Viele Start-ups kommen nur mit harten Einschnitten durch die Ausnahmesituation. Was hilft bei Entscheidungen? Seriengründer und Tracks-CEO Jakob Muus teilt seine Erfahrungen. 

Den Ausnahmezustand aufgrund des Covid-19-Virus kann das Berliner Tech-Start-up Tracks bis September überleben, wenn die aktuelle Prognose des Gründers aufgeht. Mit einem Team von elf Mitarbeitern sieht Jakob Muus sein Unternehmen gerüstet, um die Software zur Effizienzsteigerung von Lkw-Flotten durch die Krise zu bringen. Zwei Beschäftigte allerdings mussten in der vergangenen Woche gehen, das übrige Team reduziert in Kurzarbeit auf 50 Prozent. „Einige Punkte haben sich klar herauskristallisiert: Teile unseres Einkommens  werden wegbrechen, ich muss Kosten senken und sicherstellen, dass ich mein Unternehmen durch diese schwierige Zeit lotse“, sagt Muus zu WirtschaftsWoche Gründer. „Mein Ziel war es, zu zeigen, dass ich proaktiv in unserem Interesse handle und auch schwierige Entscheidungen treffe – wie Mitarbeiter zu entlassen.“

Überlebensfähig aufgestellt: Wie viele Firmenchefs derzeit musste sich Muus von seinen ursprünglichen Plänen für die nächsten Monate verabschieden. Statt die Vermarktung an Lkw-Flottenbetreiber und Verlader voranzutreiben und eine für August geplante Finanzierungsrunde vorzubereiten, kümmert sich der 37-Jährige jetzt um Krisenkommunikation. Mit Investoren und Vertriebspartnern ist er in engem Kontakt. „Wie ich sind auch viele meiner CEO-Kollegen in den vergangenen Tagen in Rekordzeit in einen Wartime-CEO-Modus gegangen“, sagt Muus, der Erfahrung aus zwei früheren Firmengründungen hat. Nach welchen Kriterien hat er seine Entscheidungen getroffen?

Wachstum zurückgedreht

Auf die Kernprojekte zu reduzieren, war der erste Schritt. Tracks analysiert den Kraftstoffverbrauch einzelner Lkws je nach Strecke und gibt Empfehlungen zur Optimierung – etwa mit der richtigen Geschwindigkeit, einem für die Route geeigneteren Fahrzeug oder künftig auch einer sparsameren Bereifung. Gestoppt sind nun alle Aktivitäten, die das Start-up mit Blick auf die Kapitalsuche geplant hatte, darunter eine Medienoffensive und großangelegtes Werben und Partnerunternehmen. „In Vorbereitung auf mehrere Projekte dieses Jahr sind wir in den letzten Monaten stark gewachsen“, so der Gründer. „Die Mitarbeiter, die wir schweren Herzens gehen lassen mussten, waren deswegen noch in der Probezeit.“

Wie lässt sich der Schritt vermitteln? Möglichst früh möglichst ehrliche Gespräche zu führen, spielt nach der aktuellen Erfahrung des Tracks-Geschäftsführers eine zentrale Rolle. Er selbst habe noch vor einigen Tagen zu wenig mit dem Team gesprochen, lautet Muus Einschätzung im Rückblick. Denn: Ängste aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie hatten sich bereits aufgebaut. „Das größte Risiko in der Situation ist, dass das Team auseinanderfällt“, sagt Muus.

Den Zusammenhalt stärken will er über spontane, vorerst nur digitale, Verabredungen etwa zu Kaffeepausen in Kleingruppen. Die häufigeren Gelegenheiten zum Gespräch sollen Unsicherheit reduzieren. „Natürlich sind solche Entscheidungen für ein Team immer schwierig, vor allem auf menschlicher Ebene“, so der Gründer, der zuvor bei Volkswagen unter anderem für den Aufbau eines Innovationsteams verantwortlich war. Dabei komme er immer wieder auf seinen eigenen Optimismus zurück: Tracks löse ein tatsächliches Problem – dass global CO₂-Emissionen gespart werden müssten. „Ich bin mir sicher, dass Tracks gestärkt aus der Krise hervorgeht“, sagt Muus.

Beratung und Vernetzung

Unterstützung hat er sich vor allem bei Start-up-Organisationen geholt. Zu arbeitsrechtlichen Fragen hätten etwa das Digital Hub Logistics in Hamburg und der Bundesverband Deutsche Startups wertvolle Hilfe geleistet, mit Online-Seminaren und einer für Mitglieder kostenfreien Anwaltsunterstützung, so der Tracks-Gründer. „Dies war ein großer Kostenfaktor, der uns abgenommen wurde.“ Er lobt insbesondere das Gemeinschaftsgefühl im deutschen Start-up-Ökosystem.

Wenn der Krisenmodus beendet ist, soll sich das Start-up schnell wieder den Zukunftsthemen der Branche widmen: So will Tracks beispielsweise das sogenannte Platooning in die Analysen integrieren – dabei fahren mehrere Lkws in geringem Abstand hintereinander her, um Windschatten auszunutzen und dadurch Kraftstoff beziehungsweise Energie zu sparen. Langfristig will Muus die Firma von den Lkw-Herstellern unabhängig halten. Die anstehende Finanzierungsrunde soll in zwei Schritte aufgeteilt werden, hätten Investoren vorgeschlagen. Die Gespräche liefen bereits, sagt Muus. Dennoch bleibt für den Firmengründer und sein Team vorerst die Unsicherheit.