Deutsche Gründer kopieren zu oft den Stil der Amerikaner, kritisiert Investor Christian Miele. Mit Entertainment wollen sie von Problemen ablenken.

Christian Miele ist Mentor bei der gemeinnützigen Gründerinitiative Founders Foundation, die in diesem Jahr in Bielefeld gestartet ist. Der 29-Jährige kennt sowohl den deutschen Mittelstand als auch die Gründerszene: Der Ururenkel von Carl Miele, dem Gründer der Miele & Cie. KG, baute mehrere Startups mit auf und ist seit 2015 als Investor beim Wagniskapitalgeber e.ventures tätig.

Interview: Katja Scherer

WirtschaftsWoche-Gründer: Herr Miele, Unternehmer wie Elon Musk gelten als Inbegriff eines erfolgreichen Gründers: ambitioniert, wortgewandt und scheinbar durch nichts aufzuhalten. Warum gibt es kaum deutsche Gründer mit solcher Strahlkraft?
Christian Miele: In der deutschen Start-up-Szene wird immer sehr stark danach geschielt, was im Silicon Valley passiert. Amerikaner lernen schon ab der vierten Klasse, wie man sich vor eine Gruppe stellt und Dinge präsentiert. Sie entwickeln also schon sehr früh eine rhetorische Perfektion und eine Sicherheit im Auftreten, die den Deutschen von ihrer Art her oft fremd ist. Diese Unterschiede sollte man akzeptieren. Stattdessen aber versuchen immer mehr deutsche Gründer diesen amerikanischen Stil zu kopieren. Der Haken dabei ist: Viele verwechseln gutes Entertainment mit dem Wegreden von Problemen.

Aber wer als Gründer nicht davon überzeugt ist, dass er alle Probleme meistern kann – der kann doch gleich aufgeben.
Selbstbewusstsein und Zuversicht sind wichtig, absolut. Aber Gründer dürfen dennoch nicht die Augen vor der Realität verschließen. Wenn ein Geschäftsmodell Lücken aufweist, dann merke ich das als Investor sowieso. Wenn ich dann aber auch noch das Gefühl habe, der Gründer will nur davon ablenken, anstatt sich ernsthaft mit den Problemen auseinanderzusetzen, dann ist das alles andere als vertrauensfördernd. Für mich als Investor ist es eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen, dass ein Geschäftsmodell in sich stimmig ist und sich damit Geld verdienen lässt.

Viele mit Wagniskapital finanzierte Start-ups wie Uber schreiben jahrelange hohe Verluste. Inzwischen gilt das doch fast schon als normal.
In manchen Märkten ergibt das natürlich auch Sinn. Aber hohe Verluste einzufahren, darf keine Selbstverständlichkeit sein. Wagniskapital soll die Entwicklung eines Unternehmens lediglich beschleunigen und nicht Wachstum vorgaukeln, das ohne Investoren gar nicht möglich wäre. Da hilft ein Gedankenspiel: Theoretisch sollte ein Start-up immer in der Lage sein, binnen weniger Wochen auf Profitabilität umzustellen– angenommen, alle Investoren würden sich zurückziehen. Es darf keine zu große Abhängigkeit von der Fremdfinanzierung entstehen.

Das aggressive Wachstumsimage, das manche Start-ups propagieren, stößt gerade im deutschen Mittelstand oft auf Ablehnung. Denkt der Mittelstand zu altmodisch?
Auf gar keinen Fall. Gründer haben lange Zeit in ihrer eigenen Blase gelebt und wurden von Politik und Wirtschaft eher belächelt. Das Image des wilden Revoluzzers war auch eine Antwort darauf. Inzwischen aber haben sich die Voraussetzungen geändert. In immer mehr Branchen arbeiten Start-ups mit gestandenen Unternehmen in Partnerschaften zusammen. Damit das gelingen kann, muss es gemeinsame Werte geben. Bei der Founders Foundation versuchen wir das unter anderem zu fördern, etwa indem wir regelmäßige Veranstaltungen mit Start-ups und Firmenchefs organisieren. Gründer können vom deutschen Mittelstand viel lernen.