Ab heute ist die US-Crowdfunding-Plattform Kickstarter auch vollends auf dem deutschen Markt verfügbar. Wie das die deutsche Branche beeinflusst.

Kickstarter wird deutsch: Deutsche Sprache, deutsche Bezahlmethoden und vor allem: deutsche Kampagnenstarter. Mit der Freischaltung der Crowdfunding-Plattform für Projekte aus der Bundesrepublik eröffnen sich für Start-ups hierzulande ganz neue Chancen auf dem Finanzierungsmarkt und auch für die deutsche Crowdfunding-Branche könnte der Markteintritt der US-Konkurrenz mehr Segen als Fluch sein.

Grundsätzlich funktioniert die bekannteste und größte aller Crowdfunding-Plattformen nach dem üblichen Prinzip: Wer aus der Crowd hinaus Geld für ein Projekt gibt, bekommt auch etwas zurück. Beim Crowdinvesting wäre dies Geld, da sich die Unterstützer als kleine Anleger beteiligen. Beim klassischen Crowdfunding – auch rewarded-based Crowdfunding genannt – gibt es die sogenannten „Dankeschöns“. Das sind sehr oft einfach die Produkte, die unterstützt werden sollen – ein Vorverkauf also. Außerdem Skizzen, Werkstattbesuche oder die ewige Dankbarkeit der Kampagnenstarter verewigt etwa auf Plaketten, Internetseiten oder dem Produktimpressum.

Der Unterschied: Kickstarter ist mit einem besonderen Hype verbunden. Dadurch versprechen sich Unternehmen von einem Engagement dort zusätzliches Prestige. „Wenn man eine Kampagne auf Kickstarter gemacht hat, ist das eine Art zusätzliche Qualifikation“, sagt Dennis Schenkel, Gründer von CrowdXperts und Vorstandsmitglied des Crowdsourcing-Verbands. Außerdem ist Kickstarter globaler als es bei den deutschen Plattformen die Regel ist. Sie richten sich mit kleineren Finanzierungssummern zumeist an ein rein deutschsprachiges oder teils sogar regionales oder lokales Publikum: „Projektstarter haben nun mit Kickstarter noch viel stärker als zuvor die Möglichkeit auf internationalen Märkten Geld zu sammeln“, so Schenkel.

Der deutsche Umweg zu Kickstarter

Wer als deutsches Unternehmen bislang auf Kickstarter Kampagnen starten wollte, musste den Umweg über die USA machen. Dafür war ein US-Konto und vor allem Unternehmenssitz in den Staaten notwendig. Ein kompliziertes Verfahren – insbesondere für kleine deutsche Start-ups in der Anfangsphase, in der Crowdfunding besonders spannend ist.

Ein berühmtes deutsches Beispiel für eine solche Kampagne ist „Kraftwerk“ – die kompakte Brennstoffzelle, die mit handelsüblichem Gas betrieben wird, um etwa Smartphones aufzuladen. Die Kampagnenstarter: das Dresdener Start-up eZelleron. Das Gründerteam entschied sich für den Schritt, obwohl es ein enormen Aufwand bedeutete, weil sie nur dort den richtigen Markt sahen: „Wir wollten ohnehin eine sehr internationale Kampagne machen und haben deshalb auch eine Plattform gesucht, die international anerkannt und aktiv ist“, sagt e-Zelleron-Gründer Sascha Kühn. “Uns hat dieser Umweg sehr viel Zeit gekostet und am meisten Aufwand war es die US-Regularien zu erfüllen.“

Gelohnt hat es sich allemal: Von Dezember 2014 bis März 2015 sollten 500.000 Dollar eingesammelt werden, um eine Produktionsstrecke für die Brennstoffzellengeräte aufbauen zu können. Als Anfang März die Kampagne schloss, hatten sich 11.660 Unterstützer mit insgesamt mehr als 1,5 Millionen Dollar beteiligt. Interessant: Die Mehrheit der Unterstützer kam nicht aus Deutschland – obwohl die Medienressonanz nach dem Durchbruch hierzulande extrem hoch war. „Für uns war der Schritt sehr wichtig, weil wir dadurch in der Öffentlichkeit bekannt wurden und mit dem Erfolg der Kampagne der Nachweis der Marktfähigkeit erfolgreich belegt wurde“, sagt Kühn.

