Doch das ist nicht alles. Außer auf „veggie“ und „bio“ kann das Augenmerk auch ganz ohne Verdauungsprobleme auf „glutenfrei“ oder „laktosefrei“ liegen. Dazu kommt das Jonglieren mit Kohlehydraten bei high-carb und low-carb, die Steinzeitkost Paleo oder das Schwören auf Obst- und Gemüsemixgetränke – Juice oder Smoothie.

„Ernährungswahn“ nennt Uwe Knop diese Entwicklung. Den endgültigen Schub habe der „Wahn“ bekommen, seit Ernährung der Persönlichkeitsfindung und Profilierung diene – und zum wichtigen Bestandteil des individuellen Lebensstils geworden sei: „Ich zeige, was ich esse – und damit zeige ich, was ich bin und wo ich hingehöre.“

Essen zur Identitätsbildung, die Sicherheit und Halt in einer zunehmend unsicheren Welt gibt – an diese These glaubt Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie an der Universität Göttingen. Wenn tradierte Ordnungssysteme wie Religion und Familie an Bedeutung einbüßten, nehme die Suche nach Identitätsstiftung und Sinn an anderer Stelle zu, sagt er. Vieles von der Herkunft bis zum Wohnort lasse sich dabei schwer beeinflussen.

„Aber was ich esse, ist eine Facette des Ichs, die ich vergleichsweise leicht selbst bestimmen und ändern kann. Auch mit wenig Geld“, ergänzt Ellrott. Eine größere Rolle als das Tierwohl könnten dann Selbstinszenierung, Abgrenzung, aber auch der Wunsch nach Zugehörigkeit spielen. Solche Motive hält der Forscher für die wesentlichen Ursachen des Trends zu immer ausgefalleneren Ernährungsstilen.

„Gutes Essen“ als Zeichen für Wohlstand

Völlig neu ist die Entwicklung nicht. „Essen war immer schon an sozialen und kulturellen Status gebunden“, meint Stephan Becker-Sonnenschein, Geschäftsführer des Vereins „Die Lebensmittelwirtschaft“, der unter anderem von Supermarktketten und Fleischproduzenten gefördert wird. Dabei stand „gutes Essen“ lange auch für Wohlstand. Doch wenn alle im Wohlstand leben, scheint es angesagter, in Richtung Verzicht zu gehen.

Das hat Ping-Pong-Effekte. TV-Sendungen und Zeitschriften bieten den jüngsten Ernährungsmoden und Diäten eine große Bühne. Manche Fleisch- und Wurstproduzenten leisten sich ein veganes Nischensegment. Jan Bredack, Gründer der ersten veganen Supermarktkette „Veganz“, sieht den Trend auch marktwirtschaftlich. Der Foodmarkt eigne sich nun für Risikokapitalanleger, sagt er. „Vor fünf Jahren musste ich dem Geld hinterherrennen, heute kommen Investoren von allein“.

An der Berliner Charité sieht Ernährungsexperte Andreas Pfeiffer die Sache unverkrampft. „Niemand isst auf die Dauer, was ihm nicht schmeckt“, sagt er. Das Gewese um tierisches und pflanzliches Eiweiß kann er, vom Tierschutz abgesehen, nicht nachvollziehen. Studien mit älteren Diabetikern hätten zum Beispiel gezeigt, dass es in der Wirkung im Körper kaum Unterschiede gebe, sagt er. Und dass fast alle Studienteilnehmer sich gesünder fühlten und abspeckten – es habe vor allem daran gelegen, dass sie weniger Snacks aßen.