Später als geplant startet der in Berlin ansässige E-Scooter-Verleihdienst in Deutschland. CEO Eric Wang erklärt, was er der Konkurrenz entgegensetzt.

Tier Mobility, Circ – und Wind Mobility: Als sich vor zwei Jahren die ersten E-Scooter-Start-ups in Deutschland formierten, sah es so aus, als würden gleich drei in Berlin ansässige Anbieter hierzulande an den Start gehen. Doch während Tier und Circ ab Juni immer mehr Städte eroberten, war von Wind hierzulande nichts zu sehen. Das Start-up, das aus dem Fahrrad-Verleihdienst Byke hervorgegangen war und von HV Holtzbrinck Ventures unterstützt wird, konzentrierte sich stattdessen auf das Ausland.

Ein Jahr später bläst Wind nun zum Angriff auf die wachsende Konkurrenz: Seit Anfang des Monats sind die knallgelben Tretroller in Frankfurt, Mainz und Wiesbaden zu finden – weitere Städte sollen folgen. Im Interview mit WirtschaftsWoche Gründer erklärt Wind-Gründer Eric Wang, wie es zu dem Spätstart kam, womit er das Rennen um die Kunden noch gewinnen will und wie sich Corona-Krise auf das Unternehmen ausgewirkt hat.

Herr Wang, eigentlich hätten wir erwartet, dass Wind Mobility als Berliner Start-up seine E-Scooter zuerst in Deutschland anbietet. Tatsächlich haben Sie mit dem Verleihdienst im vergangenen Jahr im Ausland begonnen. Warum?
Wir hätten sehr gerne in Deutschland angefangen. Da hat uns aber der Zulassungs-Prozess für die E-Scooter einen Strich durch die Rechnung gemachen. Die Anforderungen sind im europäischen Vergleich besonders hoch – und es war nicht möglich, die Zertifizierungen rechtzeitig zu bekommen. Wir hätten die wichtige Sommer-Saison verpasst und haben uns deswegen entschlossen, erst in anderen Ländern loszulegen.

Woran hat es bei der Zulassung gehakt?
Bei Wind Mobility setzen wir auf selbst entwickelte Hardware, wir kaufen nicht einfach Standard-Modelle ein wie viele unserer Wettbewerber. Das hat es komplizierter gemacht. Ein Beispiel: In Deutschland ist vorgeschrieben, dass die E-Scooter eine manuelle Klingel haben. Unsere Fahrzeuge hatten aber eine elektrische Variante. Also mussten wir da nachrüsten.

Seit Anfang Juni ist Wind nun aber auch im Rhein-Main-Gebiet vertreten – haben Sie überhaupt noch eine Chance, in Deutschland Fuß zu fassen? Anbieter wie Tier, Lime oder Bird haben schon viele Städte unter sich aufgeteilt. Und mit der Ford-Tochter Spin ist hierzulande gerade noch ein kapitalstarkes Unternehmen an den Start gegangen.
Ich sehe uns nicht als Nachzügler. In Städten wie Frankfurt waren wir ja auch schon mit unseren Leihfahrrädern vertreten. Insofern fühlt es sich eher nach einem Comeback an. Grundsätzlich wächst der Markt für Mikromobilität noch immer sehr stark. Es ist zwar richtig, dass der Wettbewerb groß ist. Letztlich ist aber noch nicht entschieden, welche Anbieter sich langfristig durchsetzen werden.

Wie wollen sich denn von der Konkurrenz abheben? Die Konzepte aller Anbieter gleichen sich doch.
Wir haben den Anspruch, die beste Kundenerfahrung zu liefern. Als Schlüssel dafür sehe ich die Hardware, die wir selbst entwickeln und produzieren. Unsere Roller sind beispielsweise etwas schwerer als alle anderen Konkurrenzmodelle und haben größere Reifen. Das Fahrgefühl ist deswegen besonders weich, auch bei der Sicherheit sieht es besser aus. Das honorieren die Nutzer. Einen Fokus legen wir auch auf die Haltbarkeit. Die jüngste Generation unserer Scooter ist sogar wasserdicht – selbst Fahrzeuge, die durch Vandalismus in einem Fluss landen, können das überstehen.

