Deutschlands Start-ups suchen dringend Softwareentwickler. Doch die streben eher in große Unternehmen.

Martin Brücher ist enttäuscht. Auf der Fashion Week in Berlin vor wenigen Wochen hatte alles so gut ausgesehen. Mehr als 80 potentielle Kunden hatten Interesse an der Fashion Cloud bekundet, einer Plattform zum Austausch von digitalem Content der Modebranche, die er mit seinem Start-up Look Local entwickelt hat. Doch als es um ein konkretes Zusammenarbeiten ging, musste er sie ärgerlicherweise noch um einige Wochen vertrösten.

Der Grund: Brücher und seinen Mitgründern fehlen die Experten, die ihrem Online-Angebot den letzten, entscheidenden Schliff verleihen. „Wir kommen in unserer Entwicklung einfach nicht schnell genug voran, unser Chef-Entwickler kann die Arbeit nicht alleine leisten, dabei haben wir in einer Finanzierungsrunde bereits das nötige Geld gesammelt.“

Wettstreit um die besten Köpfe

Vor zwei Monaten haben sie vier feste Stellen für Softwareentwickler ausgeschrieben. Zunächst über soziale Netzwerke, dann in Newslettern von Hochschulen, dann auf klassischen Stellenportalen und ganz zum Schluss sogar auf internationalen Job-Plattformen.

Gefunden haben sie über all diese Wege nur einen einzigen neuen Mitarbeiter. „Und seine Gehaltsvorstellungen lagen auch eigentlich über dem, was wir uns als Start-up leisten können“, sagt Martin Brücher. Genommen haben sie ihn trotzdem. Zu einer solchen Zusage sagt man nicht nein. Vor allem dann nicht, wenn man weiß, dass diese ein echter Glücksfall war: „95 Prozent der Softwareexperten wollen unserer Erfahrung nach lieber in großen Unternehmen als in Start-ups arbeiten. Dort, wo sie sichere, gut bezahlte Stellen und eine betriebliche Altersvorsorge haben“, sagt Martin Brücher.

Und von den restlichen fünf Prozent seien nur die wenigsten ausreichend qualifiziert. „Darum entbrennt um die Besten ein Wettstreit, in dem wir kleinen Unternehmen auch gegen etablierte Start-ups wie Xing konkurrieren müssen“, fügt er resigniert hinzu.

Martin Brücher und seine Mitgründer stehen mit ihrem Problem nicht alleine da, denn tatsächlich zieht es gut qualifizierte Softwareentwickler vor allem in große Unternehmen, wie Google, Microsoft, Apple, SAP oder IBM. Start-ups versuchen unterdessen händeringend freie Stellen zu besetzen. Jobportale sind voll von immer gleich lautenden Gesuchen: „Softwareentwickler dringend gesucht“, steht da – und zwar von Hamburg bis Zwickau, von Berlin bis München.

Auch das Hannoveraner Start-up Energieheld sucht seit Wochen nach neuen Mitarbeitern im IT-Bereich – dringend natürlich. „Es ist nicht so, dass wir keine Bewerbungen bekommen“, sagt Mitarbeiterin Helen Bielek, „doch diejenigen, die bei uns anfangen möchten, sind leider nicht gut genug.“

Neue Erfahrungen sammeln

Wer die nötige Qualifikation mitbringt, ist darum heiß umworben. Einer von ihnen ist David Linner. Jahrelang arbeitete der studierte Informatiker als IT-Experte in großen Unternehmen wie dem Fraunhofer Institut Fokus und der Axel Springer AG. 2012 stieg er als Technischer Leiter und erster Entwickler beim Berliner Start-up Smartlaw ein, einem Dienst, mit dem man individuelle, unterschriftsfertige Verträge, Vereinbarungen oder Vollmachten erstellen kann.

Das Geld war es nicht, das David Linner lockte, denn branchenübliche oder gar überdurchschnittliche Gehälter zählten in der frühen Phase eines Start-ups selten zu den Pluspunkten, sagt er: „Gereizt hat mich vielmehr die Tatsache, dass man in einem Start-up auf der ‚grünen Wiese‘ arbeitet und sich zu 100 Prozent auf das Produkt konzentrieren kann.“

Auch die Vielfalt der Aufgaben war ein Pluspunkt: „Ich kümmere mich nicht nur um die Softwareentwicklung, sondern auch um den Aufbau des Teams, so dass die Arbeit nie eintönig wird.“

Als Recruiter weiß auch David Linner selbst wie es ist auf der Suche nach fähigen Softwareentwickler zu sein: „Es ist in den letzten Jahren nicht einfacher geworden, gute Leute zu finden. Dabei greifen wir häufiger auf die Hilfe von Headhuntern zurück, denn in einer Branche, in der gefühlt Vollbeschäftigung herrscht, werden die Alternativen knapp.“

Die Hoffnung bleibt

Eine Untersuchung des Branchenverbands Bitkom vom Oktober 2013 ergab 39.000 offenen Stellen für IT-Experten, im Jahr davor waren es sogar 42.000. Bitkom-Präsident Dieter Kempf sprach damals von einem strukturellen Problem, das dauerhaft und weitgehend unabhängig von der konjunkturellen Entwicklung bestehe.

Dass das nicht gut klingt, weiß auch Martin Brücher und dennoch hofft er, dass sich sein Start-up in Zukunft im Kampf um die besten Experten durchsetzen kann. Mittlerweile haben und seine Kollegen angefangen selbst zu headhunten, denn einen Profi können sie sich nicht leisten. Auf Xing und Linkedin schreiben sie potentielle Kandidaten an und durchforsten Freundes-und Bekanntenkreise: „Wir fragen wirklich jeden, ob sie jemanden kennen, der jemanden kennt…“

Nicht aufgeben ist die Devise. Die Hoffnung bleibt, dass er seine Kunden auf der kommenden Fashion Week nicht mehr vertrösten muss.