765 Millionen US-Dollar will die Investment-Firma Atomico in europäische Start-ups investieren – und sieht großes Potenzial auf dem deutschen Markt.

„Atomico IV“, der heute offiziell geschlossen wird, ist einer der größten Venture-Capital-Fonds überhaupt mit Fokus auf den europäischen Markt. Das Geld der Investment-Firma von Skype-Gründer Niklas Zennström soll dazu dienen, hochspezialisierte Tech-Firmen zu Weltmarktführern zu machen. Im Interview mit WiWo Gründer spricht Yann de Vries, zuständiger Atomico-Partner für Deutschland, über die Erfolgschancen für europäische Gründer – und die Stärken des deutschen Marktes.

WirtschaftsWoche: 765 Millionen US-Dollar stecken in Ihrem Fonds Atomico IV, der jetzt geschlossen wird. Wieso blicken Sie und Ihre Investoren so optimistisch auf die europäische Start-up-Landschaft?

Es ist heute wahrscheinlich erfolgsversprechender, ein Start-up in Europa zu gründen als im Silicon Valley. Hier wächst die Zahl der Entwickler und Programmierer, hier kann man leichter wichtige und loyale Talente finden und an sich binden. Zuerst gab es werbefinanzierte Start-ups – da hatten US-Firmen den großen Markt vor der eigenen Haustür. Auch beim kapitalintensiven E-Commerce hatten es Amerikaner leichter. Durch den Trend zu Mobile und dank der Cloud wurde es egal, wo etwas gegründet wird – und gleichzeitig sanken die Eintrittskosten. Bei Künstlicher Intelligenz etwa geht es heute ausschließlich, darum eine ausgefeilte Technologie zu erschaffen.

Und da kann Deutschland mithalten?

Gerade in Deutschland hat sich viel getan. Es existiert hier eine starke industrielle Basis rund um Autos, Luftfahrt und anderes. Dazu gibt es viele starke Hochschulen, die Talente hervorbringen. Und durch den Erfolg von Rocket Internet gibt es viele Leute, die die notwendige Erfahrung mitbringen, um ein Start-up groß zu machen. Aber es gibt weiterhin eine Lücke für Start-ups, die global ihre Branche dominieren wollen. Wir wollen die vielversprechendsten Unternehmen auf dem Weg dorthin begleiten.

Wie soll diese Hilfe aussehen?

Wir suchen nach Firmen, deren Konzept sich am Markt bewährt hat. Von Series A-Finanzierungen aufwärts wollen wir uns dann beteiligen – das kann mal mit wenigen Millionen oder auch mit 15, 25 oder 30 Millionen Euro passieren. Die Größe unseres Fonds ermöglicht es uns, dem Start-up auch im Wachstum zu folgen. Außerdem haben wir zahlreiche neue Wachstumspartner an Bord, deren eigene Start-ups mit insgesamt sechs Milliarden US-Dollar bewertet werden.

Welche Branchen stehen in Deutschland im Fokus?

Wir sehen eine Menge interessanter Unternehmen. Investiert haben wir bereits in GoEuro und Lilion – beides Firmen, die ihre Branchen anführen können. GoEuro kann den großen Durchbruch in Europa schaffen und wird auch in Asien rasch wachsen. Und Lilium Aviation hat das Potenzial, den gesamten Markt des innerstädtischen Transports umzuwerfen. Daneben sehen wir viele spannende Start-ups im Bereich von Deep Tech, Hardware, Künstlicher Intelligenz und auch Fintech.

Wäre es nicht sinnvoller, sich die Suche nach Investmentmöglichkeiten in ausgewählten Branchen zu begeben?

Wir arbeiten sehr generisch – wir wollen für jede Möglichkeit bereitstehen. Wenn man zu sehr auf einen Sektor fokussiert, verpasst man leicht wichtige Veränderungen. Vor zehn oder 15 Jahren hätte wohl kein VC-Investor in ein Unternehmen investieren wollen, das den Taximarkt global revolutionieren will.

Und mit Ihrem neuen Fonds können Sie jetzt das Geld mit vollen Händen ausgeben.

Wir werden weiterhin sehr selektiv investieren. Wir sind in Kontakt mit etwa 2000 Unternehmen pro Jahr und investieren pro Jahr in höchstens zehn Firmen, oft sogar weniger. Wir wollen so das Risiko für den Fonds reduzieren und das Tempo erhöhen: Lieber vorher viel Zeit in das operationelle Screening stecken als neun Monate nach dem Investment feststellen, dass man auf dem falschen Weg ist.

Woher stammt das Geld in Atomico IV?

Das ist jetzt unser vierter Fonds. Und mit jeder Generation sind wir durch unsere Geldgeber globaler, schlauer und strategischer geworden. Wir haben jetzt Pensionskassen, Staatsfonds, Family Offices und noch viele andere Investoren an Bord. Finanziell wollen alle profitieren, aber viele bringen auch ein strategisches Ziel mit.

Und wie sieht das aus?

Staatsfonds etwa investieren normalerweise in viel größerem Maßstab, können sich bei uns aber einen Überblick verschaffen, welche Unternehmen und Branchen sich nachhaltig verändern. Und für einige Investoren aus Unternehmenskreisen bieten wir ein Fenster in die Welt – sie sehen, wo und wie sich Branchen verändern.