Ihre Hardware-Entwicklung findet im chinesischen Shenzhen statt, Hauptsitz von Wind Mobility ist Berlin, ein weiteres Büro befindet sich in Barcelona, das Logistikzentrum befindet sich in Frankfurt. Ist das nicht unnötig komplex?
Wir haben uns sehr bewusst für eine dezentrale Struktur entschieden. Die Idee ist, aus einem möglichst großen Pool an Talenten schöpfen zu können. Es ist sicherlich beim Start schwieriger, alle Prozesse und Abläufe aufzubauen. Jetzt in der Corona-Krise war es aber sehr vorteilhaft, ein eingespieltes Team zu haben, dass auch über die Distanz gut zusammenarbeitet.

Eric Wang Wind Mobility

Eric Wang. Foto: Wind Mobility

Was ist mit Ihnen selbst? Sie leben in San Francisco, richtig?
Ja, das hat vor allem familiäre Gründe. Tatsächlich war ich selbst schon nach Berlin gezogen und meine Familie wollte nachkommen. Wir saßen Mitte März schon auf gepackten Koffern – dann kamen die weltweiten Reisebeschränkungen. Insofern mussten wir den Umzug erst einmal hintenanstellen und ich hoffe nun, dass sich die Dinge alle bald normalisiert haben.

Die Lockdowns haben Mobilitätsdienstleister schwer getroffen. Wie wirkt sich das auf den Markt aus?
Tatsächlich ist die ganze Branche zunächst in eine Schockstarre verfallen. Aufgrund der Ausgangsbeschränkungen gab es natürlich deutlich weniger Nachfrage nach Mobilitätsdiensten. Mittlerweile denke ich, dass wir sogar gestärkt aus der Krise hervorgehen können. Denn seit den Lockerungen steigt die Nachfrage nach Mikromobilitätslösungen wieder rasant. Viele Menschen suchen nun nach Fortbewegungsmöglichkeiten, bei denen Social Distancing besser funktioniert als in der U-Bahn oder im Bus. Auch manche Städte, die E-Scootern bisher sehr skeptisch gegenüberstanden, erkennen nun den Nutzen.

Wind ist aktuell in insgesamt 15 Städten weltweit unterwegs – darunter auch in Südkorea. Wie sehen Ihre weiteren Wachstumspläne aus? Und welchen Stellenwert hat Deutschland dabei?
In den meisten Städten werden wir den Betrieb wieder aufnehmen, nachdem wir ihn während der Corona-Krise pausiert haben. Parallel gehen wir in weitere Städte, Deutschland hat als größter europäischer Markt dabei einen hohen Stellenwert. Bei der Expansion werden wir aber bedächtig vorgehen. Wir wollen ein nachhaltiges Geschäft aufbauen und nicht um jeden Preis wachsen, wie manche Wettbewerber es tun.

Ein nachhaltiges Geschäft haben Sie bei Byke versprochen. Tatsächlich haben Sie den Fahrrad-Verleih Anfang des Jahres komplett eingestellt. Warum?
Byke war ein großartiger Anfang. Aber als die E-Scooter aufkamen war klar, dass die Zukunft von Mirko-Mobilitätsdiensten elektrisch ist.

Verglichen mit Fahrrädern sind E-Scooter wesentlich günstiger – lässt sich damit  auch besser Geld verdienen?
Ja, die Investitionen zahlen sich schneller aus. Trotzdem können Fahrräder auch wieder interessant für uns werden. Wir würden dann aber auf E-Bikes setzten, nicht auf traditionelle Modelle wie bei Byke. Übrigens haben wir die bisherigen Leihfahrräder auch nicht einfach verschrottet, sondern gespendet oder recycelt.

Der Druck von Investoren auf Mikromobilitäts-Unternehmen wächst, erste Anbieter haben ihre Eigenständigkeit bereits aufgegeben: Circ wurde Anfang des Jahres von Bird übernommen, Uber hat seine E-Scooter-Marke Jump bei Lime eingebracht. Ist das der Beginn einer Konsolidierungswelle?
Es wird noch mehr Übernahmen im Markt geben. Ich habe ehrlich gesagt erwartet, dass die Pandemie die Konsolidierung beschleunigt. Jetzt sieht es aus, als würde sich dieser Prozess länger hinziehen. Für Wind Mobility kann ich sagen: Wir gucken uns das sehr genau an. Aktuell bin ich aber sehr zufrieden mit unserer aktuellen Aufstellung. Dasselbe gilt für unsere Investoren.

Vielen Dank für das Gespräch.