50.000 Besucher trafen sich auf dem Web Summit in Lissabon. Die Stadt will in die oberste Liga der europäischen Tech-Hubs aufsteigen.

Von Michael Riedmüller, Lissabon

Mächtige rote Brücke, Hügel wohin man auch blickt, alte Straßenbahnen. Es gibt einiges, das einen an San Francisco denken lässt, während man durch Lissabon läuft.

Vergleiche zwischen den beiden Städten sind in Portugal neuerdings öfter zu hören. Im Zentrum steht dabei aber nicht mehr die imposante Brücke des 25. Aprils, sondern die boomende portugiesische Start-up-Szene. Lange vom Rest der Welt nur wenig wahrgenommen, erfindet sich Lissabon seit einigen Jahren als einer der führenden europäischen Tech-Hubs neu.

Die Vergleiche mit San Francisco mögen etwas übertrieben sein, ganz abwegig aber sind sie nicht.

Es tut sich etwas an der Atlantikküste. Mit hunderten neuen Start-ups, die in den vergangenen Jahren entstanden, unterstützt von mittlerweile 17 Inkubatoren und „Business Accelerators“ und einer steigenden Zahl von Venture Capital Fonds, entwickelt sich die Lissaboner Start-up-Szene in einer beeindruckenden Geschwindigkeit, schneller als in jeder anderen europäischen Stadt. Stars der Szene wie Codacy, Farfetch oder Uniplaces, ein Online-Marktplatz zur Vermittlung von Studentenunterkünften, der vor einem Jahr in einer Finanzierungsrunde 24 Millionen Euro von Investoren sammeln konnte, bilden nur die Speerspitze des Booms.

2015 wurde Lissabon mit dem erstmals verliehenen Preis „Europe´s most entrepeneurial region“ ausgezeichnet. Und als sich die Stadt auf den sieben Hügeln gegen eine Vielzahl anderer Konkurrenten durchsetzte, zumindest bis 2018 den Web Summit ausrichten zu dürfen, schaffte sie es endgültig auf die Landkarte der führenden Startup-Hubs Europas.

Die Konferenz, in den vergangenen sieben Jahren in Dublin angesiedelt und oft als „Davos für Geeks“ bezeichnet, ist eines der einflussreichsten Treffen der weltweiten Tech-Elite. Vergangene Woche netzwerkten und diskutierten 50.000 Besucher, vom Facebook-Technikchef über den Tinder-Gründer bis hin zum Fußballer und Investor Ronaldinho, über die Zukunft der digitalen Welt.

So überraschend die Entwicklung Lissabons in Richtung Tech-Hub auch sein mag, aus heiterem Himmel kommt sie nicht. Portugal setzte viele richtige Puzzlestücke zusammen, um Innovation zu fördern – von Finanzierungsinstrumenten bis hin zu einer Ausbildungsoffensive. Portugal investierte in den letzten zwanzig Jahren trotz Krise in Zukunftstechnologien und Austauschprogramm mit amerikanischen Eliteunis. Heute können heimische Start-ups aus einem riesigen Pool an Talenten schöpfen.

„Einer der wichtigsten Faktoren sind die vielen gut ausgebildeten jungen Portugiesen, die im Ausland, vor allem in den USA studiert haben. Die kommen alle mit einer komplett anderen Unternehmerkultur zurück“, sagt Pedro Rocha Vieira, Chef und Gründer von Beta-I, dem ersten Lissaboner Startup-Accelerator, über das Fundament des Tech-Booms.

Ironischerweise brauchte es zuerst einen Crash, um den Boom zu starten. Als Portugals Wirtschaft ab 2011 tief in die Krise schlitterte, sahen viele junge Portugiesen die Chance, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. „Die Unternehmerkultur war hier nie gut ausgebildet. Die Krise hat gezeigt, dass wir uns neu erfinden müssen“, sagt Rocha Vieira.

