Wimdu hat gegen das Berliner Gesetz geklagt, das die Vermietung von Privatwohnungen einschränkt. Heute fällt die Entscheidung – auch über Wimdus Zukunft.

Von Katja Scherer

In zwei Tagen beginnt die Fußball-EM und viele Fans sitzen schon auf gepackten Taschen: Auf geht’s zum Public Viewing nach Berlin. Eigentlich der perfekte Zeitpunkt für Wohungsvermietungsportale wie Wimdu, die Zimmer von Privatpersonen vermitteln. Seit Mai aber ist alles anders. Nach dem sogenannten Zweckentfremdungsverbot ist es untersagt, ganze Wohnungen als Ferienwohnungen anzubieten.

Bei Wimdu dürfte also von Partylaune wenig zu spüren sein – insbesondere heute, am Tag der Entscheidung. Seit die Regelung im Mai in Kraft getreten ist sind rund 4000 Kurzzeit-Ferienwohnungen vom Markt verschwunden, weil Vermieter die Strafen von bis zu 100 000 Euro fürchten. Das amerikanische Wimdu-Vorbild Airbnb hat wegen der unsicheren Rechtslage vielen seiner Berliner Vermieter gekündigt. Airbnb verkraftet das, aber für Wimdu ist Deutschland der Hauptmarkt. Wenn in Berlin zukünftig deutlich weniger Wohnungen inseriert werden, dürfte das eh schon in weite ferne gerückte Ziel, das amerikanische Vorbild je einzuholen, noch unrealistischer werden. Etwa 20 Prozent der Vermieter bei Wimdu haben ihre Angebote bereits zurückgezogen.

Rasantes Wachstum geplant

Für den Prozess hat sich das Unternehmen daher prominente Unterstützung geholt. Es führt die Klage in Kooperation mit der ApartmentAllianz, einem Zusammenschluss von knapp 60 Berliner Apartementbetreibern. Verfasst wurde die Klage von Helge Sodan, dem ehemaligen Präsident des Verfassungsgerichtshofs Berlin. „In seiner derzeitigen Form ist das Gesetz nicht hinreichend durchdacht und weist gravierende Mängel auf. Hier wurde klar über das Ziel hinaus geschossen“, begründet Sodan sein Engagement. Er sieht darin einen Verstoß gegen die Eigentumsfreiheit und die Berufswahlfreiheit. Ob ihm das Berliner Gericht Recht gibt, entscheidet auch über die Zukunft von Wimdu.

Gestartet war das Start-up aus der Schmiede von Rocket Internet Anfang 2011 mit riesigen Ambitionen. Die Geschäftsführer Arne Bleckwenn und Hinrich Dreiling wollten eigenen Angaben zufolge zum weltweiten Marktführer im Bereich privater Reiseunterkünfte werden – und anders als ihr US-Vorbild setzten sie nicht auf langsames, organisches Wachstum, sondern machten sich direkt daran, die Welt zu erobern. Die schwedische Kapitalgesellschaft Kinnevik und der Inkubator Rocket Internet gaben ihnen dafür insgesamt 90 Millionen US-Dollar. Bereits vier Wochen nach dem Start launchten die Gründer den chinesischen Ableger Airzu. In nur vier Monaten wuchs das Unternehmen auf 400 Mitarbeiter und 15 Büros an.

Vorwurf der unlauteren Werbung

„Das ist schon eine gewaltige unternehmerische Leistung“, sagt Carolin Steinhauser, Professorin für Internationales Hotelmanagement an der SRH Hochschule Berlin. Nach dem euphorischen Start folgte allerdings ein rasanter Dämpfer: Noch im August desselben Jahres mussten rund 50 Mitarbeiter wieder gehen. Dazu kam Kritik vom Platzhirsch Airbnb. Die Amerikaner beschwerten sich in einem Newsletter über die „Betrüger“ aus Deutschland: „We’ve discovered that these scam artists have a history of copying a website, aggressively poaching from their community, then attempting to sell the company back to the original.“ Die ließen sich davon nicht beirren.

Während sich der Aufstieg von Airbnb nicht aufhalten ließ, lief es bei Wimdu aber immer weniger nach Plan. Im September 2012 strukturierte Wimdu seine internationalen Büros neu und holte einen Teil der Mitarbeiter in die deutsche Firmenzentrale. Kurz darauf suchten die Samwer-Brüder vergeblich einen Käufer für den glücklosen Klon. Potentielle Investoren aus der Branche hielten das Projekt für zu aussichtslos.

Im Oktober 2014 bekam Wimdu eine neue Führung, Arne Kahlke und Sören Kress. Die beiden Günder der Dating-Plattform Elite Partner galten als erfahrene Manager und verpassten dem Unternehmen eine neue Strategie: Um sich von Airbnb abzugrenzen, setzten sie auf höherklassige Wohnungen. City-Appartement statt WG-Feeling lautet seitdem die Devise. Auch die Expansion auf dem europäischen Markt wird forciert. Dazu hat Wimdu unter anderem einen Media-Deal mit der Sendergruppe von Italiens ehemaliger Ministerpräsident Silvio Berlusconi geschlossen. Europaweite Fernsehkampagen hätten die Zahl der Buchungen im Januar 2015 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 50 Prozent ansteigen lassen, hieß es dort.

Tag der Entscheidung

Allerdings produziert das Unternehmen nach wie vor auch regelmäßig schlechte Nachrichten: Mitte 2015 verlor Wimdu einen Prozess gegen die Wettbewerbszentrale, eine Selbstkontrollorganisation der deutschen Industrie, wegen unlauterer Werbung. Wimdu hatte seinen Kunden versprochen, Übernachtungen 50 Prozent günstiger anzubieten als die Hotellerie. Diese Ersparnis könne nicht durchgängig erreicht werden, kritisierten die Wettbewerbsverfechter. Das Landgericht Berlin gab ihnen Recht. Mitte dieses Jahres folgte eine weitere Abmahnung wegen versteckter Gebühren.

Zudem wird Wimdu vorgeworfen, mit Scheinversicherungen zu werben. Im Januar dieses Jahres berichtete eine Vermieterin in der Wochenzeitung „Die Zeit“, ihre Wohnung sei von Übernachtungsgästen zerstört worden. Wimdu ließ sie mit dem Schaden alleine – und das obwohl das Unternehmen auf seiner Internetseite explizit eine Versicherung bis zu 500 000 Euro nannte. Es handle sich dabei lediglich um eine subsidiäre Versicherung, die nur greife, wenn der Mieter keine eigene Haftpflichtversicherung habe, so die anschließende Begründung. Nicht gerade der beste Weg, um das Vertrauen der Kunden zu gewinnen.

Heute also wird sich entscheiden, ob Wimdu gegen die Stadt Berlin Recht bekommt. Hotelmanagement-Expertin Carolin Steinhauser, die selbst ein mittelständisches Stadthotel führt, erwartet einen Kompromiss: „Ich würde es begrüßen, wenn es klarere Regeln gibt, unter welchen Bedingungen private Wohnungen in Zukunft vermietet werden dürfen – zum Beispiel was den Brandschutz oder das Abführen von Steuern angeht. Das ist wichtig, um einen fairen Wettbewerb mit der Hotellerie zu schaffen.“ Für Wimdu wäre eine solche Regelung zumindest eine neue Chance, das Vertrauen der Kunden zurückzuerobern.