Deutschland-Start mit deutschen Start-ups

Mit der kompletten Freischaltung der deutschen Version gehören Umständlichkeit, wie eZelleron sie in Kauf nahm, der Vergangenheit an. Ähnlichen Erfolgen deutscher Kampagnen steht also nichts mehr im Weg: Deutsche Projekte werden nun komplett aus der Bundesrepublik gestartet und können in Euro finanziert werden – ohne den US-Umweg. Die Crowdfunding-Experten sehen darin eine große Chance: „Es wird bestimmt einen Run auf Kickstarter kommen, da viele Unternehmen in der Pipeline sind, die Produkte haben, die sie bislang nicht entsprechend platzieren konnten. Kickstarter gibt ihnen nun diese Möglichkeit“, so Schenkel.

Tobias Eichenwald, Felix Christmann und Philip Michaelides gehören zu den deutschen Gründern, die ab der ersten Minute dabei sind. Mit ihrem Start-up Senic haben sie Nuimo entwickelt – einen intuitiven haptischen Controller für sogenannte Connected Devices. Der kann durch Tippen, Drücken, Drehen und simple Bewegung gesteuert und mit zahlreichen Geräten großer Elektronikkonzerne verbunden werden. „Wir haben herausgefunden, dass diese Kombination für Menschen sehr intuitiv zu bedienen ist“, erklärt Christmann. Der Controller soll das erste Produkt einer ganzen Linie von Interfaces, intelligenter Flächen und Objekte sein, die Senic zukünftig auf den Markt bringen will. Produziert wird komplett in Deutschland – im Frankfurter und Berliner Umland – Ehrensache für das Senic-Team. Sie wollen die Bundesrepublik auch als Produktionsstätte stärken.

Produkt Nummer Eins, Numoi, wird nun der Mittelpunkt ihrer Crowdfunding-Kampagne, die mit Kickstarters Deutschlandstart gemeinsam beginnt. Die Entscheidung für Kickstarter ist für das Senic-Team eine Entscheidung für eine Art Qualitätssiegel: „Es ist eine weltweite Institution. Kickstarter kennt eigentlich jeder“, sagt Industriedesigner Christmann. Außerdem spricht auch sie das absolute Totschlagargument an: „Wir richten uns ja nicht nur an den deutschen Markt, sondern wollen weltweit verkaufen und da ist Kickstarter die richtige Plattform für uns“, so Christmann.

Kickstarters Erfolgsgeschichte

Ziemlich genau sechs Jahre ist es her, dass die Kickstarter als reward-based Crowdfunding-Plattform für Künstler, Erfinder und Designer startete. Drei Jahre dauerte es – dann kam 2012 der Durchbruch: Die bis dahin erfolgreichste Kampagne mit einer Finanzierungssumme von über 10 Millionen Dollar verschaffte dem Crowdfunding und insbesondere Kickstarter international erstmals riesige Aufmerksamkeit. Die Rekordfinanzierung damals: das Design-Projekt Pebble. Eine Uhr, die aus einem iPod Touch eine – naja, im Grunde eine Apple Watch machte. Die sogenannte E-Paper-Watch schaffte es in gerade einmal acht Tagen als erstes Projekt überhaupt die Fünf-Millionen-Marke zu durchbrechen. (Erst im März 2015 beendete Pebble eine neue Kickstarterkampagne: Satte 20,3 Millionen Dollar kamen zusammen – ein neuer Rekord.) Viele Medien weltweit berichteten daraufhin über den Riesencoup der Pebble und das Eis bei der Crowd schien endgültig gebrochen – viele Millionenfinanzierungen folgten.

Nun – sechs Jahre nach dem Start – braucht sich die Crowdfunding-Plattform, die 2009 in New York gegründet wurde, definitiv nicht zu verstecken: Über 8 Millionen Teilnehmer, rund 83.0000 Projekte und ein Finanzierungsvolumen von über 1,5 Milliarden Dollar.

Ein (noch) kleiner Markt für eine große Plattform

In Deutschland drängt sie nun auf einen noch vergleichsweise kleinen Crowdfunding-Markt: Deutsche Crowdfunding-Plattformen wachsen zwar undder Trend geht konsequent Richtung immer größerer Projekte auch hierzulande, aber die Finanzierungssummen sind noch vergleichsweise klein: Im ersten Quartal 2015 erreichten die deutschen Plattformen ein Finanzierungsvolumen von 2,2 Millionen Euro. Eine niedrige aber trotzdem erstaunliche Summe, denn im Vorjahresquartal waren es nur 1,2 Millionen – ein Plus von rund 83 Prozent also.

