Können Gründer von den aktuellen Niedrigzinsen profitieren? Experten sind gespaltener Meinung. Aber in einem Bereich scheint es einen Aufschwung zu geben: beim Crowdinvesting.

Wer sein Geld vermehren möchte, der sollte es bei den derzeitigen Niedrigzinsen definitiv nicht auf dem Konto belassen. Da sind sich Experten einig. Investieren ist aus diesem Grund ein heikles Thema – welches Investment lohnt wirklich und welches nicht? Wo lässt sich wirklich ein Plus machen? Denn höhere Zinsen bedeuten häufig auch höheres Risiko.

Nachdem die Europäische Zentralbank die Zinsen am Donnerstag auf dem Rekordtief von 0,05 Prozent beließ, stellt sich für Gründer die Frage, wie sie die Niedrigzinsphase für sich nutzen können. Bei den Finanzierungsmöglichkeiten gibt es nicht viel Auswahl, die sich durch niedrige Zinsen verstärkt anbieten. Aber die Start-ups können trotzdem profitieren: Durch die niedrigen Zinsen werden sie für Investoren interessant – zumindest für manche.

„Banken sind mit Blick auf Fremdkapitalfinanzierungen unverändert keine Finanzierungsquelle für Start-ups in der frühen Phase“, sagt der Vorsitzende des Bundesverbands Deutsche Start-ups Florian Nöll. So wie den Banken entsprechende Regulierungen im Weg stünden, gehe es auch institutionellen Anlegern wie Versicherungsfonds. „Diese sind zwar auf der Suche nach renditeträchtigen Anlageformen, dürfen allerdings auf Grund der bestehenden Regularien nur sehr eingeschränkt in Start-ups beziehungsweise Venture-Capital-Fonds investieren.“

Anleger gehen höheres Risiko

Das ist grundsätzlich nichts Neues und somit ist auch die Schlussfolgerung zunächst nicht überraschend: „Da Start-ups so gut wie keine Kredite erhalten, können sie von den geringen Zinsen nicht beziehungsweise kaum direkt profitieren“, sagt der Professor Ralf Beck. Er lehrt an der Fachhochschule Dortmund BWL mit dem Schwerpunkt Rechnungswesen und Controlling. Zu seinen Spezialgebieten gehören Crowdfinance, Unternehmensbewertung und Projektmanagement.

Eine Ausnahme gibt es jedoch: Die Niedrigzinsphase erhöhe die Bereitschaft von Anlegern, sich mit risikobehafteten Anlageformen wie dem Start-up-Investment zu befassen, sagt Beck. „Das ist tatsächlich eine Chance für Start-ups, wenn die Niedrigzinsphase noch länger anhält.“ Der Effekt sei eher indirekt: „Mehr und mehr Anleger sind – warum auch immer – bereit, direkt in junge innovative Unternehmen zu investieren. Inwieweit sich das auf die momentanen Niedrigzinsen zurückführen lässt und inwieweit auf andere Trends, lässt sich allerdings noch nicht sagen.“

Zumindest diese Beobachtung macht auch Nöll vom Start-up-Verband: „Es ist hier und da zu beobachten, dass sich sowohl Business Angel als auch Family Offices angesichts der Niedrigzinsphase zunehmend mit Investitionen in Start-ups befassen.“

Hier greift eine Branche ein, die derzeit einen deutlichen Aufschwung spürt und eben ganz direkt auch Start-up-Finanzierungen betrifft: das Crowdinvesting. Genau dort werden ertragreiche Unternehmensbeteiligungen mit attraktiven Renditen geboten und das schon mit kleinen Investitionsbeträgen.

Das Konzept verspricht viel, hat bislang häufig viel gehalten und so wird ihm erhebliches Wachstumspotenzial nachgesagt. Es gelten die üblichen Eigenschaften renditestarker Anlagen: im Ernstfall ein hoher Verlust, aber ansonsten eine hohe Wertsteigerung und viel Gewinn.

