Wer an die Start-up-Szene denkt, verbindet sie oft mit Berlin oder Hamburg. Unterschätzt werden dabei andere deutsche Regionen – auch dort gibt es große Erfolgsgeschichten.

Der Riesen-Exit in der deutschen Start-up-Branche 2014 vollzog sich fast lautlos – und nicht etwa in Berlin, sondern in der süddeutschen Provinz: in Göppingen. In der Kreisstadt 40 Kilometer östlich von Stuttgart mit weniger als 60.000 Einwohnern entstand die Idee zur Fernwartungssoftware Teamviewer, die mittlerweile in 30 Sprachen übersetzt wurde weltweit mehr als 200 Millionen Nutzer hat. 2014 wurde das schwäbische Start-up vom Private Equity Unternehmen Permira gekauft. Über die Kaufsumme wurde Stillschweigen vereinbart, aber in Medienberichten kursierte die Summe von 800 Millionen Euro.

Eine Hunderte-Millionen-Euro-schwere Erfolgsgeschichte wie diese gibt es eher selten in Deutschland – und schon gar nicht in der deutschen Provinz: Berlin, Hamburg und München gelten eher als die perfekten Start-up-Biotope. Aber Gründen geht auch abseits der Millionenstädte, so die Botschaft vieler deutscher Regionen: „In Zeiten der Globalisierung spielen insbesondere Ballungsgebiete für Gründungsaktivitäten eine große Rolle, da gerade hier die Voraussetzungen für wissensintensive Dienstleistungen und forschungsintensive Industrien bestehen“, heißt es im Deutschen Start-up Monitor 2014. Kurze Wege, Netzwerke, ein großes Angebot an Fachkräften, soziale und kulturelle Faktoren sowie eine positive internationale Außendarstellung werden als mögliche Einflussfaktoren genannt, die eine Gründerregion beeinflussen.

Woher Start-ups ihr Kapital bekommen

Eigene Ersparnisse
82 Prozent – Quelle: Deutscher Start-up Monitor
Familie und Freunde
32,7 Prozent
Staatliche Fördermittel
29,1 Prozent
Business Angels
28,2 Prozent
Inst. Risikokapitalgeber
21,4 Prozent
Inkubatoren
10,9 Prozent
Bankdarlehen
10,2 Prozent
Schwarmfinanzierung
4,1 Prozent

Vorteile, die auch Regionen wie Oldenburg oder das Allgäu haben können: „Wer Kontakte, Räume, Forschungseinrichtungen oder Kapital benötigt – wir haben hier alle relevanten Unterstützungsmöglichkeiten vor Ort, die ein junges Unternehmen benötigt“, wirbt etwa Jürgen Bath, Geschäftsführer des Technologie- und Gründerzentrums Oldenburg (TGO). „Hier wird alles geboten, um eine Firma aufzubauen. Angefangen von der finanziellen über die persönliche Unterstützung bis hin zum Aufbau eines Netzwerks von Kunden und Partnern. Deshalb besteht für die meisten auch gar nicht die Notwendigkeit sich nach Hamburg oder Berlin aufzumachen.“

Ein Beispiel für ein solches Start-up, das aus Oldenburger Studierendenkreisen hervorging, war 2005 SmarAct: Mit der Idee zu einem Mikroroboter ging es vor zehn Jahren los. Heute hat das Unternehmen mehr als 60 Mitarbeiter und Kunden in ganz Europa und den USA – eine typische Erfolgsgeschichte. Hauptsitz: noch immer Oldenburg.

Und auch im Allgäu ist man sicher, dass die ländliche Region ein kleines Start-up-Mekka sein kann. Vor einigen Wochen startete dort StartupsAllgäu – ein Inkubator auf dem Land. Die Initiatoren wollen damit in der Provinz einen Brutkasten für innovative Ideen bieten. Die Köpfe dahinter sind alle im Allgäu aufgewachsen und dort mit ihren eigenen Unternehmen bereits seit Jahren erfolgreich. Einer von ihnen ist Stefan Bartenschlager. Er ist selbst Gründer und Geschäftsführer der Werbe- und Internetagentur InsideAll sowie Mitgründer und Geschäftsführer der expandierenden Fitness-Franchisekette hello fit. Die StartupsAllgäu-Initiatoren kennen die Berliner und Münchner Szene mit ihren Inkubatoren und setzen darauf, dass sich ähnliches auch im Allgäu verwirklichen lässt: “Da es auch hier in der Region hochwertige Fachhochschulen und motivierte, junge Gründer gibt, entstand die Idee, hierher einen Inkubator zu bringen”, so Bartenschlager. Etwas Derartiges habe es in der Region bisher nicht gegeben. “Da wollten wir eine Lücke schließen.” Nach knapp sechs Wochen gibt es schon 36 Bewerbungen und viele vielversprechende Ansätze, so Bartenschlager. Darunter unter anderem Ideen für Fitness-Apps und Gründungsideen für die Reisebranche.

