Einer internationalen Befragung zufolge sind bei vier von zehn Start-ups die Geldreserven alarmierend knapp. Umsätze brechen ein, Finanzspritzen bleiben aus.

Geschlossene Geschäfte, stornierte Aufträge, unterbrochene Lieferketten: Die Corona-Krise setzt junge, technologiegetriebene Unternehmen weltweit finanziell unter Druck. Nach Einschätzung von Startup Genome droht eine riesige Insolvenzwelle. Vier von zehn Unternehmen seien aktuell in einer „roten Zone“: Sie haben nur noch Geldreserven von drei Monaten oder weniger, ergab eine aktuelle Umfrage der Analysefirma, die außer in San Francisco mit Büros auch in Berlin und Neu Delhi vertreten ist. Teilgenommen daran haben mehr als 1000 Befragte in über 50 Ländern.

Demnach haben drei Viertel der Start-ups seit Beginn der Krise sinkende Umsätze zu beklagen, bei 16 Prozent liegt der Rückgang bei mehr als 80 Prozent. Gleichzeitig sind Wagniskapitalgeber deutlich zurückhaltender geworden. Bei den befragten Unternehmen, die in den letzten Monaten in Gesprächen mit Investoren waren, hakt es nun: Knapp die Hälfe berichtet, dass sich die Verhandlungen ungewöhnlich lange hinziehen. In mehr als jedem vierten Fall hat der potenzielle Geldgeber die Finanzierung abgesagt oder reagiert erst gar nicht mehr auf Anfragen.

Der Befund deckt sich mit Einschätzungen der Unternehmensberatung KPMG, die heute einen neuen Bericht zum weltweiten Risikokapital-Markt veröffentlicht hat. Demnach wurden im ersten Quartal diesen Jahres 61 Milliarden Dollar in Start-ups investiert – gegenüber dem Vorjahreszeitraum ist das zwar nur ein leichter Rückgang um 4,5 Prozent. „Aber das dürfte nur die Ruhe vor dem Sturm sein“, kommentiert KPMG-Partner Ashkan Kalantary. „Schon für das zweite Quartal ist mit spürbaren Auswirkungen zu rechnen.“ Das Beratungsunternehmen erwartet, dass viele Investoren sich nun erst einmal Zeit nehmen, um ihre Portfolios neu zu bewerten.

Staatliche Zuschüsse gefordert

Eine Folge des stockenden Geldflusses: Die von der Krise betroffenen Start-ups kürzen ihre Ausgaben, wo es geht. Dabei machen sie auch nicht davor halt, Mitarbeiter vor die Tür zu setzen. Drei Viertel haben der Umfrage zufolge bereits Kündigungen aussprechen – besonders hoch ist der Anteil in den USA. Zu den bekannten Beispielen gehört Bird: Dort musste fast jeder Dritte Mitarbeiter gehen, wie der E-Scooter-Verleihdienst dem Portal Techcrunch bestätigte. Dass sich aktuell auch kleinere Start-ups zu Entlassungen gezwungen sehen, zeigt das Beispiel des Telematik-Spezialisten Tracks.

Angesichts der verheerenden Auswirkungen legen aktuell viele Regierungen Rettungspakete auf. In der Umfrage geben immerhin 60 Prozent an, dass sie von Staatshilfen bereits direkt oder indirekt profitieren – oder dies für die nächsten Wochen erwarten. Unklar ist indes, ob die Maßnahmen dauerhaft für Erleichterung sorgen. Gefragt nach den sinnvollsten Formen der Unterstützung, spricht sich eine Mehrheit für Zuschüsse aus, die die Liquidität des Unternehmens sichern.

In Deutschland gab es laute Kritik daran, dass viele Start-ups keine Chance hatten, an die ersten Hilfskredite der Förderbank KfW zu kommen. Gegensteuern will die Bundesregierung unter anderem mit Nothilfe-Zuschüssen und einem Matching-Fonds, der dafür sorgen soll, dass Finanzierungsrunden doch noch zustande kommen. Laut Alarm geschlagen hatte der Bundesverband Deutsche Startups nach einer Umfrage. Demnach sehen sich drei Viertel der Start-ups aktuell in ihrer Existenz bedroht.

Jedes zehnte Start-up profitiert von Corona-Krise

Startup Genome sieht indes auch Lichtblicke. So gelingt es fast allen Start-ups, trotz der Einschränkungen weiterhin zu arbeiten – anders als in vielen etablierten Unternehmen ist das Arbeiten im Homeoffice meist besser möglich. Zwölf Prozent der Befragten gaben sogar an, ihren Umsatz seit der Krise um mindestens zehn Prozent gesteigert zu haben.

Zu den Krisengewinnern in Deutschland gehören aktuell beispielsweise Lieferdienste wie Frischepost, die aktuell schneller als erhofft expandieren. Aber auch digitale Lernplattformen verzeichnen einen Nutzeranstrum. Grundsätzlich kommen nach Einschätzung der Analysten eher Start-ups glimpflich davon, die sich mit digitalen Geschäftsmodellen an Endkunden statt an Unternehmen richten. „B2C-Start-ups sind im Vergleich zu B2B-Start-ups mit einer drei Mal höheren Wahrscheinlichkeit in Branchen unterwegs, in denen es gerade Wachstum gibt“, heißt es in dem Bericht.