Seine feste Stelle zugunsten eines eigenen Unternehmens aufgeben – davon träumen viele. Doch nur wenige trauen sich das. Drei junge Gründer erzählen von ihren Erfahrungen.

Aufgezeichnet von Marie-Charlotte Maas

Soll ich meinen festen Job für meine Freiheit kündigen oder nicht? Im Jahr 2014 gab es in Deutschland rund 1,27 Millionen Selbstständige. Über 150.000 Menschen wagen jedes Jahr den Schritt in die Selbstständigkeit. Einige scheitern, einige werden erfolgreich: Businesspläne erstellen, Finanzierungshilfen besorgen und sich der Unterstützung aus dem privaten Umfeld versichern. Das sind nur ein paar Punkte, die junge Gründer beachten müssen.

Auf den folgenden Seiten stellen wir drei Gründer vor, die ihren festen Job aufgeben haben, um ihr eigenes Unternehmen zu gründen.

Eva Wimmer, Credit privat

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Eva Wimmer, 30, Holzdesignerin

Die Idee etwas Eigenes auf die Beine stellen zu wollen, hatte ich gleich nach der Schule. Über die Jahre sind mir Tausende von Geschäftsideen eingefallen – umgesetzt habe ich davon erst einmal nichts, sondern habe nach meinem Germanistik und Grafik/Malerei Studium zunächst ein Volontariat gemacht und zwei Jahre als PR-Beraterin gearbeitet. Dass ich heute selbstständig bin, habe ich einem Flohmarkt-Besuch im Frühjahr 2013 zu verdanken. Dort habe ich Fotografien gesehen, die auf Holz belichtet waren. Die Verbindung der Maserung des Holzes mit den Fotos hat mir gleich sehr gefallen. Ich habe sofort angefangen es selbst auszuprobieren, dabei eine andere Technik entdeckt und diese über die Zeit verfeinert.

So entstand das Konzept zu meinem heutigen Holzdesign-Unternehmen „madeva“ – für das ich Möbel, Bilder, Wohnaccessoires und Schmuck herstelle auf die ich – natürlich – Fotos bearbeite. Nur wenige Monate nach dem Flohmarkt-Erlebnis habe ich meine feste Stelle in einer Agentur in Berlin aufgegeben. Ganz so einfach, wie sich das anhört, war es aber nicht. Ich hatte Angst, dass mein Umfeld, meine Freunde und Familie mir dieses Vorhaben nicht zutrauen. Und auch die Angst vor der finanziellen Unsicherheit war groß. Versuchen wollte ich es aber unbedingt – schließlich hätte ich auch jederzeit die Möglichkeit gehabt zurück in einen festen Job zu gehen.

Letztlich war es meine Mutter, die mir den Anstoß zur Gründung von madeva gegeben hat: „Kind hör jetzt auf davon zu reden, tu es“, hat sie gesagt. Sie hat daran geglaubt, dass ich es mit meiner Idee schaffen kann – wohl auch deshalb, weil sie selbst schon immer als Selbstständige gearbeitet hat und mir mit ihren Tipps und Erfahrungen helfen konnte.

Auch meine Freunde haben mich größtenteils motiviert, allerdings habe ich später erfahren, dass viele eigentlich dachten, dass ich wahnsinnig sei, mir den Mut aber nicht nehmen wollten. Bevor es losging, habe ich mich beim Arbeitsamt informiert und viel zum Thema Existenzgründung gelesen. Ich habe mir auch Rat im Umfeld gesucht und mit anderen Selbstständigen gesprochen. Was die Arbeit mit dem Holz angeht, war das Ganze ein Learning by doing. Geholfen hat dabei auch, dass ich mir einen kleinen Arbeitsplatz in einer Tischlerei angemietet habe und so meine Fragen an gelernte Tischler stellen konnte. Mit der Zeit hatte ich dann die für mich notwendigen Kniffe raus.

Heute, fast zwei Jahre nach der Gründung, kann ich zwar noch nicht alleine von meinen Designs leben, aber mit Hilfe eines kleinen Nebenjobs geht es gut. Anstrengend ist dagegen, dass ich alles alleine mache – die Herstellung, die Website, das Social Media-Marketing, die Kundenbetreuung und die PR – da fluche ich manchmal ganz schön und finde es auch traurig, dass ich keinen Gegenüber habe, mit dem ich nicht nur Arbeit teilen, sondern auch Ideen austauschen und schwierige Situationen besprechen kann. Bereut habe ich meine Entscheidung dennoch keine Sekunde, weil ich so glücklich bin, genau das machen zu können, was ich gerne möchte.

Christian Schrade, 32, Whiskyberater

Es war nicht die Angst vor dem Scheitern oder vor der finanziellen Unsicherheit, die mich dazu gebracht hat nach dem Ende meines Politikstudiums nicht direkt ein eigenes Unternehmen zu gründen, sondern zunächst einen festen Job in der PR-Branche anzunehmen: Ein festes Gehalt, feste Arbeitszeiten, bezahlter Urlaub und sich nicht selbst um Altersvorsorge und Versicherung kümmern zu müssen – für den Berufseinstieg war das natürlich auch ein Stück bequemer.

