Statt über Unicorns wird im Valley immer öfter über Unicorpses gesprochen. Für deutschen Start-ups haben die Überwertungen positive Folgen.

Es ist gerade einmal zwei Jahre her, dass Aileen Lee einen Ausdruck prägte, der wie kaum ein anderer die momentane Entwicklung von Technologieunternehmen beschreibt. Als „Unicorns“ bezeichnete sie Unternehmen, die mit einer Milliarde Dollar und mehr bewertet werden, denn so wie Einhörner seien solche Start-ups extrem rar und strahlten eine besondere Magie aus, erklärte die Gründerin des Wagniskapitalgebers Cowboy Ventures.

Das hat sich in kurzer Zeit geändert: Gab es 2013 noch 39 solcher Milliardenunternehmen, liegt die Zahl der Unicorns nun bereits bei 145. So müssen schon wieder neue Superlative her: „Decacorns“ für Start-ups mit einem Wert von mehr als 10 Milliarden Dollar oder gar „Super-Unicorn“ für Firmen, die die 100-Milliarden-Hürde überspringen, wie zuletzt Facebook.

Da kein Investor eine Beteiligung am nächsten Facebook verpassen möchte, hat eine Einhornjagd eingesetzt, die teils irrwitzige bis irrationale Züge annimmt. Die großen Venture-Capital-Firmen haben so inzwischen ganze Einhornherden im Stall: 19 sind es bei Sequoia, Andreessen Horowitz ist an 17 der gar nicht mehr so raren Start-up-Wundertiere beteiligt und Kleiner Perkins Caufield & Byers kommt auf 16 Einhörner.

„Einige Bewertungen scheinen mir sehr gewagt zu sein“, sagt Tim Dümichen, Partner bei der Beratung KPMG und dort auf Start-ups spezialisiert. Mit dieser Einschätzung ist er nicht allein und so hat sich auch im Valley die Stimmung gedreht: Die Euphorie ist der Erkenntnis gewichen, dass immer öfter zu hoch gewettet wurde. 2015 wurde in einem Dreivierteljahr mit über 42 Milliarden Dollar mehr in Start-ups investiert, als im gesamten Vorjahr. Allerdings wurden laut dem Marktforscher CB Insights im gleichen Zeitraum mit 26 Milliarden Dollar weit weniger bei Verkäufen oder Börsengängen erzielt. Damit lag zum ersten Mal seit Jahren die Summe der Exits unter den Investments.

Denn je höher die Bewertungen steigen, desto schwerer wird es die Unternehmen mit einer weiteren Steigerung an die Börse zu bringen. Das musste auch Jack Dorsey erleben: Das vom Twitter-Chef gegründete Kreditkartenbezahldienst Square musste jüngst beim Börsengang eine geringere Bewertung hinnehmen als in der Finanzierungsrunde davor. Der Investmentfonds Fidelity hat in den Büchern den Wert seiner Beteiligung am Speicherdienst Dropbox um 31 Prozent reduziert und beim sozialen Netzwerk Snapchat ein Viertel des Wertes abgeschrieben.

„Wir werden tote Einhörner sehen“, warnt Bill Gurley, Partner des Risikokapitalgebers Benchmark Capital schon seit längerem. Unicorn-Erfinderin Lee hat schon wieder einen neuen Begriff für die womöglich anstehende Entwicklung gefunden: Unicorpse – eine Kombination aus Unicorn und Corpse, dem englischen Wort für Leiche.

Auch in Deutschland zeigt sich diese Entwicklung. So hatte mit HelloFresh – Rocket Internets wichtigste Beteiligung – überraschend einen schnellen Börsengang angekündigt und die Pläne kurze Zeit später wieder auf Eis gelegt. Wie es mit den geplanten Börsengängen von HelloFresh aber auch Delivery Hero weitergeht, wird eine der spannenden Fragen im kommenden Jahr.

Sollte es in den USA zu einem massiven Einhornsterben kommen, dürfte das auch die Investitionsfreude hierzulande dämpfen. Doch das muss nicht sein: Die deutschen Start-ups haben bislang von der Geldschwemme eher profitiert. „Es wird mehr in deutsche Start-ups investiert, da die Kosten und Bewertungen deutlich geringer sind, als in den USA“, sagt Dümichen.

So gab es in diesem Jahr eine ganze Reihe von prominenten VCs aus den Staaten, die sich an deutschen Start-ups beteiligt haben: Ob Peter Thiel bei EyeEm, Number26 und Kreditech, Yuri Milner bei SavingGlobal oder zuletzt Kleiner Perkins bei Relayr. Diese Entwicklung dürfte auch im kommenden Jahr anhalten, erwartet Dümichen: „Es gibt auch einen Lemming-Effekt, nachdem die ersten großen US-Fonds investiert haben, ziehen immer mehr nach“.