Den Datingmarkt haben längst große Plattformen erobert. Doch in der Nische können auch kleine Start-ups punkten. Wie Wanderdate, Socialmatch und Flirtuniversity mit Tinder konkurrieren wollen.

Es ist einer dieser Momente, in dem sich Malte* (*Name geändert) am liebsten unter der Bettdecke vergraben möchte. Schüchtern steht er zwischen Hipster-Café und Modeboutique auf der Kölner Ehrenstraße, seine Hände tief in den Taschen seiner Jeans vergraben, seine Augen verzweifelt suchend nach einem Flirt. Ohne jede Beachtung ziehen Dutzende hübsche Frauen an ihm vorbei, vertieft in das Gespräch mit Freundinnen oder die Nachrichten auf ihrem Smartphone. Es scheint als wäre Malte unsichtbar für sie; nur ein menschliches Hindernis, das ihnen im Weg steht.

Plötzlich aber ist alles anders. Malte sieht sie, eine junge Frau Ende Zwanzig, ihre Haare sind hochgebunden zu einem zotteligen Dutt. Vollgepackt mit Einkaufstüten, die in einem geflochtenen Weidenkorb ausharren, schiebt sie ihr grasgrünes Holland-Rad durch die gestresste Menge, die ihr entgegen kommt. Für Malte scheint die Zeit still zu stehen, seine Augen haften an ihrem Lächeln, ohne zu merken, dass sie in diesem Moment auf ihr Fahrrad steigt und in der Menge zu verschwinden scheint. „Los“, schreit eine Stimme hinter ihm, die ihn aus seiner Starre reißt und ihn ansetzen lässt zu einem Sprint. Nur kurze Zeit später hat er sie eingeholt: Katrin, wie sie ihm verrät. Beide quatschen kurz, er müsse gleich weiter, sagt Malte nervös. Doch bevor er geht, gibt sie ihm ihre Handynummer. Und Malte weiß, dass ihr Lächeln jetzt nur ihm gilt.

Großer Markt, große Konkurrenz

Solche Geschichten kann Horst Wenzel zuhauf erzählen, wenn er sein Start-up Flirtuniversity vorstellt: Verzweifelter Single kommt zu selbsternanntem Flirtcoach und findet die große Liebe – oder zumindest ein Date. Vor drei Jahren hat Wenzel sein Start-up in Köln gegründet, er will damit ein „bisschen mehr Liebe in das Leben seiner Kunden“ bringen, wie er sein Geschäftsmodell verkauft. 500 Teilnehmer hat er in seinen Kursen bis heute beraten, einige sind inzwischen verheiratet. „Es ist toll zu sehen, wie sich Menschen verändern können“, sagt Wenzel stolz.

Wenzels Flirtuniversity ist eines von vielen Start-ups, die vom millionenschweren Singlemarkt profitieren wollen. 15,8 Millionen Singles leben nach Angaben des Statistischen Bundesamts in Deutschland, Tendenz steigend. Jeder dritte Single hat laut einer Studie des Online-Datingportals Elitepartner mindestens einmal im Monat ein Date, Männer häufiger als Frauen. Der große Markt teilt sich unter den großen Anbietern wie Tinder, Friendscout24 oder eben Elitepartner auf. Das klingt nach großer Auswahl, doch eine Konsolidierung hat längst begonnen: Zu dem Dating-Giganten Meetic gehören beispielsweise sowohl Tinder als auch Friendscout24, seit 2014 auch die deutsche Plattform Neu.de.

Für Start-ups ist es da schwer, sich zu etablieren – das zeigt nicht zuletzt die Fake-Profil-Affäre um das Onlineportal Lovoo. Doch auch wenn der große Markt verteilt ist: In der Nische entwickeln Gründer unkonventionelle Dating-Konzepte abseits der gängigen Online-Plattformen – mit der Erfolg.

Eines dieser Konzepte ist Socialmatch, ein Berliner Start-up, das Spiele-Abende für Singles veranstaltet. Die Idee dazu kam den beiden Gründern Patrick Kuhlmann und Valentin Rieger am Morgen nach einer Silvesterparty. Viele der damals anwesenden Gäste kannten einander nicht, doch die verschiedenen Gesellschaftsspiele, die an dem Abend gespielt wurden, lockerten die Atmosphäre ungewöhnlich schnell auf. „Nach kurzer Zeit fühlten wir uns bereits alle ziemlich vertraut miteinander und langweiliger Small-Talk kam erst gar nicht auf“, sagt Kuhlmann rückblickend.

