Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist ein wichtiges Anliegen – auch für Start-ups. Doch eine eigene Kita lohnt sich nicht immer.

Für Albrecht von Sonntag war die eigene Kindertagesstätte Ehrensache. Als dreifacher Familienvater weiß der Gründer des Preisvergleich-Portals Idealo, was es bedeutet, Arbeit und Kinder miteinander zu verbinden – und wie schwierig das manchmal sein kann: „Bei Arbeitszeiten von mindestens acht Stunden sind Kinder und Eltern sehr lange getrennt. Im Laufe der Zeit habe ich viele tränenreiche und dramatische Abschiedsszenen beobachten müssen und dann irgendwann beschlossen, zu handeln“, sagt der 43-Jährige.

Als Idealo vor einigen Jahren in ein neues Gebäude umzog, plante Albrecht von Sonntag darum bei der Auswahl der Immobilie auch gleich die Frage mit ein, ob man in den Räumlichkeiten eine betriebseigene Kita aufbauen könne. „Ich wollte die Vereinbarkeit von Beruf und Familie fördern und gleichzeitig natürlich unsere Attraktivität als Arbeitgeber. Wer, wie wir, technische Exzellenz gewinnen und halten möchte, muss heutzutage individuelle Lebensentwürfe berücksichtigen und auf den Wunsch der Mitarbeiter nach Flexibilität eingehen.“

Komplizierte bauliche Maßnahmen

Seit Anfang Oktober werden nun auf 470 Quadratmetern acht Kinder betreut, vier von Idealo-Mitarbeitern, vier von Angestellten anderer Unternehmen aus der näheren Umgebung. Für das kommende Jahr sind bereits 20 Kinder angemeldet. „Bis zu fünf Plätze werden zudem dauerhaft für neue Kollegen zurückgehalten, die nach Berlin kommen und schnell einen Platz benötigen und für Mitarbeiter, die bereits hier am Standort arbeiten und kurzfristig ihren Nachwuchs unterbringen müssen“, erklärt Albrecht von Sonntag.

Nur 250 Kilometer weiter nördlich, in Hamburg, war das Start-up Jimdo eines der ersten, das sich Gedanken um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf machte. „Hintergrund unserer Überlegungen war zum einen die Schwierigkeit in unserer Stadt einen passenden Betreuungsplatz zu finden und zum anderen die Möglichkeit den Tagesablauf unserer Mitarbeiter erheblich vereinfachen zu können, wenn der Weg zur Arbeit auch direkt der Weg zur Kita ist“, erklärt Gründer Fridtjof Detzner seine Motivation.

Ende 2013, nach einer Planungsphase von acht Monaten, eröffnete die Kita: „Man muss sich bewusst sein, dass die baulichen Maßnahmen kompliziert sind, da viele sicherheitsrelevante Themen beachtet werden müssen. Das fängt bei der Belüftung an und geht bis hin zum passenden Bodenbelag“, so Detzner.

Kosten von einer Million Euro

Auch Albrecht von Sonntag musste schnell einsehen, dass das Gründen einer eigenen Kita viel Zeit in Anspruch nimmt. Rund zwei Jahre dauerte es von der Planung bis zur Eröffnung, inklusive einem dreiviertel Jahr Bauzeit. „Die größte Herausforderung war es in jedem Fall, die Anforderungen an eine Kita in einem Altbau zu erfüllen. Dementsprechend haben wir viel Zeit für Gespräche mit den Ämtern aufgewendet.“

Hinzu kam, dass das Projekt durch die Vorgaben des Bezirks teurer wurde als ursprünglich geplant. Die bisherigen Kosten belaufen sich nach Angaben des Unternehmens auf knapp eine Million Euro.

Eine Kita lohnt nicht für jedes Unternehmen

„Eine Betriebskita ist teuer und administrativ hoch aufwendig“, bestätigt auch Regina Ahrens, Geschäftsführerin des Forschungszentrums Familienbewusste Personalpolitik in Münster, „aber sie kann sich lohnen: Schließlich ist die Frage der Kinderbetreuung für immer mehr Arbeitnehmer ein wichtiges Kriterium bei der Auswahl des Arbeitsplatzes.“ Untersuchungen haben zudem ergeben, dass Mitarbeiter einer familienbewussten Firma in Sachen Motivation und Produktivität weit vorne liegen.

Doch so positiv das auch klingt, jedes Unternehmen müsse sich ganz genau überlegen, ob sich eine eigene Kita wirklich lohne, sagt die Expertin. Nicht nur die Altersstruktur der Beschäftigten müsse stimmen: „Dies ist gerade bei Start-ups ja meistens der Fall, viele Mitarbeiter sind in einem Alter, in dem sie an Kinder denken“, sondern auch die Größe des Unternehmens. Bei kleinen Unternehmen sei eine eigene Kita eher nicht sinnvoll. „Das wäre eine fatale Investition, wenn die angebotenen Plätze hinterher gar nicht genutzt werden“, sagt Regina Ahrens.

Hinzu komme die Frage nach der kommunalen Betreuungsstruktur: In welchem Bundesland, in welcher Region genau befindet sich das Start-up? Ist es dort tatsächlich schwer, einen Kita-Platz zu bekommen?

Andere Start-ups zeigen Interesse

„Aber unabhängig davon, wie die Bedarfsanalyse ausfällt, sollte sich jedes Unternehmen Gedanken um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf machen. Dabei muss es nicht immer eine eigene Kita sein, die Alternativen sind vielfältig.“ Eine Lösung für kleine Start-ups kann zum Bespiel die Anmietung von Belegplätzen in bereits bestehenden Kitas sein oder das Einstellen von Tageseltern. Dabei werden in der Regel die Räumlichkeiten vom Arbeitgeber zur Verfügung gestellt. Die Tageseltern werden über Elternbeiträge und durch das Jugendamt kofinanziert.

Albrecht von Sonntag jedenfalls würde die Kita trotz aller Schwierigkeiten und Auflagen wieder einrichten. Und auch andere scheinen sich für das Konzept zu interessieren. Bei Idealo haben sich seit der Eröffnung vor wenigen Wochen bereits drei Start-ups gemeldet, die ebenfalls mit dem Gedanken an eine eigene Kita spielen.