Vorbilder wie Mark Zuckerberg oder Elon Musk können motivieren, schrecken manche aber auch ab. Entrepreneurship-Professor Dietmar Grichnik erklärt im Interview, wie man die Angst vor dem Gründen verliert.

Dietmar Grichnik beschäftigt sich seit knapp zwanzig Jahren mit dem Thema Unternehmertum. Der gebürtige Ruhrgebietler forscht insbesondere zu den Themen unternehmerisches Handeln sowie Gründungsfinanzierung. Seit 2010 leitet er das Institut für Technologiemanagement an der Universität St.Gallen. Zuvor lehrte er bereits an der WHU – Otto Beisheim School of Management und an der Universität Witten/Herdecke. Sein neues Buch erscheint am 6. Juni im Carl Hanser Fachverlag.

Interview: Katja Scherer

WirtschaftsWoche-Gründer: Herr Grichnik, wer gründen will, schreibt normalerweise zuerst einen Business-Plan. Sie dagegen behaupten, das sei nur hinderlich. Warum?

Dietmar Grichnik: Klassische Businesspläne sind viel zu starr; sie lassen keinen Raum für Experimente. Man legt sich von Beginn an auf ein Szenario fest – in aller Regel ohne seine Branche schon besonders gut zu kennen. Das ist eine gefährliche Scheinsicherheit. Bei sehr vielen Gründungen zeigt sich nach einiger Zeit, dass der Markt ganz anders funktioniert, als man sich das vorgestellt hat. In einem Business Plan ist so etwas aber nicht vorgesehen. Das erhöht die Gefahr, dass man am alten Geschäftsmodell festhält, anstatt sich nochmal neu zu orientieren.

Ok, also keinen Business Plan. Was schlagen Sie stattdessen vor?

Natürlich braucht es beim Gründen ein strukturiertes Vorgehen. Aber es sollte ein ergebnisoffener Prozess sein wie zum Beispiel beim sogenannten Lean-Startup-Ansatz, mit dem viele Tech-Unternehmen arbeiten. Das heißt: Man stellt eine Reihe von Hypothesen auf und testet sie am Markt. Dann zeigt sich schnell, was funktioniert und was nicht. In meinem Buch beschreibe ich einen ähnlichen, eher spielerischen Ansatz. Die Leser werden angeregt, in sieben Handlungsschritten eine Problemlösung zu entwickeln und direkt umzusetzen. Mir ist allerdings wichtig, das nicht nur auf Technologiegründer zu beziehen! Ich will grundsätzlich zu unternehmerischem Denken motivieren. Mein Konzept des Entrepreneurial Living kann man auch als Sozialunternehmer anwenden oder wenn man als Angesteller ein eigenes Projekt betreut.

Viele potentielle Gründer scheitern noch vor der eigentlichen Gründung: sie fangen nämlich gar nicht erst an…

Das erlebe ich tatsächlich immer wieder. Viele Menschen haben wirklich gute Ideen, aber sie machen nichts daraus. Da heißt es dann: „Das kann ich doch niemals finanzieren.“ Oder: „Das Risiko ist mir einfach zu groß.“ So gehen sehr viele gute Ideen verloren. Das ist ärgerlich, vor allem, weil diese Gründe nur vorgeschoben sind…

Wieso vorgeschoben? Es ist doch tatsächlich riskant seinen Job aufzugeben und etwas ganz Neues anzufangen.

Meiner Meinung nach wird dieses Risiko systematisch überschätzt. Es ist ja nicht so, dass man morgens aufwacht und sagt: Ok, heute kündige ich. Sondern man hat eine Idee, spricht mit Menschen darüber und fängt am besten schon mal neben dem Job an, einen ersten Prototyp zu bauen. Dann bekommt man schnell ein Gespür, ob die Idee trägt. Gleichzeitig sollte man sich überlegen, was man im schlimmsten Fall bereit ist zu verlieren. Berufliche Kontakte? Das gesellschaftliche Ansehen? Eine bestimmte Summe X? Wenn man das für sich definiert hat, wird man handlungsfähig.

Aber woher weiß ich denn, dass ich wirklich der Typ bin, um Unternehmer zu werden?

Den einen Unternehmer-Typ gibt es eh nicht. Gründer haben sehr unterschiedliche Herangehensweisen und das ist auch gut so. In den Medien wird oft suggeriert, um ein erfolgreicher Gründer zu werden muss man ein visionärer Vordenker sein – wie Marc Zuckerberg oder Elon Musk. Das schüchtert viele ein. Natürlich muss man Spaß daran haben, Neues auszuprobieren und man braucht sicherlich auch ein gewisses Durchhaltevermögen. Letztendlich aber kann jeder als Unternehmer erfolgreich sein. Unternehmerisch zu denken, ist keine angeborene Gabe, das kann man lernen.

Und wie fange ich damit an?

Der Startpunkt ist nicht die Geschäftsidee selbst, sondern ein Problem, das Relevanz hat. Ich überlege mir also: Was beschäftigt mich so sehr, dass ich nachts nicht schlafen kann? Und geht es anderen Menschen vielleicht genauso? Im nächsten Schritt suche ich mir Partner, die ein bestimmtes Know-How mitbringen, um das Problem zu bearbeiten. Und erst dann fange ich an, zu überlegen, was ich mit den Kompetenzen im Team konkret anfangen kann. Wichtig ist, sich klar zum machen, dass es beim Gründen nicht ums große Geld geht. Um schnell reich zu werden, gibt es deutlich bessere Wege. Aber wer ein selbstbestimmtes Leben führen und etwas Eigenes schaffen will: der ist auch ein Unternehmer.

Herr Grichnik, vielen Dank für das Gespräch.