Die deutsche Bürokratie macht es Flüchtlingen schwer, auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen – vom Gründen ganz zu schweigen. Wie es ihnen trotzdem gelingen kann.

Von Johanna Küppers

Hiba Albassir hatte gewissermaßen doppeltes Glück im Unglück: Sie konnte 2013 nicht nur aus ihrer Heimat, dem Bürgerkriegsland Syrien, nach Deutschland fliehen, sondern sie konnte in der Bundesrepublik auch sofort arbeiten. Weil sie durch ein Kontingentprogramm des Bundesinnenministeriums aufgenommen wurde, erhielt sie – im Gegensatz zu Asylbewerbern – direkt eine Arbeitserlaubnis. So konnte sie gemeinsam mit ihrem Mann ein Unternehmen gründen.

So einfach wie bei Hiba Albassir ist der Gang zur Unternehmensgründung aber nicht immer. Wenn ein Flüchtling in Deutschland ein Unternehmen gründen will, steht ein langer und komplizierter Weg bevor – gerade als Asylbewerber. Die größte Herausforderung: eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. In den ersten drei Monaten erhalten Asylsuchende und sogenannte Gedulte überhaupt keine Arbeitserlaubnis, wie die Gemeinnützige Gesellschaft zur Unterstützung Asylsuchender (GGUA) in ihrem Dokument „Erleichterungen beim Arbeitsmarktzugang für Flüchtlinge“ erklärt. Und das ist schon kurz: Erst im November vergangenen Jahres wurde diese Frist verkürzt – vorher waren es neun beziehungsweise zwölf Monate.

15 Monate Einschränkung

Nach Ablauf dieser Wartezeit sind die Jobchancen jedoch immer noch eingeschränkt. Grund dafür: der „nachrangige Arbeitsmarktzugang“. Das Prozedere: Bei Aussicht auf eine Arbeitsstelle muss der arbeitssuchende Flüchtling eine Erlaubnis bei der Ausländerbehörde beantragen. Diese muss wiederum die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) der Bundesagentur für Arbeit um Zustimmung fragen. Dabei werden zwei Aspekte geprüft: Erstens die Vorrangprüfung – EU-Bürger werden beispielsweise bevorzugt – und zweitens eine Prüfung der Beschäftigungsbedingungen zum Schutz der Arbeitnehmer, wie es auf Beamtendeutsch so schön heißt. Erst nach 15 Monaten Aufenthalt in Deutschland entfallen die Einschränkungen für den Arbeitssuchenden.

Dieser Weg muss einfacher werden, meinen Experten. Gerade weil Deutschland mehr denn je auf ausländische Fachkräfte und damit auch Flüchtlinge angewiesen ist. Das sagt zumindest der Gründerreport 2015 der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK). Menschen aus dem Ausland, die hier ein Unternehmen betreiben, seien ein wichtiger Innovationsmotor für die Wirtschaft, heißt es darin. Sie brächten Kenntnisse aus anderen Ländern mit und würden dabei helfen, Märkte leichter zu erschließen. Sie seien Vorbilder für gelungene Integration.

Auch Tim Gemkow, Leiter des Referats Geld und Währung vom DIHK, sagt, dass Ausländer extrem wichtig für das Land sind. „Deutschland mangelt es an Gründern. Das Gründungsinteresse geht deutlich zurück, zudem haben wir – unter anderem durch den demografischen Wandel – zu wenig Nachfolger“, so Gemkow. Flüchtlinge und Migranten seien demnach ein großer Gewinn für das Land: „Wir erhalten eine große Rückmeldung zur Gründungsbereitschaft.“

Die Motivation der Menschen, die mit wenig nach Deutschland kommen und ein Unternehmen gründen, ist hoch. „Zum einen ist Selbständigkeit in vielen Länder weiter verbreitet als in Deutschland“, erklärt Gemkow. Denn viele der Flüchtlinge seien schon in ihrer Heimat erfolgreiche Unternehmer gewesen. „Da ist es das Natürlichste, die Arbeit hier fortzuführen.“ Ein weiterer Grund für die hohe Motivation: „Außerdem ist die Selbstständigkeit ein guter Weg, um seine Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Oft können Qualifikationen aus dem Ausland nicht nachgewiesen oder anerkannt werden, in der Selbstständigkeit allerdings wird nicht nach formalen Qualifikationen bewertet, sondern nur nach der Leistung am Markt“, so der DIHK-Experte.

