Die ursprünglich für den Verleih an Touristen entwickelten Fahrzeuge erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Das Start-up will nun die Wertschöpfungskette nach Deutschland verlagern.

Klassische E-Bikes empfand Andreas Kranki (im Foto links) als Seniorenfahrzeuge, ein Auto kam für ihn nicht nicht in Frage. Die Suche nach einem zeitgemäßen Fortbewegungsmittel für die Stadt führte den damaligen Technikchef der von Axel Springer entwickelten Nachrichten-App Upday schließlich zur Crowdfunding-Kampagne eines auf Mallorca ansässigen Start-ups: Als dritter Kunde bestellte er die „Uni MK“ – ein E-Bike, das mit seinen dicken Reifen, der Sitzbank, dem hohen Lenker und dem großen Scheinwerfer wie eine Harley anmutet.

Dass Kranki heute CEO des Unternehmens Urban Drivestyle ist, ist seiner Ungeduld zu verdanken. Wie bei Start-ups üblich, verzögerte sich die Auslieferung der Vorbestellungen. Schließlich flog Kranki selbst auf die Insel und lernte dort die Gründer Ossian Vogel (im Foto rechts) und Julia Emmert kennen. Seit März 2018 macht Kranki mit den Auswanderern gemeinsame Sache – und hat in Berlin einen ersten Montage-Standort aufgebaut. „Wir sind hier näher am Markt“, sagt er.

Wachsende Nische

Ursprünglich von Vogel für seinen E-Bike-Verleih auf Mallorca entwickelt, haben sich inzwischen mehr als 3.500 Menschen für den Kauf eines der ungewöhnlichen Fahrzeuge entschieden. „Vor allem ehemalige Autofahrer schätzen es, dass sie mit unseren Bikes gut Sachen transportieren können oder einen Beifahrer mitnehmen können“, sagt Kranki. Ein weiterer Faktor: Weil die zwischen 2.000 und 3.000 Euro teuren Fahrzeuge als E-Bike zugelassen sind, darf man auf Radwegen fahren – und benötigt keinen Führerschein.

Auch andere Unternehmen drängen in die Nische: So muten die Fahrzeuge des kalifornischen Start-ups Super73 aus Kalifornien, das inzwischen auch in Europa vertreten, relativ ähnlich an. Dasselbe gilt für die E-Bikes von Ruff Cycle in Regensburg. Und auch etablierte Hersteller bringen zunehmend Modelle mit kleinen, aber dick bereiften Laufrädern auf den Markt – etwa in Form von Klappfahrrädern.

Seed-Finanzierung von 1,5 Millionen Euro

Urban Drivestyle will vier Jahre nach der Gründung nun durchstarten – und dazu kräftig investieren: in den Vertrieb, die Produktion und die Entwicklung. Bisher gibt es sechs unterschiedliche Modelle, darunter auch einen E-Scooter. „Wir planen eine Massen-Einzelfertigung“, sagt Kranki. Aktuell beschäftigt das Unternehmen in Berlin zehn feste Mitarbeiter sowie aktuell acht Hilfskräfte. Hinzu kommen Mitarbeiter, die in der Prototypen-Werkstatt auf Mallorca mit Gründer Vogel an neuen Modellen tüfteln. Aktuell sei etwa ein Lastenrad geplant.

Der Zeitpunkt für Expansionspläne ist günstig: Seit der Coronakrise entdecken immer mehr Menschen das Fahrrad für sich. Davon profitieren auch manche Start-ups stark. Hersteller sogenannter Slim E-Bikes etwa verzeichnen aktuell Verkaufsrekorde – und schaffen es plötzlich zweistellige Millionenbeträge von Wagniskapitalgebern einzusammeln. Ganz soweit ist Urban Drivestyle zwar noch nicht. Im April hat das Start-up aber in einer Seed-Finanzierungsrunde 1,5 Millionen Euro bekommen – Geldgeber ist Factory-Berlin-Gründer Udo Schloemer, der schon seit der Firmengründung als Gesellschafter an Bord ist.

Abkehr von Taiwan

Nutzen will Kranki das Geld auch dafür, immer größere Teile der Produktion nach Deutschland zu verlegen. Wie in der Fahrradbranche üblich, bezog das Start-up anfangs fast alle Teile aus Taiwan. Inzwischen kommen viele der Metall-Teile – vom Rahmen über die Schutzbleche bis zum Gepäckträger – bereits aus Europa. Die Batterien liefert ein Unternehmen aus Berlin. „Die Vision ist, künftig fast alles von mittelständischen Unternehmen aus Berlin und Brandenburg zu beziehen“, sagt Kranki.

Die Einkaufskosten steigen dadurch deutlich, räumt der Geschäftsführer ein. Dennoch glaubt er, dass sich das Vorhaben auf Dauer auszahlt: „Wir werden so sehr viel schneller und können Service- und Garantiefälle viel besser abwickeln.“ Auch Lieferengpässe sollen der Vergangenheit angehören. So sammelte das Start-up während der Corona-Krise zwar viele neue Bestellungen ein – doch der Teile-Nachschub aus Asien kam zum Erliegen.

Kooperationen mit Touren-Anbietern

Beim Vertrieb fährt Urban Drivestyle bisher eine reine Online-Strategie. Nun will das Start-up verstärkt mit Verleihfirmen und Touren-Anbietern zusammenarbeiten. Das Kalkül: Etwa bei einer Stadtführung auf dem Sattel sollen Interessenten Gefallen an den Fahrzeugen finden. Ursprünglich wollten die Gründer auch einen eigenen Verleihdienst mit festen Stationen etwa an Hotels aufbauen. Rund 20 solcher Stationen hat das Schwester-Unternehmen Why Taxi aktuell im Einsatz – nun sucht das Start-up für das Verleihgeschäft einen Partner.

„Wir wollen uns selbst auf unser Kerngeschäft konzentrieren“, sagt Kranki. Potenziell als Kundengruppe in Fragen kommen auch E-Scooter-Verleihdienste, die zunehmend mit anderen Fahrzeugtypen experimentieren. So hat Tier Mobility elektrisch angetriebenen Mopeds in seine Flotte integriert. Und US-Konkurrent Bird verleiht in den einigen US-Städte bereits ein Roller-ähnliches E-Bike.