Die höchsten Investitionssummen in Technologie-Start-ups

Delivery Hero (Berlin)
656.7 Millionen US-Dollar
Bigpoint.com (Hamburg)
460.5 Millionen US-Dollar
BestSecret.com (Aschheim)
248.0 Millionen US-Dollar
WestWing (München)
149-.1 Millionen US-Dollar
SoundCloud (Berlin)
123.3 US-Dollar

Die Floskel „Man kennt sich“ scheint für Regionen abseits von Berlin und Co. für Start-up-Gründungen zudem ein entscheidender Erfolgsfaktor: „Oldenburg ist übersichtlich“, sagt Bath. Hier hätten potentielle Gründer konkrete Ansprechpartner, die leicht zu finden seien. „Man kann leichter Empfehlungen aussprechen, weil man sich kennt. Das ist in einer Metropole natürlich anders. Da gibt es eine Vielzahl von Beratungsmöglichkeiten, die zwangsläufig häufig anonymer ablaufen.“ In der Metropole sei man einer von vielen – in den Regionen können spannende Ideen schnell ein großes Alleinstellungsmerkmal sein. Das sieht auch der Allgäuer Bartenschlager: “Wir haben den Vorteil, dass wir durch kurze Wege recht schnell reagieren können.” Bewilligungsprozesse seien sehr viel schneller als bei großen Unternehmen. “Wir können innerhalb von ein paar Tagen einen Termin mit den Entscheidern anbieten und auch Seed-Finanzierungen auf dem kurzen Weg von bis zu fünf Millionen Euro bereitstellen”, sagt Bartenschlager. “So etwas gibt bei großen Venture-Capital-Unternehmen so oft nicht.” Den Vorteil wolle man auf dem Land nutzen.

Der Deutsche Start-up Monitor 2014 definiert Gründerregionen so: Innovationskraft entwickele sich insbesondere in solchen Gebieten, „die eine kritische Schwelle bei der Anzahl vernetzter Unternehmen, wissenschaftlicher Institutionen und Kompetenzzentren bestimmter Branchen überwinden konnten. In diesen Regionen können sowohl der Informations- als auch der Warenaustausch zu niedrigeren Transaktionskosten stattfinden.“ Daraus folgt für den DSM 2014, das es in Deutschland aktuell vier derart definierte Gründerregionen gebe: Berlin, Hamburg, München und die Metropolregion Rhein-Ruhr.

Viele dieser grundlegenden Faktoren definieren aber auch die Regionen Oldenburg oder das Allgäu als ihre Vorteile für Gründungsprojekte. Gründen auf dem Land sei nicht zuletzt auch eine ganz andere Kostenfrage, sagt Bartenschlager: “Gerade junge Start-ups, die sich Fachkräfte und Kreative wie Grafiker oder Programmierer ins Boot holen müssen, haben ohne entsprechendes Kapital eben oft nicht die Möglichkeit 60.000 Euro oder mehr Jahresgehalt zu bezahlen. Diese Start-ups haben den Vorteil, auf regionale Fachkräfte zurückgreifen zu können, welche aufgrund der günstigeren Lebenshaltungskosten auch niedrigere Lohnvorstellungen haben und oft selber in der Region Allgäu bleiben möchten.”

Wer in seiner Heimat glücklich ist, möchte dort zumeist auch nicht weg – da locken dann auch die Gründer-Metropolen nicht. „Es gibt viele Gründer, die in der Region Allgäu bleiben möchten und nicht in die Großstadt wollen und genau die können wir vor Ort Hilfestellung leisten“, so Bartenschlager von StartupsAllgäu. „Viele derjenigen, die in Oldenburg und der Region gründen sind hier auch verwurzelt. Sie sind hier aufgewachsen und kommen irgendwann zurück. Da kommt zu den guten Rahmenbedingungen auch die Identität der Menschen mit Ihrer Region, die nicht außer Acht gelassen werden darf“, sagt auch Bath.

Da wundert es nicht, dass Gründerzentren wie Oldenburg oder der Allgäuer Inkubator nur zwei Beispiele von mittlerweile zahlreichen sind. So bietet der sogenannte Black Forest Accelerator  ein drei-monatiges Startup-Förderprogramm für Geschäftsideen aus dem Bereich Gesundheit und Fitness. Geboten werden Startkapital, Co-Working-Räume und ein Mentoring-Programm – und das mitten im Schwarzwald. Oder bei einem Blick in die Vulkaneifel findet sich die Initiative „Gründen auf dem Land“, die sich ebenfalls die Förderung von Existenzgründungen auf die Fahne geschrieben haben. Um nur zwei weitere, noch recht junge Ansätze zu nennen.

Solche Projekte und Erfolgsstorys – wie der Göppinger TeamViewer-Exit – zeigen: Abseits von Deutschlands vielgelobten Start-up-Metropolen passiert viel. Wer also Ehrgeiz, eine gute Idee und unternehmerisches Talent nutzt, ist auf einem guten Weg zur Erfolgsstory.Da ist es egal ob auf dem Dorf, im Studentenstädtchen oder der Kreisstadt gegründet wird – ein Start-up-Mekka findet sich manchmal fernab von Berlin, Hamburg und Co.