Impulse für die Digitalisierung: Veolia und Thüga bündeln ihre Kräfte, um junge Firmen für Innovationsprojekte in der Energiewirtschaft zu gewinnen.

Ein Start-up aus der französischen Stadt Bagnols sur Cèze könnte als Vorbild dienen für die künftigen Kooperationsprojekte zwischen Gründern und dem Pariser Konzern Veolia. Im Bereich Entsorgung arbeitet das Großunternehmen, das auch in der kommunalen Wasser- und Energieversorgung aktiv ist, bereits seit drei Jahren mit Extracthive zusammen. Es geht um Fortschritte beim Recycling: Konkret tüftelt das Start-up-Team an Verfahren, um Karbonfasern etwa aus der Luftfahrt- oder Automobilbranche wiederaufzubereiten. Große Bedeutung hat das Material etwa für den Leichtbau von E-Fahrzeugen. Daher verfolgen internationale Forschungsnetzwerke wie etwa Carbon Composites aus Augsburg das Thema mit Nachdruck. Das Problem bislang: Der Prozess ist teuer und die Qualität der recycelten Fasern für viele potenzielle Abnehmer zu schlecht.

Um die Entwicklung bei Extracthive voranzubringen, unterstützt der schwergewichtige Projektpartner Veolia mit Geld und Labor-Räumen. Das Kalkül: ohne eigene Spezialisten auszubilden und mit einem Budget ausstatten zu müssen, trotzdem an erster Stelle mit dabei zu sein, wenn der Durchbruch beim Karbonfaser-Recycling gelingt.

Innovationstreiber in der Nähe der eigenen Organisation zu halten: Um diese Strategie künftig auch im Geschäftsbereich Energie zu verankern, schließt sich Veolia Deutschland mit Thüga aus München zusammen, die als Beteiligungsgesellschaft hinter mehr als 100 Stadtwerken bundesweit steht. Die Unternehmen suchen künftig gemeinsam nach Projektpartnern aus der Start-up-Welt, die dabei helfen, innovativer zu sein: „Stadtwerke suchen inzwischen verstärkt den Kontakt zu Start-ups, um sich mit Dienstleistungen außerhalb des Kerngeschäfts mit Strom und Gas, in dem wir mit sinkenden Margen rechnen, zukunftsfähig aufzustellen“, sagt Florian Lieb, Innovationsmanager der Thüga Aktiengesellschaft mit Sitz in München, zu WirtschaftsWoche Gründer.

Wege für das Start-up-Scouting

Rahmen für die Zusammenarbeit ist das Förderprogramm U-Start, das Veolia im kommenden Jahr zum achten Mal startet. Zwölf gemeinsame Projekte mit Gründern sind daraus bislang entstanden – überwiegend mit jungen Firmen aus der Kreislaufwirtschaft: darunter beispielsweise der Dresdener Solaranlagen-Recycler Flaxres oder Cartesiam aus Toulon, spezialisiert auf Künstliche Intelligenz für die vorausschauende Wartung von Industrieanlagen.

Bis zu zwei Mal pro Jahr schreibt Veolia das Programm aus. In die Endauswahl kommen jeweils drei bis fünf Start-ups, die anschließend mit Summen im sechsstelligen Bereich gefördert werden – und die Infrastruktur des kommunalen Dienstleisters nutzen können. Veolia verschafft sich dadurch einen Überblick über die Gründer-Aktivitäten am Markt abseits der klassischen Berührungspunkte wie etwa auf Messen.

Stadtwerke Braunschweig im Fokus

Der neue Partner im Start-up-Casting, die Thüga Beteiligungsgesellschaft, erhofft sich Innovationsprojekte mit Modellcharakter: „Chancen auf eine Kooperation haben insbesondere die jungen Firmen, die mit ihren Lösungen für möglichst viele unserer Beteiligungen interessant sein könnten“, sagt Lieb, der als einer von drei Start-up-Scouts bei Thüga die kommunalen Energieversorger in der Zusammenarbeit mit Gründern berät. Mehr als 20 Kooperationsprojekte habe die Dachgesellschaft bereits auf den Weg gebracht.

