Traditionelle Übersetzungsbüros bekommen Konkurrenz von Start-ups – und die werden erfinderisch, um Kunden zu gewinnen.

Von Cosima Tolle

Unsere Welt wird zunehmend globaler, doch die Sprachbarrieren sind etwas, die bleiben: Übersetzerapps oder Programmen wie Google Translate helfen kurzfristig, der Software fehlt aber (noch) das Sprachgefühl. Emotionen, Zweideutigkeiten oder Ironie müssen verstanden und korrekt übersetzt werden. Das können die Programme nicht leisten. Was ist also eine Alternative, wenn kurzfristig ein qualifizierter Dolmetscher benötigt wird?

Das Münchner Unternehmen Lingoking bietet eine Lösung an. Kunden können über die Hotline, die Webseite oder App jederzeit Dolmetscher und Übersetzer direkt buchen, die sich in unterschiedlichen Fachbereichen auskennen. Die Besonderheit: Angebote werden innerhalb kürzester Zeit angezeigt: „Unser Alleinstellungsmerkmal ist der sehr schnelle und einfache Zugang zu Übersetzern und Dolmetschern, in dem Moment, wo der Bedarf besteht“, sagt Nils Mahler, einer der Geschäftsführer des Start-ups. Die Dolmetscher werden dann per Telefon zugeschaltet – und das geht auch im laufenden Gespräch. „Wir nutzen sehr stark Online-Technologien und bringen die Unternehmen mit den Freelancer zusammen, da diese schwer ausfindig zu machen sind.“

Riesiges Marktpotential

Mit 4.800 Übersetzern und Dolmetschern in über 40 Ländern ist das Unternehmen breit aufgestellt und für viele global agierende Unternehmen tätig. Und in dem Markt liegt ein großes Potential: Allein in Deutschland haben 80 Prozent aller Unternehmen Bedarf an professionellen Sprachdienstleistungen, weltweit liegt das Marktvolumen bei etwa 37 Milliarden US-Dollar – mit stark steigender Tendenz.

Der Berufsverband professioneller Dolmetscher und Übersetzer in Deutschland (BDÜ) rät deshalb, sich zu fokussieren, um eine bessere Marktposition zu erreichen. „Sie müssen ihre Qualifikation und Weiterbildung zeigen.“, sagt Ralf Lemster, Vizepräsident des BDÜ. Das Berliner Start-up MedLango hat sich etwa auf Übersetzungsleistungen in der Gesundheitsbranche konzentriert und vermittelt Dolmetscher an Ärzte und Patienten. Das ist vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise ein lukratives und hilfreiches Geschäft, birgt aber auch ein neues Problem: die Bezahlung. „Der Bedarf ist da, aber das Problem ist die Finanzierung“, sagt Lemster vom BDÜ.

Ärzte müssen sich vergewissern, dass ihre Patienten den Ablauf und die Konsequenzen der Behandlung verstehen und ihnen zustimmen, „aber keiner will dafür zahlen, deshalb muss das Krankenhauspersonal einspringen. Das Verständnis ist aber nur bei einer professionellen Übersetzung gewährleistet.“, erklärt der MedLango – CEO Steffen. Über die Webseite von MedLango, können Kunden innerhalb von 60 Sekunden ihren medizinischen Dolmetscher buchen. „Letztlich können durch das Buchen von Dolmetschern Kosten gespart werden, denn häufig müssen kostenintensive Untersuchungen wie zum Bespiel MRTs wegen Missverständnissen wiederholt werden“, erklärt der Geschäftsführer.

Es werden Begleitungen durch medizinische Dolmetscher angeboten, sowie die Übersetzungen von medizinischen Dokumenten. „Man muss auch Mensch sein, vor allem wenn es um Leben und Tod geht. Maschinen können das nicht ersetzen.“

Nischen-Start-ups haben Erfolg

Eine weitere Nische sind die Übersetzungen oder. Dolmetscherleistungen in Gebärdensprache. Das Münchner Start-up Unternehmen VerbaVoice hat sich als Ziel gesetzt, einen sprachlich barrierefreien Zugang für alle Menschen mit Hörbehinderung zu Bildung, Wissen und Information zu schaffen. Die Geschäftsführerin Michaela Nachtrab erklärt: „Genau wie eine Rollstuhlrampe bei neuen Gebäuden standardmäßig eingebaut werden muss, sollten in der Zukunft auch alle öffentlichen Veranstaltungen sprachlich barrierefrei gestaltet sein.“

In Deutschland gibt es 80.000 Gehörlose und rund 15 Millionen Menschen mit Hörschädigung, sodass sie auf zusätzliche visuelle Informationen angewiesen sind. So entstand 2008 die Geschäftsidee, erklärt die Geschäftsführerin, denn „Live-Zuschaltung von Schrift- und Gebärdensprachdolmetschern über eine modulare und mobile Online-Plattform gab es so bis dato noch nicht.“ Das Unternehmen ist auf inklusive Bildung von Hörbehinderten fokussiert und unterstützt Schüler, Studenten und Auszubildende in ihrem Alltag.

Die Weiterentwicklung der Technologie spielt für alle Start-up Unternehmen eine bedeutende Rolle, denn diese tragen zur Verbesserung ihrer Lösungen bei und eröffnet neue Möglichkeiten für „Werbung“, um Kooperationen voran zu treiben. VerbaVoice bspw. arbeitet zusammen mit ihrem Kooperationspartner Sony an einer App zur Darstellung von Live-Untertiteln auf der Augmented Reality-Brille.

Um als Start- up Unternehmen in der Sprachdienstleistungsbranche erfolgreich zu sein, sei es notwendig „von Anfang an gute, auch internationale Partnerschaften auf(zu)bauen“, so die Geschäftsführerin von VerbaVoice. Aber: „Echte Marktlücken sehe ich nicht, aber es gibt immer neue Ideen sich zu präsentieren. Denn es ist nicht einfach auf einem so schwierigen, herausfordernden Markt, mit viel Konkurrenz zu bestehen. Das Geschäftsmodel muss stabil sein.“