Mobile Payment ist ein Hype, der weniger von Konsumenten sehnlichst erwartet wird, sondern von Anbietern übergestülpt wird. Kann das gut gehen?

Mittwoch ist Kolumnentag bei WirtschaftsWoche Gründer – heute mit Julian Heck. Er ist Journalist und auf medienjournalistische und digitale Themen spezialisiert und beleuchtet die boomende Fintech-Branche.

Von Julian Heck

Wenn Start-ups an neuen Lösungen werkeln und der Öffentlichkeit einen Einblick gewähren, dann wird in der Regel mit Hochspannung das neue Produkt oder die neue Dienstleistung erwartet. Warum? Zum Beispiel, weil es im privaten oder beruflichen Alltag weiterhilft. Start-ups tüfteln an neuen Technologien und die potentielle Kundschaft ist schon richtig gierig danach, bis es dann endlich auf den Markt kommt. Das ist der Idealfall.

Keine Spannung bei Bezahl-Technologien

Es gibt aber auch andere Fälle: Unternehmen arbeiten wie wild an etwas Neuem, aber außerhalb der Blase der Branchenkenner interessiert es nicht sehr viele, weil, nun ja, weil der entwickelten Lösung kein wirkliches Problem vorausgeht. Mobile Payment scheint genau solch ein Fall zu sein.  Natürlich ist es nicht so, dass die neuen mobilen Bezahltechnologien, bei denen Nutzer ihre Debit- bzw. Keditkarte oder ihr Smartphone an ein Bezahlterminal halten, überhaupt keinen Nutzen haben. Laut der Kurzstudie „Mobile Payment am Point of Sale – Der Weg in den Alltag der Konsumenten“ vom ECC Köln und PayPal könnten sich immerhin fast die Hälfte der Befragten vorstellen, ihr Portemonnaie ganz zu Hause zu lassen. Jeweils zwei Drittel schätzen an Mobile Payment, dass sie jederzeit einkaufen gehen und aufs Kleingeld verzichten können. Allerdings ist es so, dass 500 Menschen befragt wurden, die sowieso schon Interesse am mobilen Bezahlen haben. Insofern sind die Zahlen natürlich etwas verzerrt. Sie würden wahrscheinlich deutlich schlechter aussehen, wenn ein repräsentativer Durchschnitt befragt worden wäre. Dennoch sagt die Umfrage etwas aus: Mobile Payment hat zumindest etwas Potential. Theoretisch.

Erwartungen werden nicht erfüllt

In der Praxis werden die Hoffnungen derzeit leider nicht wirklich erfüllt – egal wo. Häufig scheitert es schon daran, dass die Netzabdeckung in den Läden äußerst schlecht ist. Auch ich durfte die Erfahrungen schon mehrmals machen, egal ob bei Starbucks, bei Douglas oder bei Rewe. Nicht immer klappt alles so, wie es klappen sollte. Ist eine Internetverbindung da, aber sehr langsam, dann verzichtet man gut und gerne doch mal auf das Smartphone – insbesondere dann, wenn auch noch die Schlange an der Kasse lang ist. Man spürt den Druck von hinten quasi schon im Rücken. Das sind auch Kritikpunkte, die aus der ECC-Studie hervorgehen.

In solchen Situationen ist es dann vielleicht doch besser, mal kurz das Portemonnaie zu zücken und entweder in bar oder mit der Karte zu zahlen: reinstecken, PIN eingeben, fertig. Zum Vergleich: Smartphone-App öffnen, auf eine gute Internet-Verbindung hoffen, Code abscannen oder abscannen lassen oder Smartphone ans NFC-Terminal halten, warten, fertig. Zeitersparnis? Wenn überhaupt, dann minimal. Oft dauert das Bezahlen mit dem Smartphone sogar länger. Nicht zuletzt auch deshalb, weil das Kassenpersonal oft keinen blassen Schimmer hat, wie das Geld vom Smartphone denn jetzt in die Kasse kommt – wie bei Aldi kürzlich des Öfteren geschehen.

Ein Problem muss her

Es ist deshalb nicht nur so, dass Mobile Payment in der Praxis noch zu oft nicht funktioniert oder es an der ein oder anderen Stelle noch knarzt. Das größte Problem ist: Diese neue Bezahltechnologie löst kein wirkliches Problem. Das Bezahlen mit Bargeld funktioniert – je nach Fitness der Kassierer – schnell. Und auch mit der Karte ist der Einkauf flott abgewickelt. Was also ist das Argument der Mobile-Payment-Anbieter? Warum wollen sie die uns bekannten Prozesse durch ihre Prozesse ersetzen? Was ist die Lösung für welches Problem? Oder anders gefragt: Was ist überhaupt ein bestehendes Problem? Was ist das Lockmittel für die Konsumenten?

Ich muss kein Pessimist sein, um diese Schwierigkeiten zu erkennen. Der Optimist in mir erkennt aber dennoch eine Chance: Mobiles, digitales Bezahlen kann funktionieren, wenn die Abläufe noch schneller, noch sicherer und mit noch weniger Hürden vonstatten gehen. Das wird aber noch etwas Zeit brauchen. Bis dahin werden sich nicht mehr Dutzende, sondern maximal eine Handvoll Anbieter am Mobile-Payment-Markt tummeln. Durchsetzen werden sich diejenigen, die den Nutzern ein Problem vor Augen führen – und selbst wenn sie das Problem etwas konstruieren.