Neben vielen Vorteilen, wie bessere Finanzierungsmöglichkeiten, gibt es im Silicon Valley auch Nachteile. Warum deutsche Gründer dennoch umziehen.

Wenige Stunden vor dem Abflug ins Silicon Valley – dem Herzen der amerikanischen Start-up-Szene – geht Jay Habib ans Telefon. Es sei schon ein kleines Abenteuer, denn was den Mitgründer von Shopco auf der anderen Seite des Atlantik genau erwartet, weiß er nicht. Sein Ziel ist, in den nächsten Wochen ein Büro für sein junges Unternehmen im geheimnisvollen Tal in Kalifornien aufzubauen. „Als größter Markt sind die USA sehr spannend für unseren Shopping-Service“, erläutert Jay Habib. „Im Gegensatz zu Deutschland sind die Nutzer in den USA sehr offen für neue Technologien. Nirgendwo sonst sieht man so viele Menschen mit Apple Watches oder Google Glasses auf der Straße“, erklärt Jay Habib.

In Deutschland gründen, um dann ins Valley zu gehen, ist keine Seltenheit. Neben vielen Vorteilen wie bessere Finanzierungsmöglichkeiten und schnellere Entscheidungswege gibt es aber auch Standortnachteile. Die Mieten für ein einfaches Büro liegen um ein Vielfaches höher als in Deutschland. Zudem gibt es einen regelrechten Kampf um die besten Talente. So ist es keine Seltenheit, dass Praktikanten dort mehr verdienen als Berufseinsteiger in Deutschland nach dem Hochschulabschluss.

Aber wie erhalten deutsche Gründer Zugang zu diesem besonderen Start-up-Ökosystem? Unterstützung beim Eintritt in den US-Markt bietet das Förderprogramm „German Accelerator“ für deutsche Tech-Start-ups. Gründer haben die Chance auf einen mehrmonatigen Aufenthalt an der Ostküste in New York City oder in San Francisco. Den Teilnehmern wird geholfen, das eigene Geschäftsmodell auf den amerikanischen Markt zu übertragen. Die Gründer erhalten Zugang zu einem Netzwerk- und Mentorenprogramm und werden mit Wagniskapitalgebern zusammengebracht.

Eine weitere Möglichkeit als Gründer ins Valley zu kommen, bietet die einwöchige „German Valley Week“ – eine Initiative vom Bundesverband Deutscher Start-ups. Auch hier stehen der gegenseitige Austausch und die Vernetzung im Fokus. Die Teilnehmer lernen dort die Gepflogenheiten vor Ort von erfolgreichen Unternehmern – wie einem der Youtube-Gründer – kennen.

Was bringt deutsche Gründer dazu, ein Büro im Valley aufzumachen? Auf den folgenden Seiten stellen wir Start-ups vor, die Erfahrungen im Silicon Valley gesammelt haben.

Abusix

Das Start-up möchte die Netzwerksicherheit effizienter machen und den eigentlichen Ursprung der Angriffe identifizieren und bekämpfen. „Taking away bad boys toys“ nennt Mitgründer und CEO Tobias Knecht seinen Ansatz. Die Hauptgründe für ihn, ins Valley zu gehen, war der einfachere Kapitalzugang sowie die räumliche Nähe zu potenziellen Kooperationspartnern. Bessere Marketing und Sales Möglichkeiten seien weitere Standortvorteile. Da er zuvor schon für andere US-Start-ups im Valley gearbeitet hatte, konnte er dort schneller Fuß fassen. Heute ist der Hauptsitz der Firma im Silicon Valley, während der ursprüngliche Standort in Karlsruhe nur noch eine  Zweigniederlassung ist.

Lovoo

Das deutsche Tinder ist eine Dating-App und hat laut eigenen Angaben mehr als 30 Millionen Nutzer. 2011 in Dresden gegründet, schnupperte es zwei Jahre später – im Rahmen des German-Accelerator-Programms – Valley-Luft. Jedoch mussten die Gründer feststellen, dass das eigene Unternehmen zu diesem Zeitpunkt für das Valley noch nicht weit genug entwickelt war. Das Ziel – eine Repräsentanz im Valley – bleibt und soll in naher Zukunft erneut angegangen werden. Aus dieser Zeit haben sie aber Kontakte wie beispielsweise zu Facebook mitgenommen, die die Gründer weiter pflegen. Neben dem Universitätsstandort Dresden versucht Lovoo, in Berlin internationale Entwickler an sich zu binden. Denn die Erfahrung zeige, dass diese auch gerne in der Hauptstadt bleiben wollen.

Shopco

Das Start-up bietet eine Lösung, wie Nutzer dank eines Browser-Plug-ins Produkte in jedem Onlinestore mit nur einem Klick bestellen können. In diesen Tagen ist ein Teil der Mannschaft aus Düsseldorf und Dortmund ins Valley geflogen, um dort eine Zweigstelle zu eröffnen. Als Teilnehmer der German Valley Week konnte der Co-Gründer Jay Habib vor wenigen Monaten die ersten Kontakte in Kalifornien knüpfen. Die Vorteile der die vielen Early Adopters, geringeren Barrieren für Start-ups sowie der große E-Commerce Markt haben für ihn die Nachteile der höheren Kosten und das kleinere Netzwerk überwogen.

Signavio

Das Berliner Unternehmen bietet Software und Werkzeuge zur Prozessmodellierung an. Die Ursprünge von Signavio liegen in einem Forschungsprojekt, das 2006 am Hasso-Plattner-Institut durchgeführt wurde. Heute sind sie nach eigenen Angaben Technologieführer im Bereich kollaborativer Prozessgestaltung.

Geschäftsführer Gero Decker erzählt, warum Signavio im April 2012 ins Valley gegangen ist: „Mein Umzug ins Valley war dann eine super Gelegenheit, nicht nur einen großen neuen Markt zu erschließen, sondern sich auch von den Tech-Größen im Valley inspirieren zu lassen. Mich persönlich hat es sehr gereizt das “Geheimnis” zu erfahren, wie man ein global führendes Tech-Unternehmen aufbaut.“ Die Zentrale von Signavio ist nach wie vor noch in Berlin.

Ubermetrics Technologies

Das Start-up wirbt damit, öffentliche Kommunikation messbar zu machen. Es bietet für seine Kunden ein Monitoringtool für die Beobachtung der unterschiedlichen Kommunikationskanäle an. So werden soziale Netzwerke, Blogs oder TV und Radio nach relevanten Informationen durchsucht, gefiltert und systematisch analysiert.

2011 als Spinn-Off von der Humboldt-Universität in Berlin gegründet, nimmt das Unternehmen seit Oktober 2014 bis September diesen Jahres am German Accelerator Programm teil. In dieser Zeit konnte Ubermetrics seine US-Markteintrittsstrategie verfeinern. Ferner konnten Fragen nach der richtigen Preis-, Marketing- und Vertriebsstrategie beantwortet werden.