Das Vorgehen: Die Holding setzt Pilotprojekte auf, die anschließend von und mit Stadtwerken der Gruppe weiterentwickelt und genutzt werden können. An den Energie- und Wasserversorgern hält Thüga jeweils eine Minderheitsbeteiligung – so auch bei BS Energy, den Stadtwerken Braunschweig, an denen neben der Stadt auch Veolia Anteile hält. BS Energy soll die Ideen der Gründer aus dem U-Start-Programm im kommenden Jahr zuerst begutachten.

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Ausschau hält Thüga insbesondere nach Start-ups, die sich mit Smart-City-Anwendungen, geteilter Mobilität sowie mit sogenannten Smart-Metering-Systemen – rund um vernetzte Zähler – beschäftigen. Auch eine Beteiligung ist nicht ausgeschlossen, wie zum Beispiel ein Investment in die Freiburger Firma Geospin an der Seite des High-Tech Gründerfonds im vergangenen Jahr zeigt.

An Grenzen stößt Thüga teilweise bei der Umsetzung neuer Geschäftsmodelle bei den Stadtwerken: Hintergrund sind laut Lieb unterschiedliche Befugnisse in den Gemeindeordnungen. „Manche gemeinsamen Entwicklungsprojekte können wir mit den Stadtwerken teils aus regulatorischen Gründen nicht verfolgen, weil sie zu weit vom Gedanken der Daseinsvorsorge entfernt sind“, sagt der Innovationsmanager.

Rechtliche Sicherheit beim Austausch von Know-how

Um die Zusammenarbeit mit jungen Firmen zum Erfolg zu führen, stellt Veolia in Deutschland inzwischen rund 30 Mitarbeiter aus Fachabteilungen teilweise vom Tagesgeschäft frei, um bei der Start-up-Suche, Auswertung von Bewerbungen und der Kommunikation zu helfen. Christof Augenstein, Projektingenieur Anlagentechnik für den Geschäftsbereich Entsorgung, ist einer der Koordinatoren. Er verwendet nach eigener Aussage etwa 20 Prozent seiner Arbeitszeit, um Innovationsthemen abseits der operativen Aufgaben voranzutreiben – dazu gehört auch das Karbonfaser-Projekt mit Extracthive.

Aus seiner Sicht zentral für das Zusammenspiel zwischen Konzern und Nachwuchsunternehmen: gegenseitiges Vertrauen, vor allem in Bezug auf den Umgang mit geistigem Eigentum. „Wichtig ist, dass beiden Seiten auch wirklich bereit sind, Know-how zu teilen“, sagt Augenstein. Rechtliche Regelungen möglichst früh zu treffen, ist eine wichtige Basis: „Um den Austausch zu fördern, schließen wir mit jedem Start-up individuelle Verträge darüber, wie das entstandene Know-how später genutzt werden darf.“ Zum Teil gehen die sogenannten IP-Rechte vollständig an das Start-up, in anderen Fällen werden Nutzungsrechte geteilt.

Geringere Risiken durch öffentliche Förderung

Zur Trennung führt dagegen häufig die unterschiedliche Risikobereitschaft: „Die Entscheidung, welche Kooperationsprojekte längerfristig weiterfinanziert werden, wird stark marktbasiert getroffen“, so Augenstein. Bei großer Unsicherheit über die Entwicklung des jeweiligen Marktes zieht sich der Konzern oftmals schnell zurück. Projektverträge laufen bei Veolia Deutschland in der Regel ein Jahr, zum Teil auch nur ein paar Monate.

Die Ausweichmöglichkeit: öffentlich mitfinanzierte Forschungsprojekte. So unterstütze Veolia die Partner-Start-ups dabei, sich für europäische Förderprogramme zu qualifizieren, sagt Augenstein. „Das hat den Vorteil, dass sich die finanziellen Risiken für alle Projektpartner reduzieren und die Zusammenarbeit deshalb länger weitergehen kann.“