Gründer haben besonders viel Stress, gehen aber auch besonders gut mit ihm um. Zudem ist Stress in Maßen positiv; man muss ihn nur zum Freund machen.

Gründer arbeiten selten nur nine to five, haben oft ihr ganzes Vermögen auf ein Pferd gesetzt und tragen zudem die Verantwortung für Mitarbeiter. Kein Wunder, dass sie besonders oft gestresst sind. Schon angestellte Führungskräfte fühlen sich eher mit zunehmendem Stress konfrontiert als Mitarbeiter ohne Führungsverantwortung, so eine Studie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin von 2012.

Der Soziologe Ulrich Bröckling sieht im „unternehmerischen Selbst“ gar ein gesellschaftliches Leitbild, das zum Schreckensbild geworden ist. Laut Bröckling gibt es einen Selbstoptimierungsdruck „sich in allen Lebenslagen kreativ, flexibel, eigenverantwortlich, risikobewusst und kundenorientiert“ zu verhalten. Doch die Angst vor dem Scheitern lasse sich nicht bannen. Wie der Ausdruck „unternehmerisches Selbst“ schon sagt trifft dies auf Gründer noch einmal  besonders stark zu. Der französische Soziologe Alain Ehrenberg argumentiert in seinem Buch „Das erschöpfte Selbst“ ganz ähnlich: Eigenverantwortung, Selbstverwirklichung und Streben nach Erfolg verbunden mit der Angst zu Scheitern – das kann zu Depressionen führen.

„Das größte Problem von gestressten Gründern ist, dass sie denken, ohne vollen Einsatz ginge es nicht“, bestätigt die Neurologin Miriam Goos, die selbst Gründerin ist und Unternehmer in Burn-out-Prävention coacht. „Die Konkurrenz ist so stark. Wenn ich nur ein bisschen zu langsam bin, bin ich sofort draußen.“ So würden viele Gründer denken. Doch das sei falsch, meint Goos.

Kreativität: Innovative Ideen unter der warmen Dusche

Die Ärztin packt Unternehmer, die so ticken, direkt an der Achillesverse: ihrer eigenen Leistungsorientierung: „Ich erläutere, dass unser Gehirn das Maximum nur ausschöpfen kann, wenn man regelmäßig Pausen macht.“ Der Geist müsse sich auch mal auf andere Dinge konzentrieren, um Platz für neue Ideen zu bekommen. „Gerade bei Gründern, die kreativ sein müssen, ist das wichtig“, meint Goos.

Ihr Tipp: Situationen, in denen man einerseits total entspannt, aber andererseits einen körperlichen Reiz spürt. Etwa unter der warmen Dusche oder beim Sport. „Dann knüpfen sich Verbindungen zwischen kleineren Neuronen-Netzwerken und man kommt auf die besten Ideen“, meint Goos. In ähnlicher Weise festigt sich Gelerntes erst im Schlaf richtig.

Stress schränkt aber nicht nur die Kreativität ein. Zudem sorgt er durch eine Adrenalin- und Kortisol-Dusche für impulsive Entscheidungen. Und die sind nicht immer gut.

Zwischen halbgestresst und halbleistungsfähig eingependelt

Was also tun? Methoden gegen Stress sind viele im Angebot. Angefangen in der wundbaren Shopping-Welt: Anti-Stress-Tee, Anti-Stress-Weichspüler, Anti-Stress-Knautschbälle, Anti-Stress-Entscheidungswürfel („Morgen ist auch noch ein Tag“, „Pause machen“, „Vielleicht). Die meisten Deutschen gehen laut einer Forsa-Umfrage in die Natur, um Stress abzubauen, lesen ein Buch, faulenzen einfach oder treiben Sport.

Doch was hilft wirklich? Und was ist für Gründer und Unternehmer gangbar? Ideen wie eine gesetzliche Anti-Stress-Verordnung gegen E-Mails im Urlaub zielen schließlich vor allem auf Arbeitnehmer.

Miriam Goos rät Gründern zur Selbstdisziplinierung: „Das Anstrengungsniveau sollte einen Wellenverlauf haben: Zeiten der Spitzenleistung müssen sich mit Entspannung abwechseln.“ Sonst würde man sich irgendwann auf einem mittelmäßigen Niveau von halbgestresst und halbleistungsfähig einpendeln.