Nur wenige Wochen später, im Jahr 2014, starteten die beiden ihre Veranstaltungsreihe Socialmatch, bei der man nach ihren Angaben „spielend leicht“ neue Leute kennenlernt – und dabei vielleicht sogar den Partner fürs Leben trifft. Knapp 40 Events hat das kleine Start-up seither bundesweit veranstaltet, 300 Teilnehmer waren dabei. Finanziert haben sie all das aus eigener Tasche, genau wie Flirtuniversity-Gründer Horst Wenzel.

„Nicht einfach, mit den großen Hunden zu pinkeln“

Dass es auch solche Konzepte schwer haben, weiß Pamela Moucha, Single-Expertin und Sprecherin des Online-Portals Singlebörsen-Vergleich. Seit Jahren beobachtet sie die Branche und sagt: „Den Löwenanteil des Umsatzes haben die großen Player längst unter sich aufgeteilt.“ Die meisten Neugründungen überleben das erste Jahr daher nicht. Sie verschwänden oft so schnell wie sie aufgetaucht seien.

Erfolg haben ihrer Meinung nach nur die wenigsten Gründer in der Singlebranche. „Start-ups brauchen entweder eine glänzende Idee oder ein gutes Gespür dafür, welche Lücken am Datingmarkt noch erfolgreich besetzt werden können“, sagt Moucha. Zudem brauche es enormes Startkapital, um überhaupt in den Wettbewerb treten zu können. „Es ist nicht so einfach, mit den großen Hunden zu pinkeln.“

Doch auch kleinere Unternehmen wie Socialmatch oder die Flirtuniversity fangen langsam an, mit ihren Angeboten Geld zu verdienen. Der Grund: Gefragt seien laut Moucha längst nicht mehr nur die traditionellen Onlinebörsen, sondern inzwischen auch Nischenangebote für Hundeliebhaber, Millionäre oder Mollige.

Selbst Sport als Kontakt zum anderen Geschlecht ist inzwischen beliebt, wie das hessische Unternehmen Wanderdate beweist. Das Start-up bietet Wanderungen für Singles jeden Alters an, um sich entspannt und in der Natur kennenzulernen. Seit der Gründung im März 2013 haben die Gründer Eckhard Linner und Volker Kettenbach nebenberuflich rund 60 Wanderungen mit mehr als 1000 Wanderfreunden realisiert. Ein Vorhaben, das nicht immer ganz einfach war.

„Die Nachfrage des Angebots durch Frauen ist regelmäßig höher als durch Männer“, resümiert Kettenbach. Für eine ausgeglichene Quote sei deshalb eine ständige Akquise von Männern nötig. Eigentlich seltsam, sollte doch allein die Tatsache, dass bei Wanderdate ein Überschuss an Frauen herrscht, Anreiz genug sein, meint Kettenbach. Dennoch brauche es speziell an Männer gerichtete Werbeaktionen, um männliches Interesse zu wecken.

Hohe Gewinnmargen? Fehlanzeige

Das Problem mit der männlichen Klientel lässt Kettenbach allerdings nicht an seinem Konzept zweifeln; die Vorteile gegenüber Online-Dating überwiegten. Neben der großen Auswahl an Partnern, die man gleichzeitig treffen könne, überzeugt Wanderdate seiner Meinung nach vor allem durch die geringere Zeit, die man für ein Date investieren müsse. „Außerdem hat man nach einer Wanderung mindestens einen schönen Ausflug und nette Gespräche mit anderen Teilnehmern gehabt – auch wenn es nicht ‚gefunkt‘ hat“, sagt der Gründer.

Hohe Gewinnmargen lassen sich mit solchen Geschäftsmodellen natürlich nur schwer erzielen. Auch leben können die Gründer in den Nischen nur in den seltensten Fällen. Deswegen aber mit klassischen Dating-Plattformen konkurrieren zu wollen, sei fatal, sagt Single-Expertin Moucha. Wer kaum finanzielle Mittel habe, sollte lieber kreative Konzepte entwickeln und langsam wachsen.

So wie Wanderdate, Socialmatch und die Flirtuniversity aus Köln. „Die Start-ups wurden klug und in sich stimmig aufgezogen, daher räume ich allen guten Erfolgschancen ein“, sagt sie. Einzig Socialmatch, das jüngste der drei Start-ups, brauche noch ein wenig Durchhaltevermögen und Biss, um die kritische erste Phase glücklich zu überstehen. „Ich würde es ihnen wünschen“, sagt Moucha.