Ein Start-up ist für viele Unternehmer wie das eigene Kind. Loslassen fällt ihnen darum oft schwer. Drei Gründer erzählen, wie es sich anfühlt zu verkaufen.

Wenn Wettbewerber eine Übernahme anbieten oder Geldgeber durch den Aufkauf erfolgreicher Start-ups neue Märkte erobern wollen, stellt sich für so manchen Gründer eine schwierige Frage: Verkaufen oder nicht verkaufen? Das Herz hängt am Unternehmen, doch das finanzielle Angebot kann man fast nicht ausschlagen. Und dann ist da ja auch noch der Reiz am Neuen, der so manchen Gründer treibt.

Auf den folgenden Seiten erzählen drei Unternehmer von ihren Erfahrungen.

Peter Eich, 45: „Ich durchleide jedes Mal Trennungsschmerz“

Im Laufe der vergangenen 17 Jahre habe ich elf Firmen in den Bereichen Tourismus und Software gegründet – und fünf von ihnen wieder verkauft. Gewöhnt habe ich mich an diese “Verluste”, auch wenn ich sie selbst herbeigeführt habe, bis heute nicht. Jedes meiner Unternehmen ist mein Baby, das ich habe groß werden sehen, da fällt der Abschied nicht leicht – Trennungsschmerzen durchleide ich darum jedes Mal. Schließlich verliert man nicht nur die Firma, in die man viel Herzblut gesteckt hat, sondern auch die Mitarbeiter, seine gewohnte Umgebung, und ganz klar auch die Macht, die man als Chef hatte. Da kann es gut sein, dass man eine Art Leere verspürt – zumindest vorübergehend.

Am schwersten war für mich der erste Verkauf – das kann man durchaus mit dem Ende der ersten richtigen Beziehung vergleichen: Ende der 90er Jahre gründete ich zusammen mit einem Kompagnon meine erste Firma: ein Unternehmen für Insel-Rundreisen mit einem Motorsegler. Damals war ich 28 und studierte Mathematik- und Philosophie in Konstanz.

Die Idee kam sehr gut an, das Geschäft wurde im Laufe der Jahre immer größer, so dass ich schließlich mein Studium kurz vor dem Abschluss abbrach und mich ganz auf das Unternehmen konzentrierte. Zehn Jahre später verkaufte ich meine Anteile an meinen Partner – meine nächste Firma hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon aufgebaut. Denn das ist es, was mich antreibt: Die Herausforderung ein Unternehmen erfolgreich an den Start zu bringen. Das ist für mich die spannendste Phase, die Routine, die später folgt, langweilt mich dagegen schnell. Jede Neugründung, die oft mit dem Verkauf eines alten Unternehmens einherging, gab mir einen Kick – das Geld, was bei einem Verkauf floss, war dagegen nur zweitrangig.

Ich bin wohl, so kann man es sagen, der Pilot für die Startphase, nicht fürs Geradeausfliegen. Weil ich immer wieder unter den Verkäufen leide, rieten mir Freunde beim letzten Mal ein paar Monate Auszeit zu nehmen, um Abstand zwischen mich und das Unternehmen, das mir ja nicht mehr gehörte, zu bringen. Ich habe mich nicht daran gehalten und konnte dementsprechend schlecht loslassen. Beim nächsten Mal, das habe ich mir nun fest vorgenommen, werde ich ihren Ratschlag berücksichtigen. Und dass das nächste Mal kommt, das ist ziemlich sicher.

Simon Weiß, 32: „Wie ein Sechser im Lotto“

„Fünf Jahre lang hatte ich nach dem Studium in der Marketing- und Vertriebsberatung von Siemens gearbeitet – ein spannender Job, der mich aber am Ende nicht mehr wirklich erfüllt hat. Etwas mehr als ein Jahr vor meinem Ausscheiden aus dem Unternehmen habe ich parallel zu meiner Haupttätigkeit begonnen mein eigenes Start-up aufzubauen: Eine Whisky-Beratung. Ich habe schnell gemerkt, dass das der Bereich ist, für den ich brenne.
Als ich dann gekündigt habe, konnten mich viele Bekannte und Kollegen nicht verstehen – einen unbefristeten Vertrag aufgeben und den Sprung wagen? Für eine verrückte Idee?

Ich aber war überzeugt von meiner Entscheidung und stürzte mich in die Arbeit. Ich begann die Homepage umzugestalten und neue Ideen zu entwickeln, wie ich meine Firma größer und bekannter machen könnte. Ich genoss meine neu gewonnen Freiheit als Selbstständiger und die Tatsache, dass ich meine eigenen Entscheidungen treffen konnte. Dann kam eines Tages eine E-Mail, die wieder alles verändern sollte.

