Jugendlichkeit scheint für Start-ups der entscheidende Wettbewerbsvorteil zu sein. Dabei sind Gründer in Deutschland im Schnitt 40 Jahre alt. Und gerade deshalb erfolgreich. Unsere Serie über die Vorteile des Alters.

Gründer sind jung und kommen frisch von der Uni? Von wegen: Nach Angaben der KfW ist jeder dritte Gründer in Deutschland älter als 45. Zwar umfasst die Statistik nicht nur hippe Start-ups, sondern auch die vermeintlich biedere Old Economy: Anwaltskanzleien, Pflegedienste oder Restaurants. Doch immerhin 15 Prozent der über 45-jährigen Gründer waren laut KfW mit digitalen Geschäftsmodellen aktiv.

Und der Deutsche Startup-Monitor, eine Befragung von etwa 1200 Start-ups, stellt fest: Der Altersdurchschnitt steigt sogar. Im Jahr 2013 waren noch weniger als zehn Prozent der Gründer älter als 45. Im vergangenen Jahr waren es bereits fast 20 Prozent. Ist der Jugendwahn der Gründerszene womöglich eine Illusion? Was erleben ältere Menschen, die den Schritt wagen? Unsere Serie sammelt Argumente für das Gründen im Alter.

Endlich frei! Wirklich etwas bewegen – und eigene Ideen verwirklichen. Jörg Bienert hatte sofort ein gutes Gefühl, als er vor 13 Jahren seinen Vorstandsjob aufgab. Knapp 15 Jahre hatte er als Angestellter gearbeitet, zuletzt beim deutschen Ableger eines schwedischen IT-Dienstleisters. Dann machte er sich selbstständig. „Das Web 2.0 kam gerade auf“, sagt Bienert heute, „es gab so viele neue Möglichkeiten.“ Zunächst arbeitete er als freier Unternehmensberater, im Jahr 2007 gründete er sein erstes Start-up – im Alter von 41. Bereut hat er das nie, im Gegenteil.

Bienert startete in Köln zunächst Empulse, heute ein Dienstleister für Onlineportale, und 2011 schließlich Parstream. Das Unternehmen entwickelte eine Technologie zur schnellen Analyse von Daten, die beispielsweise in Windräder oder andere Anlagen integriert werden kann. Mit dieser Idee sammelte Bienert im Silicon Valley innerhalb von einem Jahr Wagniskapital in Höhe von fast 13 Millionen Euro – für deutsche Startups eine mittelgroße Sensation.

Selbstbewusst durch Lebenserfahrung

Die noch größere, zumindest für Bienert persönlich, kam Ende 2015: Da kaufte der US-Techkonzern Cisco das Kölner Start-up. Für Bienert hat es sich gelohnt, in der Lebensmitte noch einmal mutig zu sein – und den sicheren Angestelltenjob gegen die unsichere Selbstständigkeit zu tauschen. Doch der Parstream-Gründer fühlte sich erst durch seine Lebens- und Führungsverantwortung bereit für ein eigenes Unternehmen: „Eine Gründung direkt nach dem Studium hätte ich mir nicht vorstellen können.“

Ein solches Maß an Reflexion ist nicht nur sympathisch, sondern auch nützlich. Tatsächlich lassen einige Studien vermuten: Je älter jemand ist, desto selbstbewusster schätzt er die eigenen Fähigkeiten ein. Beispielsweise gaben in einer Befragung der HypoVereinsbank unter 248 Gründerinnen mehr als die Hälfte der über 40-Jährigen an, gut verhandeln und überzeugen zu können. Unter den Jüngeren war es nur jede Dritte.