Buchbinder, Videotheken-Betreiber, Schuhmacher: Manche Gründer wählen Branchen, denen das Aus zu drohen scheint. Ihre Strategie: Diversifizierung und Alleinstellungsmerkmale.

3,9 Millionen E-Book-Käufer gab es 2014 laut dem Buchhandelsverband. Das ist bei weitem noch nicht die Mehrheit aller Leser, aber immerhin eine halbe Million mehr als im Vorjahr. Und der Umsatzanteil der E-Books steigt – während der Gesamtumsatz des Buchmarkes sinkt.

Beides sind keine guten Vorzeichen für kleine handwerkliche Buchbindereien. Dennoch haben sich Johanna Simon (46) und Coletta Siedenhans (49) vor fünf Jahren als Buchbinderinnen selbstständig gemacht. Warum bloß? Wie können Gründer in vom Aussterben bedrohten Berufen überleben, während Start-ups explizit Neues entwickeln und alte Branchenbilder über den Haufen werfen?

Mischkonzept für Nischenmärkte

Johanna Simon und Coletta Siedenhans haben den Beruf der Buchbinderei vor mehr als 20 Jahren erlernt und sind damals direkt in ihrem Lehrbetrieb geblieben. Damals gab es weder E-Books und E-Zeitschriften, noch Amazon oder zig Online-Dienste, bei denen man Fotobücher und Kalender selbst gestalten kann. Heute sind die Rahmenbedingungen verändert. Die Zahl der Buchbindereien hat sich laut der Buchbinderinnung von mehr als 10.000 auf circa 900 reduziert und sinkt jährlich um weitere drei bis vier Prozent. Dennoch wollten die beiden Frauen aus Gütersloh weitermachen, als ihr Chef in Rente ging. „Wir haben uns sogar gefreut, selbst etwas aufzubauen und einige Dinge anders anzugehen“, erzählt Johanna Simon.

Tatsächlich haben die beiden vieles verändert: Neuer Laden, neuer Name und neues Konzept. Das Geschäft der beiden Unternehmerinnen ist nicht nur Buchbinderei, sondern gleichzeitig eine Werkstatt für Bilderrahmung und eine Galerie für Malerei und Skulpturen. „Die Materialien bei Buchbinderei und Bilderrahmung ähneln sich sehr“, sagt Simon. Mehrere Buchbinder kombinieren beide Tätigkeiten.

Der Clou am Konzept der beiden Frauen ist der offene Übergang der Galerie zur Werkstatt. Dadurch würden viele an Kunst interessierte Kunden ins Geschäft kommen und dabei auch die anderen Angebote kennenlernen.