Einfach ausprobieren. Oder besser nicht? Zweifel, Sorgen und Ängste stehen Gründern oft im Weg. Ein Plädoyer für mehr Mut.

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer: Heute schreibt wieder Tijen Onaran. Sie ist Gründerin von startup affairs, einer PR und Public Affairs Beratung für Start-ups, Venture Capitals und Unternehmen. Mit Women in Digital e.V. vernetzt Onaran Entscheiderinnen der Digitalbranche und macht diese sichtbar. Vor der Gründung von startup affairs war sie als Leiterin Kommunikation beim Onlinehandelsverband Händlerbund und in unterschiedlichen Funktionen für Bundestags-, Europaabgeordnete sowie das Bundespräsidialamt tätig.

Als ich mich Anfang vergangenen Jahres selbstständig machte, war einer der häufigsten Kommentare: „Du traust dich was“ in Kombination mit „so mutig wäre ich auch gerne“. Noch dazu erkundigten sich meine Eltern beim Karlsruher Arbeitsamt, wie denn die „Konditionen“ des ALG I seien, sollte das mit dem Unternehmertum doch schief gehen. Ich fragte mich also: Warum wird der Schritt in die Selbstständigkeit als etwas derart Besonderes oder eben „Mutiges“ angesehen?

Mutig sein heißt verantwortlich sein

Wenn Gründerinnen oder Gründer in Interviews gefragt werden, wie ihre Tipps lauten, um erfolgreiche Unternehmerinnen und Unternehmer zu werden, ist eine wiederkehrende Antwort: „Seid mutig!“ Als ich noch nicht selbstständig war, klang dieses „Mutig-sein“ immer toll – es hatte was von unglaublicher Stärke, von anpacken, nicht lange überlegen, sondern einfach machen!

Tatsächlich ist das Machen fester Bestandteil meiner täglichen Arbeit. Allerdings war es das auch schon, als ich noch angestellt war. Zum Machen hat sich allerdings eine kleine große Schwester dazugesellt – nämlich: Verantwortung. Jedes Handeln, jeder Akt hat in meinem unternehmerischen Wirken eine Auswirkung. Im Übrigen: jedes Nicht-Handeln auch. Verantwortlich zu sein bedeutet für mich, das eigene Tun zu hinterfragen, es allerdings nicht permanent in Frage zu stellen. Das eigentliche Mutig-sein bedeutet für mich, verantwortlich zu sein für mein Handeln, meine Kunden und letztlich auch und gerade für mich.

Wer nicht wagt, der nicht gewinnt

Vor Kurzem gab ich bei einem größeren Mittelständler einen Workshop zum Einsatz digitaler Kanäle und Personal Branding. In der Feedback-Runde sagten Teilnehmer, dass ich ihnen die Angst vor Social Media genommen habe. „Angst?“, fragte ich. – „Ja, die Angst davor, etwas falsch zu machen.“ Da verlasse sie der Mut.

Dass die Angst nie ein guter Ratgeber oder gar Begleiter ist, ist vielen zwar bekannt. Aber das gerät in Vergessenheit, wenn es um Neues oder Ungewohntes geht. Den üblichen Pfad zu verlassen oder mal links statt rechts abzubiegen, ist für viele bereits die Mutprobe schlechthin. Wenn ich vor einer Entscheidung stehe, die Mut kostet, hilft mir ein einfacher Trick. Ich stelle mir eine Frage: „Was kann dir schlimmstenfalls passieren?“ Meist fällt die Antwort so aus: Der Worst Case ist eigentlich keiner und am Ende steht immer ein Lernprozess.

Schön zu beobachten ist dies auch bei unserer Kampagne #365faces of WIDI, die seit Anfang des Jahres über unseren Facebook Kanal von Women in Digital e.V. läuft. Die Kampagne stellt Frauen vor, die Digitalisierung gestalten – mit einem kurzen selbstaufgenommenen Video. Auch hier zeigt sich immer wieder: Es bedarf das eine oder andere Mal Zuspruch, um mutig zu sein und sich zu trauen. Das Ergebnis: Geschäftsbeziehungen, Mentorings, Interviews und Auszeichnungen wie bei unserem #digitalfemaleleader Award.

Das Machen ist lernbar

Unternehmerisch zu handeln und zu denken wurde mir nicht in die Wiege gelegt. Sicherheit, feste Strukturen, klarer Weg – das waren früher die Schlagworte beim Abendbrot. Auch während der Schulzeit war Unternehmertum nicht wirklich eine berufliche Option. Dennoch: Als Angestellte war ich immer mehr Intrapreneurin. „Machen statt hadern“, das war und ist immer mein Motto. Dem ging allerdings auch ein Lernprozess mit vielen Höhen und Tiefen voraus, der bis heute andauert. Mutig zu sein heißt: Nicht wissen, was passiert, nicht planen können und trotzdem das große Ganze im Blick haben.

Mein Mut hat mich vielleicht auch einmal kurz verlassen, aber er hat nie aufgegeben – das ist die beste Triebfeder unternehmerischen Handelns, ob als Intrapreneur oder Entrepreneur!