Die 2010 erste und heute noch mit Abstand erfolgreichste deutsche Crowdfunding-Plattform ist Startnext. Im vergangenen Jahr wurden 83 Prozent des Crowdfunding-Kapitals über Startnext verteilt – im ersten Quartal 2015 belief sich der Martkanteil sogar auf fast 90 Prozent. Mit fünf Prozent ist noch die Plattform VisionBakery zu nennen. Der Rest verteilt sich auf sehr kleine Projektplattformen.

Startnext berechnet das Gesamtvolumen an vermitteltem Kapital seit dem Plattform-Launch 2010 auf fast 19,5 Millionen Euro. 2.603 Kampagnen wurden damit erfolgreich finanziert. Das durchschnittlich erreichte Fundingziel somit laut Startnext bei 8.415 Euro. Winzige Zahlen im Vergleich zu den Millionen- und Milliardenbeträgen, die Kickstarter präsentieren kann.

Aber der deutsche Markt ist eben noch relativ am Anfang – im vergangenen Jahr soll alleine Startnext um 63 Prozent gewachsen sein, der US-Markt ist deutlich größer und schon internationaler und die amerikanische Crowdfunding-Szene hat einen Vorsprung. Um der Konkurrenz Kickstarter standzuhalten, müssen sich die deutschen Crowdfunding-Portale nun klarer positionieren. “Sie müssen zeigen, was sie besser machen als Kickstarter“, so Schenkel. „Dafür müssen einige Plattformen vermutlich noch einmal Geld in die Hand nehmen und investieren, um künftig neben Kickstarter bestehen zu können.“

Startnext sei dafür aber bereits jetzt gut aufgestellt und müsse die Kickstarter-Konkurrenz nicht allzu sehr fürchten, ist sich der Crowdfunding-Experte sicher. „Startnext konzentriert sich sehr auf die Kreativwirtschaft, wohingegen Kickstarter primär auf den Technik-affinen Markt schaut“, so Schenkel.

Mit Pauken und Trompeten

Einen Vergleich ziehen viele zur konkurrierenden US-Plattform Indiegogo, die bereits seit 2014 auf dem deutschen Markt vertreten ist. Durch sie hat es keinen enormen Schub gegeben, sagt MichaelGebert, Vorstand des Deutschen Crowdsourcing-Verbands und Partner des Crowd Mentor Networks: „Indiegogo hat deutlich mehr Venture Capital eingesammelt als Kickstarter. Trotzdem wurden die hehren Ziele, die die Plattform sich gesetzt hatte, bislang in Deutschland nicht erreicht.“ Allerdings wildert Indiegogo auch in anderen Branchen: Alternative Ideen, Kunst, Kultur und Soziales sind die Steckenpferde von Indiegogo-Kampagnen – eher also eine Konkurrenz für Startnext.

„Kickstarter als Marke hat zunächst eine große Aufmerksamkeit und kann durch dieses Markenbewusstsein vielleicht auch den ein oder anderen potenziellen Kampagnenstarter motivieren“, sagt Gebert. Auch die Crowd könnte so bald vielleicht sehr schnell wachsen, denn so bekannt wie Kickstarter sind die deutschen Portale längst nicht. „Kickstarter bringt der deutschen Crowdfunding-Branche eine Breitenwirkung“, sagt Gebert. „Die Plattform kann und wird dafür sorgen, dass Crowdfunding in der breiten Gesellschaft als Möglichkeit zur Beteiligung und des Vorverkaufs salonfähig wird.“

Und das vermutlich mit einer starken Vermarktung. „Das Kickstarter-Team wird jetzt mit Pauken und Trompeten die ersten Kampagnen starten und auch als Plattform aktiv die Werbetrommel rühren und sich dann zurücklehnen und den Dingen ihren Lauf lassen“, sagt Schenkel.

Start-ups, Crowdfans und Crowdexperten können also mit einem Schub ganz klar rechnen. Kickstarter wird andere Töne in Deutschland anschlagen und durch die Technik-Affinität Kickstarters wird Crowdfunding aus der Softtheme-Ecke mit kleinen Wohlfahrts- und mittelgroßen alternativen Unternehmenskonzepten herausgeholt und endlich auch in Deutschland breiter in seiner Angebotsvielfalt. Wohin das die Crowdfunding-Branche und deutsche Start-ups bringen kann, wird sich vielleicht schon im Laufe des Jahres zeigen – im Idealfall mit großen Zuwächsen, Rekordfinanzierungen und Aufschwung für die Schwarmfinanzierung.