„Kulturelle Hürden spielen kaum eine Rolle“

Auch für die 46-jährige Hiba Albassir und ihren Mann war die Selbstständigkeit nicht neu: In Syrien waren die beiden bereits als Unternehmer tätig und führten dort sowohl einen Großhandel für Kleiderbügel als auch eine Gartenmöbelfirma. Mit ihrer Erfahrung in letzterem Bereich versuchten sie auch in Deutschland den Neuanfang: „Khashabna“, übersetzt bedeutet das „Unser Holz“, heißt das neue Unternehmen der Albassirs. Die Waren stammen noch aus ihrem Gartenmöbelhandel in Syrien. Die Möbelstücke werden nun erst einmal verkauft, sie reichen voraussichtlich bis Oktober – dann muss sich das Duo ein neues Geschäftsmodell überlegen.

Nach Gemkow unterscheiden sich die Herausforderungen inländischer und ausländischer Gründer dabei kaum. „In vielen Bereichen gibt es keine großen Unterschiede bei der Gründung. Kulturelle Hürden spielen laut unseren Gründungsberatern eine geringe Rolle. Es gibt eine hohe Bereitschaft sich zu integrieren.“

Bei den Albassirs sehen die Voraussetzungen für ein Leben in Deutschland allerdings ganz unterschiedlich aus. Hiba Abassir bildete sich 1992 für eine kurze Zeit mit einem Studium in Deutschland weiter. Dort hatte sie die Möglichkeit, Land, Leute und vor allem die Sprache kennenzulernen. Sie konnte viele Kontakte knüpfen, die ihr jetzt weiterhelfen. Bei ihrem Mann war das anders aus: Für den 45-jähirgen ist die Situation neu, er hat keine Sprachkenntnisse, besucht dafür momentan einen Integrationskurs und steht in der Mitte seinen Lebens an einem erneuten Nullpunkt – seine Schreinerausbildung wird hier nicht anerkannt.

Trotzdem hat das Ehepaar den Schritt in die Unternehmensgründung gewagt. Das verdanken sie auch ihren deutschen Freunden. „Ohne Bekanntschaften ist es eher schwer, durch die Bürokratie zu kommen“, sagt Albassir. „Der Weg ist wirklich nicht kompliziert, im Gegenteil, ich empfinde es als einfach. Allerdings muss man erst einmal auf den richtigen Pfad kommen. Dafür waren meine Freunde sehr wichtig“, sagt Albassir. So haben beispielsweise ihre Kinder durch die Hilfe der Freunde direkt nach einer Woche im Land einen Schulplatz an einem Gymnasium bekommen.

Der Normalfall sieht allerdings anders aus: Syrische Freunde von Albassir, die mit ihr nach Deutschland geflohen sind, haben alles verloren. Sie waren große Unternehmer in ihrer Heimat, lebten im Wohlstand – hier fangen sie wieder von vorne an. Ohne Land- und Sprachkenntnisse sowie Freundschaften ist es allerdings schwer, etwas aufzubauen. Albassirs Freunde bemühen sich nun, Deutsch zu lernen ,und überlegen sich Alternativen. Doch das braucht Zeit.

Gefährliches Halbwissen

Für die Syrerin war neben der Hilfe ihrer Freunde vor allem die Unterstützung durch die offiziellen Beratungsstellen wichtig: „Ich kann nur jedem empfehlen, der ernsthaftes Interesse an Informationen hat, eine Beratungsstellte aufzusuchen. Es werden oft Gerüchte in Umlauf gebracht und jeder sagt etwas anderes. Auf dieses Halbwissen kann man sich nicht verlassen, da muss man den Kopf klar machen und sich an die Beratungsstellen wenden“, sagt die 46-Jährige.

Auch der Wirtschaftsexperte sieht die Verbreitung von Halbwissen als gefährlich an: „Wenn es bereits ein bestehendes Netzwerk aus Landsleuten in einer Stadt gibt, stellen wir fest, dass die Schwelle sehr hoch ist, die offiziellen Beratungsstellen aufzusuchen. Man holt sich eher den Rat von einem Freund. Problem dabei: Diese haben kein spezifisches Wissen über die institutionalisierten Abläufe und die Formalien in dem neuen Land. So verbreiten sich manchmal falsche Tatsachen.“

Beliebt sind vor allem Branchen, in denen wenig Kapital nötig ist. Dies beobachtet auch der DIHK-Vertreter Gemkow: „Die kapitalarmen Branchen sind bereits bei den Inländern sehr beliebt, noch stärker aber bei den Ausländern. Betroffen davon sind die Sektoren Dienstleistung und Handel.“

Auch die Albassirs haben sich für eine Gründung in diesem Bereich entschieden und wollen sich damit nun ein neues Leben in Deutschland aufbauen.