Dabei habe ich schon früh gewusst, dass ich irgendwann mein eigenes Unternehmen gründen möchte. Allerdings bin ich kein Mensch, der blauäugig in eine Idee hineinstolpert. Ich bin ein großer Whiskyfan und habe darum schon vor der Gründung meines Start-ups regelmäßig nebenberuflich in der Whiskybranche gearbeitet, zum Beispiel für Destillerien auf Whiskymessen. Dort habe ich dann viele Leute aus der Branche kennengelernt, die irgendwann anfragten, ob ich nicht Aufträge für sie übernehmen wolle. Das war der Stein, der das Projekt Selbstständigkeit letztendlich ins Rollen brachte. Die eigentliche Entscheidung zur Gründung habe ich dann während eines Kurz-Praktikums in einer Destillerie in Schottland getroffen: Ich hatte lange genug gezögert, hin- und herüberlegt und dachte mir schließlich: Was soll schon passieren? Meine Ausgaben sind überschaubar und zur Not suche ich mir einen neuen, festen Arbeitsplatz. Vergangenes Jahr kündigte ich meine Stelle, nahm mein Erspartes und startete „Heart of the run“.

Mein Unternehmen basiert auf zwei Standbeinen: Ich berate Unternehmen wie zum Beispiel Destillerien oder auch Hotels und Restaurants in Sachen Whisky – von der Öffentlichkeitsarbeit und Werbung über den Whisky-Einkauf bis zum Eventmanagement. Außerdem können Firmen mich als Whiskyreferent buchen, ebenso wie Privatleute für Whiskyverkostungen.

Menschen für das Thema Whisky begeistern zu können, macht mir Spaß. Und das Interesse an diesem Getränk ist groß, nicht nur bei älteren Leuten. Viele meiner Kunden sind in meinem Alter und auch Frauen haben Spaß an Tastings: So wie die 40-Jährige Dame, deren Mann ihr und ihren Freundinnen einen Verkostungsabend bei mir schenkte.

Heute, mehr ein Jahr nach der Gründung, weiß ich: Meine anfänglichen Zweifel waren vollkommen irrational. Ich habe größeren Spaß an dem, was ich heute tue. Ich habe außerdem viel über mich gelernt – zum Beispiel, dass ich meinen Perfektionismus ablegen muss. Selbstständigkeit bedeutet auch, permanent Kompromisse eingehen zu müssen.

Als ich mein Unternehmen gestartet habe, gab es noch keine bis ins Detail ausgearbeitete Webseite oder den perfekten Flyer – glücklicherweise kamen dennoch Aufträge rein, auch ohne viel Werbung. Wichtig ist eigentlich nur: Man darf sich nicht verzetteln – und muss manchmal einfach loslegen.

Carsten Albrecht, Credit privat

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Carsten Albrecht, 36, Bouletten-Pionier

Ich komme aus einer Gastronomie-Familie und interessiere mich schon immer für gutes Essen und Lebensmittel und war schon seit meiner Jugend ein guter Hobby-Koch. Daraus einen Beruf zu machen, ist mir nach dem Abitur aber nicht in den Sinn gekommen – ich hatte mich bereits frühzeitig für ein BWL-Studium und eine typische Bürolaufbahn entschieden – ganz klassisch.

Vor meiner Selbstständigkeit im Food-Bereich habe ich als Betriebswirt bei Banken und in der politischen Interessenvertretung für die Energiewirtschaft gearbeitet. Viereinhalb Jahre nach dem Berufseinstieg wollte ich nicht mehr. Mit meiner letzten Stelle war ich sehr unzufrieden, habe mich neuorientiert und mir zusammen mit meinem heutigen Geschäftspartner eine mehrwöchige Auszeit in Südamerika gegönnt.

Dort entstand die Idee zu “Berlin Beef Balls”: Wir produzieren Minibouletten aus Rindfleisch oder Fleischküchle, wie man in unserer Heimat Franken sagt, in verschiedenen Geschmacksrichtungen, zum Beispiel mit klassisch Berliner Bouletten, aber auch thailändischen, mediterranen und indischen landestypischen Gewürzen. So trifft Tradition auf Moderne.

2013 begannen wir unsere Produkte beim Streetfood Thursday in der Markthalle Neun in Berlin – ursprünglich sollte das ganze nur übergangsmäßig laufen, solange, bis ich einen neuen, „anständigen“ Job gefunden hätte, doch dann funktionierte es gut und machte mir so viel Spaß, dass ich dabei geblieben bin.

Ich finde es toll, meiner eigener Chef zu sein. Ich betreibe weitgehend eine One-Man-Show, weil mein Co-Gründer noch ein anderes Start-up aufgebaut hat. Ein paar Aushilfen unterstützen mich in der Produktion und im Verkauf, sonst wäre das gar nicht möglich. Wir verkaufen nämlich nicht nur auf Märkten, sondern machen auch Catering für Firmen und Privatleute. Vorbereitet auf die Selbstständigkeit habe ich mich nicht – das war nicht nötig. Interessanterweise konnte ich nämlich das erste Mal in meinem Leben auf mein Wissen aus dem BWL-Studium zurückgreifen.

Zweifel, dass unser Geschäftskonzept aufgehen würde, hatte ich nie. Ich bin von unserem Produkt überzeugt und das motiviert mich. Ich bin meiner Intuition gefolgt und das hat sich als richtig erwiesen: Mittlerweile kann ich von unserem Geschäft leben.

Wie es mit Berlin Beef Balls weitergeht? Unser nächstes Ziel steht schon fest: Wir wollen unsere Produkte auch in unsere Heimatstadt Würzburg bekannt machen – ich bin schon sehr gespannt, was man dort zu unserer Neuinterpretation sagt.