Die Unterscheidung in „guten Stress“ (Eustress) und „schlechten Stress“ (Distress) hatte in den 1970-er Jahren der österreich-kanadische Mediziner Hans Selye eingeführt. Die US-amerikanische Psychologin Kelly McGonigal sieht in Stress sogar einen Freund: „Stress ist nur gesundheitsschädlich, wenn man ihn auch dafür hält“, argumentiert sie in einem TedTalk. Man dürfe Herzklopfen, raschen Atem und Schwitzen nicht immer als Zeichen von Angst und Druck sehen. Sondern mehr als Zeichen, dass der Körper Energie für eine Herausforderung sammele. „Das klopfende Herz bereit auf eine Handlung vor. Der schnelle Atem pumpt mehr Sauerstoff ins Gehirn“, erläutert McGonigal.

Stress ist nicht per se schlecht

Tatsächlich ist Stress nicht immer schlecht „Stress ist zunächst eine Ressource im Körper, die uns leistungsfähiger macht“, erläutert Miriam Goos. Ähnlich wie ein Koffeinschub. Wenn das Level zu Situation und Person passt, werden wir in eine positive Alarmbereitschaft versetzt. Wir sind aufmerksam und konzentriert (etwa bei Aufregung vor einem wichtigen Meeting oder Vortrag).

Zu wenig Stress kann daher auch unangenehm sein; man rutscht ins sogenannte Bore-out (Gelangweilt sein). Das ist ein Grund, warum es für gestresste Unternehmer häufig keine gute Alternative ist, in einen Angestelltenjob zu wechseln. Psychologen sagen auch, dass Stress reduziert wird, wenn Job und Persönlichkeit zusammen passen: Jemand der kreativ und wenig risikoscheu ist, ist als Gründer wohl besser aufgehoben als mit einem Verwaltungsjob im Finanzamt.

Gefährlich ist laut Goos aber Dauerstress. Depressivität und Burn-out sind dann adaptive Folgen: Wie eine Warnblinkanlage machen Körper und Geist darauf aufmerksam: Hier stimmt etwas nicht.

Kein Stress mit Anti-Stress

Auch zu wenig Bewegung in Zeiten hoher Anstrengung ist laut Goos schädlich. „Der Körper produziert unter Stress Botenstoffe, die vor allem die Muskeln leistungsfähig machen“, so Goos. Stress braucht also auch ein körperliches Ventil.

Die Neurologin hat auf Reisen daher immer ihre Laufschuhe dabei. Und sie meditiert jeden Morgen mit der App Headspace. Direkt morgens online – sieht so Stressprävention aus? „Am besten ist es natürlich, wenn man ohne Anleitungen meditieren kann“, gibt Goos zu. „Aber ich lade mein Handy nachts immer im Nebenraum, so dass es nicht neben dem Bett liegt“. Denn ansonsten sei selbst sie als Stress-Expertin in der Versuchung, abends noch im Internet zu surfen.

Auch andere Anti-Stress-Mittel sind mit Vorsicht zu genießen: Die Dosis macht´s. „Viele Leute stressen sich in der Freizeit mit vermeidlichen sozialen Verpflichtungen oder ambitionierten Hobbys“, sagt Albert Pietzko. Weniger sei mehr. Das gilt auch bei stationären Burn-out-Therapien. „Gerade Unternehmer und Führungskräfte versuchen oft, ihr Mediationspensum besonders vorbildlich und engagiert abzuarbeiten.“ Das sei selbstverständlich nicht die Idee des Ganzen.