Das lockt mehr Investoren als bislang. Die Anleger müssten sich an diese neue Anlageformen jedoch erst gewöhnen und Vertrauen fassen, erklärt Beck. „Das geht nicht von einem zum nächsten Jahr. Es muss noch mehr über das Crowdinvesting informiert werden und es müssen noch mehr Erfahrungswerte vorliegen.“ Denn fundierte Untersuchungen zu einem möglichen Zusammenhang zwischen Niedrigzinsphase und der guten Entwicklung des Crowdinvestings gibt es bislang noch nicht.

Niedrigzinsen beflügeln Crowdinvesting

Beobachter der Szene halten einen Einfluss aber für durchaus wahrscheinlich. „Dies hängt aber auch damit zusammen, dass das Crowdinvesting insgesamt noch kein so hohes Volumen erreicht hat, dass dadurch eine echte Breitenwirkung entstehen konnte. Das Phänomen ist einfach noch zu jung“, so Beck. Trotzdem sieht die Crowdinvesting-Branche, die sich auch so im Wachstum befindet, zumindest ein wenig durch die Niedrigzinsen beflügelt und dies kommt wiederum den Start-ups zugute, die auf diese Weise versuchen ihr Geld zu sammeln.

„Anleger denken vermehrt über Alternativen zu ihren derzeit sehr schlecht verzinsten herkömmlichen Anlagenformen nach“, sagt Beck. „Sie haben nun die Möglichkeit, sich über ein Crowdinvesting an innovativen Start-ups zu beteiligen und besitzen dort bessere Renditechancen als mit klassischen Geldanlagen.“

Der Trend, selbstbestimmt das eigene Geld zu verwalten und zu investieren, heize die Dienstleistungen im Finanzsektor abseits der bekannten Institute derzeit an, sagt auch Knut Haake, Geschäftsführer der Crowdinvesting-Plattform DMI Deutsche Mikroinvest: „Risikobereite Investoren suchen zunehmend gezielt alternative Anlageformen und Start-ups können mit höheren Renditen und aussichtsreichem Geschäftsmodell davon tatsächlich profitieren.“

Der Geschäftsführer der Crowdinginvesting-Plattform Companisto, David Rhotert, sieht in Zeiten von Niedrigzinsen, dass risikobereite Anleger nach alternativen Anlageformen streben – und auch zu seiner Plattform. „Seit Anfang des Jahres hat sich das Investitionsvolumen im Vergleich zum gleichen Zeitraum 2014 vervierfacht. Ob dies mit der Niedrigzinsphase zusammenhängt, lässt sich nicht bemessen, aber natürlich freut uns der Zuwachs“, sagt Rhotert.

Den Charme des Crowdinvestings erklärt er damit, dass „Anleger frühzeitig in spannende und innovative Unternehmen“ investieren können, die  ihre Wachstumsphasen noch vor sich haben und sich in Hinblick auf Renditechancen positiv entwickeln können“. Haake von der Konkurrenz-Plattform DMI spricht gar von einem wachsenden Trend, der sich in einer täglich steigenden Zahl an Registrierungen und wachsenden Investmentsummen niederschlage. „Vor allem die Anzahl der Mehrfachinvestments der einzelnen Investoren ist Ausdruck dieses stabilen Trends und zeigt, dass diese Anlageform akzeptiert wird“, sagt Haake.

Risiko ja, aber auch Chancen

„Um überhaupt noch eine Verzinsung zu erzielen, die oberhalb der Inflationsrate liegt, bleibt im Grunde nur noch der Rückgriff auf risikoreichere Anlagen übrig“, so Beck. „Wie Aktien und Fonds zählt das Crowdinvesting genau zu diesen risiko- aber auch chancenreicheren Anlageformen, die aufgrund der Niedrigzinsphase vermehrt interessant werden.“

Dies kann sowohl der Crowdinvesting-Branche weiter Aufwind verleihen, also auch den darauf setzenden Start-ups eine mehr und mehr erfolgsversprechende Finanzierungsmöglichkeit bieten: „Wenn mehr Kapital in innovative Geschäftsideen fließt, dann trägt dies sicherlich auch zu mehr Kundengewinnung bei, weil das Geschäft weiter skaliert werden kann“, sagt Rhotert.

Für die nächste Zeit also ein vielversprechendes Konzept, das sich bislang Crowdinvesting-fremde Start-ups gerade jetzt vielleicht genau ansehen sollten.