Bisher operiert der Anbieter von Großbritannien aus. Eine Finanzierung über 28 Millionen Euro soll den Weg nach Deutschland ebnen.

Ärztliche Diagnosen und rezeptpflichtige Medikamente per Mausklick: Schon seit acht Jahren bietet Zava – vormals DrEd – telemedizinische Dienstleistungen an. Für Patienten in Deutschland geht das aus rechtlichen Gründen bisher nur über Umwege. Die Ärzte sitzen in Großbritannien, die Medikamente werden über Versandapotheken verschickt – und die Patienten müssen die Online-Behandlung in der Regel aus eigener Tasche bezahlen. Diese Einschränkungen sollen bald der Vergangenheit angehören. Wie das Start-up heute im Zuge einer Finanzierungsrunde ankündigte, will Zava noch im Sommer eine Niederlassung in Deutschland eröffnen.

„In den letzten Monaten hat sich auf regulatorischer Ebene unglaublich viel getan“, sagte Zava-Gründer David Meinertz im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer. „Für uns ist jetzt der richtige Zeitpunkt, Strukturen in Deutschland aufzubauen.“ Geplant sei, im August eine Online-Praxis mit festangestellten Ärzten in Hamburg zu eröffnen. Diese sollen die bisher aus Großbritannien betreuten Patienten übernehmen.

Fernbehandlungsverbot gelockert

Tatsächlich gab es zuletzt eine Reihe von regulatorischen Änderungen, die dem Start-up in die Hände spielen. Die vielleicht wichtigste Neuerung: Vor einem Jahr wurde auf dem Bundesärztetag eine Änderung der Berufsordnung beschlossen, die seither von den maßgeblichen Ärztekammern in den Bundesländern umgesetzt wird. Demnach dürfen Ärzte künftig auch neue, ihnen bis dahin unbekannte Patienten ausschließlich per Internet oder Telefon beraten.

Hinzu kommt: Mit dem Digitale Versorgung-Gesetz (DVG) und dem Gesetz für mehr Sicherheit in der Arzneimittelversorgung (GSAV) treibt die Bundesregierung aktuell die Digitalisierung im Gesundheitswesen voran. So soll das DVG die Hürden für Telemedizin deutlich senken. „Damit wird es möglich, Videosprechstunden für alle Indikationen mit den Krankenkassen abzurechnen“, erklärte Meinertz. Für Zava-Kunden bedeutet das: Die Behandlungsgebühr, die derzeit zwischen 9 und 29 Euro liegt, könnte entfallen.

Eine Regelung im GSAV wiederum sieht vor, dass Apotheken verschreibungspflichtige Arzneimittel künftig auch nach einer ausschließlichen Fernbehandlung abgeben dürfen. Für Meinertz ist das ein Triumph: Sein Start-up hatte anfangs Rezepte verschickt, die Patienten in der Apotheke ihrer Wahl einlösen konnten. Ende 2016 schob ein neues Gesetz – in Fachkreisen auch „Lex DrEd“ genannt – dem einen Riegel vor. Das Start-up wich deswegen auf Versandapotheken im EU-Ausland aus.

28 Millionen Euro Wagniskapital

Zusammengenommen bedeuten die Neuerungen, dass telemedizinische Behandlungen in Deutschland allmählich Vor-Ort-Behandlungen gleichgestellt werden. Meinertz rechnet deswegen mit einem deutlichen Nachfrageschub. Aktuell sei der deutsche Markt für das Start-up nach Großbritannien der zweitwichtigste – und der mit den höchsten Wachstumsraten. Das aktuell 190 Mitarbeiter große Start-up bietet seine Dienstleistungen bisher außerdem in Irland, Frankreich, Österreich und der Schweiz an. Zava gibt an, seit 2011 über drei Millionen bezahlte Arzt-Konsultationen durchgeführt zu haben.

Auch in anderen Ländern würden die regulatorischen Rahmenbedingungen derzeit angepasst, so Meinertz. „Dadurch tuen sich für uns eine Reihe von Wachstumschancen auf.“ Um schneller expandieren zu können, hat das nach eigenen Angaben längst profitable Unternehmen sich nun erstmals in großem Stil Wagniskapital gesichert: 28 Millionen Euro investierte der niederländische Wachstumsfonds HPE Growth.

Ein Grund für die neue Eile dürfte auch die wachsende Konkurrenz sein. Denn es entstehen neue Anbieter, die das Geschäftsmodell von Zava in Teilen kopieren. So ist vor einem Monat Spring an den Start gegangen – ein Telemedizin-Angebot, das sich auf Männergesundheit konzentriert. Außerdem hat die Terminvermittlungsplattform Doctolib angekündigt, künftig auch Videosprechstunden anzubieten. Bereits seit Anfang Juni können Ärzte auf dem Bewertungsportal Jameda über ihren Online-Terminkalender Videosprechstunden anbieten. Ambitionen werden auch der Versandapotheke DocMorris nachgesagt. Ein weiterer wichtiger Player ist Teleclinic: Die Plattform stellt die technische Infrastruktur für Ärzte, die Videosprechstunden anbieten wollen. Das dahinter stehende Start-up hatte zuletzt im November einen Millionenbetrag eingesammelt.