Jede Stunde eine Minipause sei ideal. Einfach mal tief durchatmen. Zum Beispiel nach dem „Blume-Kerze-Prinzip“: Durch die Nase einatmen (wie beim Blumen Riechen), durch den Mund aus (wie beim Kerzen Ausblasen). „Das ist im Alltag zwar nicht immer machbar, aber zumindest sollte eine Stressphase nicht länger als zwei Tage anhalten“, sagt Goos. Wirklich besorgniserregend sei es, wenn man sich selbst nicht mehr daran erinnern könne, wann man das letzte Mal völlig entspannt war.

Albert Pietzko, Diplompädagoge und Gesellschafter der auf Werte- und Gesundheitscoaching spezialisierten Unternehmensberatung Heiligenfeld,  stimmt dem zu. Er rät auch zu längeren Urlauben. „Zwei Wochen genügen kaum zum Regenerieren, da der Stress vorm Urlaub meist besonders stark ist,“ meint der Berater. Pietzko hatte früher ein Ausbildungsinstitut für Psychotherapie und coacht heute zusammen mit dem Ärztlichen Direktor der Heiligenfeld Kliniken Joachim Galuska Unternehmer in der Burnout-Prävention.

Kleine Erfolge feiern

Im Alltag hilft gegen belastenden Stress zum Beispiel Yoga  oder die sogenannte achtsamkeitsbasierte Stressreduktion MBSR  (mindfulness-based stress reduction). Bei der MBSR geht es darum, die eigenen Gefühle und Gedanken wieder bewusst im Hier und Jetzt wahrzunehmen. Achtsamkeit ist allerdings wie jeder Hype etwas überschätzt: MBSR wirkt, aber nicht mehr als Standardentspannungsübungen. Gut ist, was gut tut, nicht was gerade en vogue ist.

Laut Neurologin Goos ist es neben Entspannung wichtig, sich regelmäßig für Erfolge zu belohnen. „So wird wieder deutlich, wozu der Stress gut war.“ Ein Unternehmen aufzubauen ist langwierig. Aber auch kleine Erfolge lassen sich zelebrieren, etwa wenn die Homepage steht oder die erste Messe gut überstanden ist.

Speziell bei Gründern ist es laut schwedischen Wissenschaftlern wichtig, die eigene Rolle genau zu klären: Welche Anforderungen stellen die verschiedenen Stakeholder (Mitarbeiter, Investoren, Kunden) und wem möchte man vorrangig gerecht werden? Welche Aufgaben lassen sich übergeben? Ganz aus dem Weg schaffen, lässt sich die Mehrfachverantwortung nicht. Auch Berater Pietzko rät: „Gestressten Gründern hilft kein Tipp und kein Trick, sondern nur Selbstreflexion: Möchte ich so leben und wenn ja, welchen Preis bin ich bereit, zu zahlen?“

Kliniken: Spezialtherapien für Selbstständige mit Burn-out

Was aber tun, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist? „Bei einem schweren Burn-out, also heftiger Erschöpfung mit Selbstentfremdung, ist eine stationäre Therapie am besten“ meint Neurologin Goos. Nur durch eine längere Auszeit bekämen Stress-Patienten wieder Kontakt zu ihrem Körper und seinen Grenzen.

Inzwischen haben mehrere Kliniken die Klientel der Unternehmer als spezielle Patientengruppe erkannt und ein eigenes Therapiekonzept für Selbstständige und Führungspersönlichkeiten mit Burn-out entwickelt. In der stationären Therapie lernen Manager und Unternehmer, dass der eigene Selbstwert nicht einzig vom Erfolg des Unternehmens abhängen darf und Fehlschläge normal sind. „Zudem müssen sie Aufgaben an Mitarbeiter übergeben statt nur Alleinunterhalter zu sein“, meint Pietzko.

Gründer gehen gut mit Stress um

Nach allen negativen Nachrichten nun eine gute: Gründer haben nicht nur eine besonders hohe Arbeitsbelastung, sie können auch besonders gut wieder aus einem Tief herauskommen. „Unternehmer sind selbstbestimmter als Angestellte. Sie wissen, dass sie selbst am Steuer sitzen und ihren Arbeitsalltag ändern können“, berichtet Miriam Goos. Tatsächlich ist gefühlte Kontrolle ein wichtiger Moderator wie Wissenschaftler sagen: Mit Kontrolle über den auslösenden Stressfaktors – oder über die Reaktion auf ihn – , ist alles halb so schlimm.

