Die Software scannt Mammografie-Aufnahmen auf Karzinome. Mit neuen Millionen will das Start-up zum digitalen Assistenzarzt werden.

Ein Bild, zwei Mediziner: Die Röntgenbilder einer Mammografie müssen doppelt auf mögliche Krebsanzeichen untersucht werden – so sollen Fehler in der Brustkrebsvorsorge vermieden werden. Die gute Nachricht: In fast allen Fällen können die Spezialisten Entwarnung geben, nur in etwa fünf Prozent der Fälle zeigen sich verdächtige Anzeichen. Die Herausforderung: In manchen Versorgungszentren müssen Ärzte bis zu 30.000 Bilder pro Jahr kontrollieren, andere Radiologen sehen nur wenige hundert. Die einen fühlen sich überlastet, den anderen fehlt vielleicht die Erfahrung. „Das ist nicht nur ein mühsamer Job“, sagt Jonas Muff, „er kann auch sehr fehleranfällig sein.“

Mit Künstlicher Intelligenz wollen Muff und sein Team die Radiologen entlasten. Ihr Start-up Vara analysiert automatisiert die Röntgenbilder. Eindeutig gesunde Befunde werden direkt aussortiert, die Software füllt ein entsprechendes Datenblatt aus. „Die Software ist nicht dafür da, die Mediziner zu ersetzen“, sagt Muff, der Vara gemeinsam mit Stefan Bunk gegründet hat, „sie können sich so leichter auf die schwierigen Fälle konzentrieren.“

Drei Millionen Aufnahmen Erfahrungsvorsprung

Damit die Software diesen Job zuverlässig erledigt, hat sie bereits drei Millionen Aufnahmen durchgearbeitet. Eigens angestellte Spezialisten kontrollieren dabei immer wieder die Befunde der Bilder nach. „Die Schwierigkeit ist, die manchmal sehr subtilen Anzeichen zu erkennen“, sagt Muff.

Damit arbeitet das Start-up an einem Anwendungsfall für selbst lernenden Algorithmen, auf dem große Hoffnungen ruhen: Durch die massenhafte Auswertung von medizinischen Daten – seien es Bilder, Proben oder Befunde – sollen sich schneller Muster erkennen lassen. RetinAI will so etwa Augenärzte schneller machen, Mediaire aus Berlin untersucht ebenfalls Röntgenaufnahmen. „Die visuelle Musterkennung funktioniert dabei schon sehr gut“, sagt Vara-Mitgründer Muff.

Wo sonst nur einzelne Ärzte auf ihre Erfahrungen zurückgreifen, analysiert die Software globale Datenbanken. Die Ergebnisse können bei der Diagnose helfen, bei der Therapie – oder auch bei der Prävention. Eine Idee bei Vara: „Wenn man die Bilder mit weiteren Risikoprofilen ergänzt, lässt sich auch die Wahrscheinlichkeit für eine Erkrankung besser einschätzen“, so Muff. Eine mögliche Folge: Diese Patientinnen werden häufiger zur Vorsorge eingeladen, um eine mögliche Krebsbildung rechtzeitig zu entdecken.

Untersuchung-as-a-Service ist geplant

Jenseits des großen medizinischen Zwecks geht es für das KI-Start-up, das im vergangenen Jahr eine CE-Zulassung als Medizinprodukt erhalten hat, nun aber auch ganz profan ums Geldverdienen. Nach einer Anschubfinanzierung über drei Millionen Euro erhält Vara nun weitere 6,5 Millionen Euro. Als neuer Investor steigt der kanadische Pensionsfonds Omers über seine Beteiligungsgesellschaft ein. Zudem beteiligen sich Think.Health, Soleria Capital und der US-Accelerator Plug and Play. Weiteres Geld kommt vom Berliner KI-Company-Builder Merantix. Der hat das Start-up 2018 mit Mitteln aus dem eigenen Fonds angeschoben. Aktuell gehören etwa 25 Mitarbeiter zum Team.

Die Softwarelösung soll lizensiert werden, wahrscheinlich zu einer Gebühr pro analysierter Untersuchung. Radiologische Praxen und Medizinische Versorgungszentren sind die klar definierte Kundengruppe. Erste Erfahrungen sammelt Vara bereits mit den Partnern, mit deren Hilfe auch die Datenbank zusammengetragen wurde. Im ersten Schritt steht der deutsche Markt im Fokus, aber auch international sieht Muff große Chancen: „Das Brustkrebs-Screening wird in vielen anderen Ländern sehr ähnlich gemacht“.