Ein junger Whisky-Sammler meldete sich bei mir und schlug vor in meine Firma einzusteigen und sie gemeinsam weiterzuentwickeln. Er würde als Geldgeber fungieren, mein Lager und mein Equipment aufkaufen und mich als Geschäftsführer einstellen. Mit einem solchen Angebot hätte ich nie gerechnet – und ich war hin- und hergerissen.

Einerseits erschien es mir wie ein Sechser im Lotto, denn in der neuen Position würde ich meine berufliche Leidenschaft mit der Sicherheit einer gut bezahlten Festanstellung verbinden können. Andererseits hatte ich Bauchschmerzen: Sollte ich mein Start-up wirklich abgeben? Jemand anderem die letzte Entscheidungsgewalt überlassen was die Zukunft des Unternehmens angeht, das ich doch gerade erst ins Leben gerufen und aufgebaut hatte?
Nach zwei Monaten Verhandlung rang ich mich durch: Das Angebot war einfach zu verlockend. Heute bin ich zufrieden, denn ich weiß, dass ich ohne die finanzielle Unterstützung meines Partners meine Firma „Whiskeyerlebnisse“ niemals so weit hätte bringen können, wie wir jetzt gekommen sind.“

Hendrik Braun, 30: „Der Verkauf war immer im Hinterkopf“

„Unser Start-ups eines Tages zu verkaufen war für uns von Anfang an eine Option. Gerade im Bereich der digitalen Geschäftsmodelle ist dieser Weg für viele Gründer das Ziel, denn in dieser schnelllebigen Branche ist es selten, dass man ein Unternehmen über mehrere Jahre führt. Dass allerdings bereits nach zweieinhalb Jahren ein Übernahmeangebot bei uns eingehen würde, hatten wir nicht gedacht

2012 gründeten meine Partner Timo Trumpp, Maximilian Beller und ich das Start-up “Shoplove”, ein Werbenetzwerk für Produktempfehlungen aus dem Mode- und Lifestyle-Bereich. Das Konzept kam gut an, nur drei Monate später investierten 15 Business-Angel in unsere Idee. Mit diesem Geld launchten wir Ende 2012 unsere App für Endkunden (B2C). Ende 2013 begannen wir uns verstärkt auf Lösungen für Verlage zu konzentrieren und Lifestyle-Produkte in reichweiten-starke Webportale zu integrieren. Wenige Monate nach dem Strategiewechsel überzeugten wir die ersten großen Verlagskunden, darunter Bauer, Springer und Gruner und Jahr, unser System zu nutzen. Mitte 2014 kam der Burda-Verlag hinzu, der selbst bereits ein ähnliches Projekt am Start hatte. Zwei starke Wettbewerber auf dem relativ engen deutschen Markt? Burda beschloss, dass man uns gerne übernehmen würde.

Mitte des Jahres begannen die ersten Verhandlungen und wir mussten uns fragen, ob wir unser Start-up wirklich verkaufen wollten: War es der richtige Zeitpunkt? Passte das Angebot? Wir besprachen uns mit unseren Investoren und waren uns gegen Ende des Jahres schließlich sicher: Wir würden dem Angebot zustimmen – auch, um dem großen amerikanischen Konkurrenten etwas entgegensetzen zu können.

Zu der Übernahme gehörte nicht nur eine finanzielle Entschädigung, die auch zu unserer Entscheidung beigetragen hat, sondern auch unsere Einstellung als Geschäftsführer in der neu geformten Firma. Auch das war für uns enorm reizvoll: Wie würde es sein in jungen Jahren an der Spitze eines solchen Konzerntochter tätig zu sein und die Entwicklung in diesem Umfeld zu treiben? Wir kamen beide vor der Gründung von ShopLove frisch von der Uni und hatten nie zuvor als Angestellte gearbeitet. Der Perspektivenwechsel war eine Herausforderung, aber eine durchaus lohnenswerte, denn wir lernen viel.

Dennoch denken wir immer wieder über die Zeit nach unserem Angestelltendasein nach. Auch wenn wir uns sehr unserer neuen Aufgabe verbunden fühlen, können wir uns für 2017 eine Rückkehr zum Unternehmertum sehr gut vorstellen. Ideen haben wir heute schon. Der Reiz liegt in dem besonderen Kick: Das bestehende Risiko des Misserfolgs und gleichzeitig die außergewöhnliche Freude, wenn etwas klappt, das man selbst geschaffen hat, ist einzigartig als Gründer.“