Dass die Wirtschaftskrise eine wichtige Rolle spielte, davon ist auch Miguel Fontes, Direktor des Inkubators Startup Lisboa überzeugt, aber nicht in der Art und Weise, wie es oft zu hören sei. „Es ging nicht darum, dass die jungen Leute keine Jobs hatten und aus der Not heraus ein Startup gründeten. Die Krise hat uns, oft auf schmerzhafte Weise, gezeigt, dass es so etwas wie einen sicheren, lebenslangen Job nicht mehr gibt. Das hatte einen massiven Einfluss auf unsere Unternehmenskultur. Etwas Eigenes zu versuchen sehen die jungen Portugiesen nicht mehr als Risiko, sondern als Chance.“

Dass Lissabon nicht mehr nur für Sonne und Surfen steht, sondern auch für Start-ups, hat sich mittlerweile in der europäischen Tech-Szene herumgesprochen. Immer mehr junge Firmen werden von dem Boom angezogen. Und das nicht nur wegen des attraktiven Start-Up-Ökosystems. „Lissabon ist eine sehr lebenswerte Stadt, das macht uns noch einmal attraktiver“, sagt Fontes.

Dem kann Christophe Lassuyt nur zustimmen. Der gebürtige Franzose ist im Juni mit seinem Start-up Moneytis, einem Vergleichsportal für Online-Geldtransfers, von Amsterdam nach Lissabon umgezogen.

Warum Lissabon? „Das Startup-Ökosystem boomt, die Regierung investiert viel ins Unternehmertum. Die Kosten hier sind außerdem viel geringer als in den meisten anderen Städten Europas, vier Mal geringer als beispielsweise in Paris. Das Geld, das ich mir hier spare, kann ich in neue Mitarbeiter stecken. Das Klima spielte natürlich auch eine Rolle, Lissabon ist die wärmste europäische Hauptstadt – und die nächsten Strände sind nur 20 Minuten entfernt. Wir brauchen hier keinen Urlaub zu machen, den haben wir jedes Wochenende.“

Billig wie Berlin bei südeuropäischen Temperaturen und fast 300 Sonnentagen im Jahr – eine Kombination, die auch Christian Dvorak überzeugt hat. Der Österreicher lebte acht Jahre lang in London, wo er zuletzt die Gästelisten-App Snafflz aufbaute. „London hat natürlich Vorteile, Kapital ist leichter zu finden. Aber grundsätzlich hast du dort kein gutes Umfeld“, sagt er über die britische Hauptstadt.

Extrem hohe Mieten machen es schwer, gute Programmierer zu finden, weil die von den großen Konzernen direkt von der Uni weggekauft werden. Alles Dinge, die in Lissabon kein Thema sind. „Die Aufbruchsstimmung, dieser Start-up-Spirit, der hier herrscht, hat mich sofort angesteckt. Ich fühle mich in Lissabon extrem willkommen. Und London ist nur einen billigen Flug entfernt.“

Viele in der Lissaboner Start-up-Szene sind optimistisch, dass Portugal gerade an der Schwelle zu einer profunden Transformation steht – nicht zuletzt durch den Schub, den der Web Summit bringen könnte. „Ich hoffe, dass er helfen kann, mehr Investoren nach Portugal zu bringen. Es ist immer noch eine Herausforderung, Kapital zu finden.“, sagt Samuel Martinz, einer der Gründer von Prodsmart, Hersteller eines Echtzeit-Analytik-System für Montagelinien, der kürzlich nach Deutschland expandierte.

„Der Web Summit ist eine riesige Bühne, um Lissabon zu präsentieren“, sagt Rocha Vieira vom Accelerator Beta-I, „er bringt aber auch Druck, zu liefern. In den nächsten Jahren müssen wir uns beweisen und mehr Kapital anziehen.“ Wird Lissabon also das neue Berlin oder gar San Franciso? Rocha Vieira lächelt: „Lissabon ist das neue Lissabon.“