Unternehmergeist ist nicht mehr nur Schlüssel für den Erfolg von Start-ups, sondern wird für die Überlebensfähigkeit großer, etablierter Firmen immer wichtiger.

Gastbeitrag von Andreas Pinkwart, Rektor der HHL Leipzig Graduate School of Management*

Als Tim Berners-Lee den Startschuss für das World Wide Web gab, erkannten nur wenige, dass nichts mehr so bleiben würde wie es vorher war. Ein Vierteljahrhundert später ist die Wucht der Innovation unübersehbar: Das Internet der Daten und zunehmend auch der Dinge hat die Welt flacher, schneller und interaktiver gemacht.

Zeit und Kosten von Transaktionen gehen gegen Null, und die Machtverhältnisse innerhalb der Lieferkette werden vom Kopf auf die Füße gestellt. Der Kunde, das über lange Zeit „unbekannte Wesen“, emanzipiert sich und rückt ins Zentrum einer neuen Wertschöpfungskette. Produkt- und Unternehmenslebenszyklen verkürzen sich und mit ihnen die Halbwertzeit von Geschäftsmodellen und Berufen.

Jugendliche stellen sich auf ein Berufsleben in verschiedenen Jobs und unterschiedlichen Unternehmen ein und sammeln meistens schon während ihres Studiums Erfahrungen als Freelancer oder Praktikanten in Start-ups. Wer möchte, kann ausschließlich mit seinem Können und dem unbändigen Willen zum Erfolg andere für seine Ideen begeistern, sie als Teammitglieder, Geldgeber, Coaches oder Mentoren für ein eigenes Start-up gewinnen.

Die zum Aufbau eines Start-up benötigte Zeit und damit auch die Opportunitätskosten für die Gründer sind erheblich gesunken, da immer mehr Gründungs-Know-how, Kapital und Infrastruktur für einen professionellen Start in geballter Form bereitstehen.

Dies erhöht nicht nur die Gründungsdynamik bei innovativen Start-ups, sondern fordert gleichzeitig die etablierten Unternehmen heraus. Ihnen drohen immer häufiger nicht nur Kunden und besonders agile Mitarbeiter, sondern ihre Geschäftsmodelle insgesamt abhanden zu kommen. Etablierte Unternehmen müssen lernen, dem neuen Wettbewerbsumfeld proaktiv mit Kreativität, Eigeninitiative und Risikobereitschaft auf möglichst allen Organisationsebenen zu begegnen.

Unternehmergeist ist nicht mehr nur Schlüssel für den Erfolg von Start-ups, sondern wird für die Überlebensfähigkeit großer, etablierter Firmen immer wichtiger.

Was Unternehmen tun müssen

  1. Die sprichwörtlichen Fenster und Türen im Innern wie nach außen öffnen, um mehr Mitarbeiter, Kunden und Lieferanten in den Innovationsprozess einzubeziehen (open innovation)
  2. Start-ups begleiten, sich systematisch an ihnen beteiligen (corporate venturing) und nach neuen Formen der strategischen Symbiose suchen
  3. Weitgehend autonom arbeitende, schwarmähnliche Projektteams und matrixähnliche Organisationsformen befördern und firmeneigene Programme wie Hackathons oder Labs auflegen, um gemeinsam mit jungen Talenten neue  Produkte, Prozesse und Paradigmen zu entwickeln
  4. Ins Silicon Valley pilgern und allein oder mit anderen Venture-Plattformen (accelerators) an internationalen Start-up-Hubs unterhalten
  5. Wert auf neue Geschäftsmodelle legen – selbst Technologiegiganten rücken sie gegenüber Produkt- und Prozessinnovationen in den Vordergrund.

Dies setzt einen grundlegenden Wandel der Unternehmenskultur voraus. Mitarbeiter brauchen mehr Freiräume und  flexiblere Einsatzmöglichkeiten und leisten in interdisziplinären Teams mit internen und externen Mitgliedern einen größeren Beitrag zum strategischen Erfolg des Unternehmens. Sie wandeln sich zu Unternehmern im Unternehmen (intrapreneure).

*) Andreas Pinkwart war von 2005 bis 2010 Wissenschaftsminister in NRW und ist seit 2011 Rektor der HHL Leipzig Graduate School of Management sowie Lehrstuhlinhaber für Innovationsmanagement und Entrepreneurship.