Wie sehr jemand zur Selbstüberforderung und Burn-out neigt ist vorrangig eine Frage der Persönlichkeit, nicht des Arbeitsstatus. Dennoch zeigen wissenschaftliche Studien, dass Gründer meist besser mit Stresssituationen umgehen als Arbeitnehmer. Selbstständige setzen mehr auf aktives und problemfokussiertes Coping (Coping ist der psychologische Fachbegriff für Bewältigungsstrategie). Das heißt, sie gehen dem Problem nicht aus dem Weg oder flüchten sich in eine Sucht. Stattdessen widmen sie sich den Wurzeln des Problems, sprechen mit anderen Menschen darüber oder deuten die Situation in etwas Positives. Auf einen Stressfaktor mit positiven Gefühlen zu reagieren (wie Hoffnung und Dankbarkeit) minimiert den negativen Distress und erhöht den positiven Eustress.

Die Unterscheidung in „guten Stress“ (Eustress) und „schlechten Stress“ (Distress) hatte in den 1970-er Jahren der österreich-kanadische Mediziner Hans Selye eingeführt. Die US-amerikanische Psychologin Kelly McGonigal sieht in Stress sogar einen Freund: „Stress ist nur gesundheitsschädlich, wenn man ihn auch dafür hält“, argumentiert sie in einem TedTalk. Man dürfe Herzklopfen, raschen Atem und Schwitzen nicht immer als Zeichen von Angst und Druck sehen. Sondern mehr als Zeichen, dass der Körper Energie für eine Herausforderung sammele. „Das klopfende Herz bereit auf eine Handlung vor. Der schnelle Atem pumpt mehr Sauerstoff ins Gehirn“, erläutert McGonigal.

Stress ist nicht per se schlecht

Tatsächlich ist Stress nicht immer schlecht „Stress ist zunächst eine Ressource im Körper, die uns leistungsfähiger macht“, erläutert Miriam Goos. Ähnlich wie ein Koffeinschub. Wenn das Level zu Situation und Person passt, werden wir in eine positive Alarmbereitschaft versetzt. Wir sind aufmerksam und konzentriert (etwa bei Aufregung vor einem wichtigen Meeting oder Vortrag).

Zu wenig Stress kann daher auch unangenehm sein; man rutscht ins sogenannte Bore-out (Gelangweilt sein). Das ist ein Grund, warum es für gestresste Unternehmer häufig keine gute Alternative ist, in einen Angestelltenjob zu wechseln. Psychologen sagen auch, dass Stress reduziert wird, wenn Job und Persönlichkeit zusammen passen: Jemand der kreativ und wenig risikoscheu ist, ist als Gründer wohl besser aufgehoben als mit einem Verwaltungsjob im Finanzamt.

Gefährlich ist laut Goos aber Dauerstress. Depressivität und Burn-out sind dann adaptive Folgen: Wie eine Warnblinkanlage machen Körper und Geist darauf aufmerksam: Hier stimmt etwas nicht.

Kein Stress mit Anti-Stress

Auch zu wenig Bewegung in Zeiten hoher Anstrengung ist laut Goos schädlich. „Der Körper produziert unter Stress Botenstoffe, die vor allem die Muskeln leistungsfähig machen“, so Goos. Stress braucht also auch ein körperliches Ventil.

Die Neurologin hat auf Reisen daher immer ihre Laufschuhe dabei. Und sie meditiert jeden Morgen mit der App Headspace. Direkt morgens online – sieht so Stressprävention aus? „Am besten ist es natürlich, wenn man ohne Anleitungen meditieren kann“, gibt Goos zu. „Aber ich lade mein Handy nachts immer im Nebenraum, so dass es nicht neben dem Bett liegt“. Denn ansonsten sei selbst sie als Stress-Expertin in der Versuchung, abends noch im Internet zu surfen.

Auch andere Anti-Stress-Mittel sind mit Vorsicht zu genießen: Die Dosis macht´s. „Viele Leute stressen sich in der Freizeit mit vermeidlichen sozialen Verpflichtungen oder ambitionierten Hobbys“, sagt Albert Pietzko. Weniger sei mehr. Das gilt auch bei stationären Burn-out-Therapien. „Gerade Unternehmer und Führungskräfte versuchen oft, ihr Mediationspensum besonders vorbildlich und engagiert abzuarbeiten.“ Das sei selbstverständlich nicht die Idee des Ganzen.