Sind Programmierkenntnisse notwendig, um in der Fintech-Welt Karriere zu machen?

Das halte ich nicht für unbedingt notwendig. Viel wichtiger ist, dass Mitarbeiter die Interaktion mit dem Nutzer, also das Produktdesign verstehen. Dazu gehört auch ein sehr gutes Verständnis der IT-Architektur und der aktuellen Methoden in der Entwicklung. Das heißt, ein Informatikstudium muss nicht unbedingt sein, aber durchaus ein sehr gutes Technikverständnis. Wenn ich Abteilungsleiter bei Banken berate, sage ich häufig: „Es ist nie zu spät, sich das technische Wissen anzueignen.“ Im Internet gibt es eine Menge an Angeboten, um sich selbst und auch die Mitarbeiter fortzubilden. Dreimonatige Intensivkurse beispielsweise sind eine gute Grundlage – auch für Bankangestellte, die einen Wechsel in die Fintech-Szene versuchen wollen.

Sie haben diesen Wechsel zwischen zwei Welten selbst erlebt: Von der Investmentbank Goldman Sachs in London zum Berliner Start-up BillPay. Wie groß sind für Bankangestellte die Chancen auf einen Job bei einem jungen Finanzdienstleister?

Der Einstieg in die Fintech-Branche kann für Kandidaten aus einer klassischen Bankposition sehr gut gelingen, wenn sie die Bereitschaft haben, sich in Arbeitsmethoden wie Design Thinking oder agile Entwicklung einzuarbeiten. Wer sich auf neue Tools und Prozesse einlassen kann, steht vor einem erfolgsversprechenden nächsten Karriereschritt.

Steht dann auf jeden Fall ein Umzug nach Berlin an?

In Deutschland liegt Berlin als Fintech-Standort klar vorne. Allerdings holt Hamburg stark auf. In der Stadt sitzen einige sehr erfolgreiche Start-ups wie Kreditech und Figo – dahinter stehen Gründerpersönlichkeiten, die die Szene voranbringen. Es besteht außerdem ein aktiver Austausch zwischen Banken und Fintechs. Ich bin der Meinung, dass kein Start-up aus dem Finanztechnologie-Bereich ohne Bankenkooperationen bestehen – oder überhaupt wachsen – kann. Deswegen kann auch Frankfurt als Standort punkten, denn dort sind die ganzen potenziellen Kooperationspartner vertreten. Aber die Mainmetropole muss sich kräftig anstrengen, um künftig mit Berlin mithalten zu können.

Der Anteil der Start-up-Gründerinnen in Deutschland liegt laut mehrerer Studien derzeit bei knapp 15 Prozent. Insbesondere in der Fintech-Szene fassen Frauen nur langsam Fuß. Wie haben Sie es geschafft, sich durchzusetzen?

Es ist wirklich nicht immer einfach, sich in einer Männerdomäne behaupten zu müssen. Wenn man es mit vielen großen Egos zu tun hat, findet man sich am besten zurecht, wenn man selbst auch ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt und sich von Herausforderungen nicht abschrecken lässt. Was mir immer geholfen hat, war die Unterstützung von anderen Frauen. Ich finde es sehr wichtig, dass man sich gegenseitig hilft und voneinander lernt. Die Finanzbranche ist einfach unglaublich interessant, weil rund um die Uhr auf der ganzen Welt Transaktionen stattfinden. Wer eine Affinität zu Zahlen und Finanzen hat, findet keinen spannenderen Job.