Virtual Reality Brillen sind eine der größten Innovationen seit langem. An deutschen Unternehmen dürfte der Boom vorbeigehen – mit einer Ausnahme.

Ich klettere mit einem Stahlseil eine steile Felswand hinauf, orange leuchtende Schmetterlinge umflattern mich, als sich plötzlich ein Steinbrocken löst. Während ich noch versuche auszuweichen, breitet ein riesiger Flugsaurier seine Flügel aus und segelt ins Tal.

Willkommen in der virtuellen Welt von Oculus Rift. Die Virtual Reality Brillen sind die wichtigste Neuheit auf der Gamescom und könnten die Spielebranche in den kommenden Jahren prägen. Es ist ein ähnlicher Wow-Effekt wie einst das 3D-Erlebnis von Avatar – kombiniert mit dem Erlebnis im Imax-Kino, da man sich ringsum in der künstlichen Welt umschauen kann.

Der Knackpunkt ist derzeit noch, auch die Interaktion an die neue Technologie anzupassen, damit aus dem Rundum-Kinoeffekt ein neuartiges Spieleerlebnis wird. Wenn die Umgebung so realistisch wie nie ist, muss es auch die Steuerung des Alter Ego in der Spielewelt.

Wo es da hapert zeigt Kitchen eine Horrorvision von Sonys Project Morpheus: Ich sitze gefesselt auf einem Stuhl, die gebundenen Hände bewegen sich mit, wenn ich die Arme hebe. Schützend reiße ich sie hoch, als mich ein Zombie mit einem Messer attackiert, instinktiv trete ich den Angreifer – doch nicht alles reagiert darauf.

Per Bewegungssteuerung wird sich da noch viel verbessern müssen, Oculus entwickelt dazu ein eigenes System, doch die bisherigen Spiele lassen sich nicht eins zu eins in die neuen Welten übertragen. „Die Inhalte müssen dezidiert für VR entwickelt werden“, sagt Avni Yerli, Mitgründer des Frankfurter Entwicklers Crytek. An den fehlenden oder schlecht umgesetzten Inhalten seien auch 3D-Spiele, der letzte technologische Hoffnungsträger gescheitert.

Crytek lebt vom Lizenzgeschäft

Crytek war lange die deutsche Vorzeigefirma, mit international erfolgreichen Titeln wie Far Cry oder Crysis, die deutsche Ausnahme in der Königsdisziplin der grafisch anspruchsvollen Blockbustertitel. Doch die letzten Spiele liefen nicht wie erhofft, die Frankfurter gerieten in finanzielle Schwierigkeiten und lebten vor allem durch die Einnahmen aus der Lizenzierung ihrer Grafiktechnologie, der CryEngine. Im Vorjahr stammte etwa die Hälfte der Einnahmen aus diesem Bereich, sagt Yerli. 2015 könnte es noch mehr sein, denn inzwischen soll sogar Amazon die CryEngine lizensiert haben – für eine hohe zweistellige Millionensumme. Darüber hinaus will Crytek in Zukunft mit eigenen VR-Spielen an die früheren Erfolge anknüpfen. Die Saurierinsel ist ein erster Versuch in dieser Richtung.

Doch bei aller Begeisterung über das beeindruckende Potenzial der Technologie sind noch nicht alle restlos von ihrem Siegeszug überzeugt. Bestes Indiz ist die Zurückhaltung von Branchenriese Electronic Arts (EA). Intern sollen Entwickler intensiv daran arbeiten, doch öffentlich halten sich die Kalifornier noch zurück. „Es gibt immer noch viele offene Fragen“, sagte kürzlich Peter Moore, der das Tagesgeschäft bei EA leitet.

„Ich bin auch noch nicht sicher, ob sich Virtual Reality als Standard durchsetzt“, sagt Jens Begemann, Chef des Spielentwicklers Wooga. Für sein Unternehmen hat er entschieden, nichts für die Brillen zu entwickeln – verständlich, denn Wooga ist zwar zu einem der wichtigsten deutschen Unternehmen in der Branche aufgestiegen. Allerdings mit Spielen für Smartphones und Tablets, bei denen sich VR-Brillen nicht anbieten.

Stattdessen hofft Begemann auf die Apple Watch. Es werde zwar noch dauern, bis die sich in der Masse verbreiten, doch dann werde es ganz neue Spiele ermöglichen. Eine erste Fingerübung präsentiert er auf der Apple Watch an seinem eigenen Handgelenk: Toby heißt das Spiel, es geht darum einen kleinen Hund zu versorgen, ein Tamagotchi für die Generation Smartwatch sozusagen.

Auch bei Goodgame spielt VR derzeit keine Rolle. Auf der Gamescom findet man den derzeit größten deutschen Spieleentwickler kaum. Dessen Browsergames wie Empire sind zwar extrem erfolgreich. „Doch dafür kommen die Leute nicht auf die Gamescom“, wissen die Goodgame-Macher. So versucht Goodgame mit seinem Stand auch eher die so händeringend gesuchten Entwickler zu finden.

Deutsche Spieleentwickler fallen zurück

Es ist ein generelles Problem der deutschen Entwickler. „Videospiele sind das Medium der Zukunft, doch die Entwicklung geht zum Großteil an Deutschland vorbei“, sagt Maximilian Schenk, Chef des Bundesverbands Interaktive Unterhaltungselektronik. Im Bereich der Mobile- oder Browsergames sind die Deutschen durchaus stark, mit Goodgame oder Wooga gibt auch Firmen, die international erfolgreich sind. Doch in der Masse können sie nicht mithalten. „Die deutschen Unternehmen haben hierzulande Marktanteile verloren“, sagt Schenk. Zuletzt waren es nur noch rund sieben Prozent.

Neue Start-ups entstehen zwar auch im Spielebereich, doch um bei Virtual Reality mitzuspielen, braucht es viel Geld und Ressourcen. Auch bei Mobile Games ist es schwieriger, die Kosten um per Werbung Nutzer zu gewinnen sind enorm gestiegen. „Der Markt wird sich eher konsolidieren“, sagt Begemann.

Und die Rahmenbedingungen versprechen wenig Besserung: Von der digitalen Infrastruktur bis zur Kapitalversorgung sind die Aussichten mäßig. Wie arg die Probleme sind, hat der BIU selbst bei der Suche nach neuen Büroräumen gemerkt. „Es gibt selbst in Berlin Bereiche, wo Spieleentwickler keine Büros eröffnen können, weil die Internetbandbreite nicht ausreicht“, klagt Schenk. Der geplante Breitbandausbau helfe da wenig, die gesetzten Ziele seien viel zu niedrig.

Eigentlich müsste der Staat die Spielebranche zudem stärker fördern, fordert Schenk. Während es völlig normal ist, dass Filme mit hohen Summen mitfinanziert werden, gibt es das bei Spielen kaum. Und auch im Bereich Technologieförderung haben es Spieleentwickler schwer. „Es kann nicht sein, dass ein High-Tech-Unternehmen wie Crytek kein Förderprogramm findet, um Virtual Reality in Deutschland weiter zu entwickeln“, sagt Schenk.

So sind Videospielfirmen weiter auf sich gestellt. Doch selbst da drohen von politischer Seite neue Hürden durch die jüngsten Gesetzespläne zur Besteuerung von Business Angels. „Das ist ein völlig untauglicher Entwurf, der auch dem Koalitionsvertrag diametral widersprich“ sagt Schenk. Bei der Förderung von Venture Capital sei sowieso schon wenig passiert, nun drohe dadurch sogar eine Verschlechterung.