt Daten vom Feld über den Songbird 500AG, ein Unmanned Aerial Vehicle (UAV), das aussieht wie ein kleines Flugzeug. Durch die Bilder aus der Luft können z.B. die Pflanzenvitalität, der Schädlingsbefall oder Wasserstress über verschiedene, montierbare Sensoren erkannt werden. Die Flugroute wird einfach vorher geplant und dank Autopilot ist ein vollständig autonomer Flug möglich.

Das Internet-of-Things-Unternehmen MyOmega hat eine Lösung im Portfolio, die speziell auf die Bedürfnisse von Winzern ausgerichtet wurde: Traco Vino. Für die Sammlung von Daten zu Temperatur, Lichtintensität und der Luft- und Bodenfeuchtigkeit werden Sensoren auf den Weinhängen eingesetzt, damit die Winzer informiert und alarmiert werden können, falls ihre Weinreben besonderer Aufmerksamkeit bedürfen. Hinzu kommt, dass den Winzern auf Grundlage der Daten Vorhersagen gemacht werden können, wann die Pflanzen bewässert oder gedüngt werden müssen.

AgTech-Start-ups stärker fördern

Hinsichtlich der Förderung von Start-ups im AgTech-Bereich gibt es aktuelle Zahlen von AgFunder, die auf der Analyse von Informationen auf CrunchBase basieren. Sie schätzen das Funding-Volumen in diesem Bereich auf 1,75 Milliarden US-Dollar mit 307 Deals für das erste Halbjahr 2016. Insgesamt ist das Volumen um 20 Prozent gegenüber dem ersten Halbjahr 2015 stark zurückgegangen, die Anzahl der Deals aber um sieben Prozent gestiegen. Investments in Deutschland, etwa vom High-Tech-Gründerfond in das FarmTech Start-up fodjan, das ein intelligentes Futterprogramm für die Futterrationsgestaltung entwickelt hat, zeigen, dass auch hierzulande das Interesse an AgTech Investments wächst.

Die öffentliche Hand ist gefragt

Insgesamt besteht noch viel Potenzial für Investitionen in die Digitalisierung der Landwirtschaft, sowohl von privater Investorenseite als auch von der öffentlichen Hand. Die Bemühungen in Deutschland, die Breitbandverbindungen flächendeckend zu gewährleisten, gehen voran. Doch gerade im ländlichen Raum haben erst 25 Prozent der Haushalte Internetanschlüsse mit 50 Mbit/Sekunde. Zumindest für manche Technologien wie die Übermittlung von Bild- und Kartenmaterial zur Flächennutzung werden allerdings noch höhere Übertragungsgeschwindigkeiten benötigt.

Der Konsum von landwirtschaftlichen Gütern wird bis 2050 um 60 Prozent steigen: Diese Entwicklung unter den gegebenen Produktionsgrenzen erfordert eine effizientere Nutzung landwirtschaftlicher Flächen sowie die aktive Förderung von Neugründungen und Vereinfachung des Markteinstiegs für Start-ups.