Dem Start-up gelingt eine 62 Millionen Euro schwere Finanzierungsrunde – und verzeichnet in der Corona-Krise einen großen Kundenzulauf. 

Knapp 40 Prozent minus beim Dax, 30 Prozent Nachlass auf den Index MSCI World: Während der Absturz der Aktienmärkte im vergangenen Monat Finanzmarktprofis die Schweißperlen auf die Stirn getrieben hat, witterten viele Kleinanleger eine Chance, zu günstigen Kursen einzusteigen. Dem jungen Broker-Service Trade Republic, der mit einem provisionsfreien Handel lockt, hat das einen großen Zulauf beschert: Plante das Fintech Anfang Februar noch, bis Mai mehr als 100.000 Kunden gewonnen zu haben, ist nun bereits die Marke von 150.000 Kunden geknackt.

Der kräftige Zuwachs ist maßgeblich dafür, dass das Start-up trotz der Corona-Krise eine 62 Millionen Euro schwere Finanzierungsrunde abschließen konnte. Neu eingestiegen sind mit Accel und dem von Paypal-Mitgründer Peter Thiel betriebenen Founders Funds zwei renommierte Wagniskapitalgeber aus den USA. Das rasche Wachstum zeuge von der Stärke der Trade-Republic-Technologie, lässt sich Thiel in der Pressemitteilung des Start-ups zitieren. „Das Unternehmen ist auf dem besten Weg, ein wichtiger Akteur im europäischen Bankenmarkt für Privatkunden zu werden.“

Finanzdienstleister Sino reduziert Anteil

Von der Finanzierungssumme fließen 40 Millionen Euro direkt in das Start-up. Von dem Rest übernehmen die neuen Investoren Anteile von Altgesellschaftern, wie einer Mitteilung von Sino hervorgeht. Der Düsseldorfer Finanzdienstleister war 2017 bei Trade Republic eingestiegen und stellte seit zwei Jahren mit Ingo Hillen den Geschäftsführer. Er wird nun von Andreas Willius, früherer Vorstand der Börse Stuttgart, abgelöst. Sino reduziert den Anteil von zuletzt 30 auf knapp 16 Prozent. Zu den weiteren Bestandsinvestoren zählen neben anderen der Berliner Frühphasen-VC Project A und Creandum aus Schweden.

Gegründet haben Trade Republic 2015 Christian Hecker, Thomas Pischke und Marco Cancellieri. Seit knapp einem Jahr können Kunden Depots eröffnen. Die Besonderheit: Kaufen oder verkaufen sie Aktien, Index-Fonds (ETFs) oder Derivate zahlen sie unabhängig vom Volumen lediglich eine „Fremdkostenpauschale“ von einem Euro. Weitere Gebühren fallen nicht an. Geld verdient das Start-up mit Provisionen seiner Partner, die die Transaktionen abwickeln. Diese Einnahmen sollen dem Fintech ausreichen, da es dank vollständig digitaler Prozesse vergleichsweise geringe Kosten hat. Ein weiterer Unterschied zu etablierten Brokern: Trade Republic konzentriert sich auf mobile Endgeräte: Bisher ist der Handel alleine über eine Smartphone-App möglich.

In Kauf nehmen müssen Kunden dafür eine gegenüber anderen Brokern eingeschränkt Auswahl. Aktuell sind über Trade Republic 7.800 Aktien und ETFs und 40.000 Optionsscheine, Zertifikate und Hebelprodukte handelbar. Seit November bietet das Fintech zudem kostenlose Sparpläne an, mit denen Kunden monatlich Geld in Indexfonds investieren können. Mission des Start-ups sei es, „jedem die Möglichkeit geben, seine Geldanlage selbst in die Hand zu nehmen“, sagt Mitgründer Hecker. Er weist darauf hin, dass mehr ein Drittel der Kunden bei Trade Republic erstmals in ihrem Leben eine Aktie kaufen.

US-Vorbild Robinhood mit zehn Millionen Kunden

Das Vorbild für das Konzept kommt aus den USA: Dort würfelt bereits länger Robinhood die Broker-Landschaft durcheinander. Das Fintech hatte zum Jahresende bereits zehn Millionen Kunden und von Wagniskapitalgebern insgesamt 900 Millionen Dollar eingesammelt. Wie Bloomberg berichtet, bereitet das Start-up aktuell eine neue Finanzierungsrunde über 250 Millionen Dollar vor. Die Unternehmensbewertung liegt demnach bei acht Milliarden Dollar.

Nicht nur eine Expansion von Robinhood nach Europa könnte Trade Republic gefährlich werden. Auch in Deutschland wächst der Wettbewerb. So hat die Sutor Bank im vergangenen Sommer das Konkurrenzangebot Justtrade gestartet. Dabei kooperiert die Privatbank mit dem Frankfurter Fintech JT Technologies – einer Gründung von Ralf Oetting und Michael Bußhaus, den ehemaligen Chefs der Onvista-Bank. Trade Republic will mit den neuen Geldgebern im Rücken nun die Expansion in Europa vorantrieben. Den Auftakt macht Österreich, wo sich Interessenten seit Januar bereits auf einer Warteliste eintragen können. Das Start-up beschäftigt eigenen Angaben zufolge aktuell knapp hundert Mitarbeiter.