Das Münchener Start-up ist Pionier bei der Online-Vergabe von Kundenterminen – und vermittelt in der Coronakrise nun auch Beratungsgespräche per Video.

Neue Funktionen, Designänderungen, Umbauten an der IT-Architektur im Hintergrund: Seit Andreas Knürr vor acht Jahren mit Timify an den Start gegangen ist, hat sich die Termin-Buchungssoftware oft gewandelt. Das jüngste Update ist innerhalb weniger Tage entstanden – und ein direktes Ergebnis der Coronakrise: Händler und Dienstleister können nicht länger nur Kundentermine für Vor-Ort-Besuche vergeben. Auch Videotelefonate lassen sich nun mit nur einem Mausklick aus der Terminbestätigung heraus starten. „Händler können so trotz geschlossener Ladenlokale Beratungsgespräche koordinieren und online abwickeln“, sagt Knürr.

Die Nachfrage nach der neuen Funktion sei groß. Dem Gründer zufolge will beispielsweise die Sporthändler-Verbund Intersport das System ebenso einsetzen wie der Spirituosenhändler Vom Fass. Systemrelevanten Unternehmen und wohltätigen Einrichtungen will der Gründer die Funktion kostenlos anbieten. Gespräche gäbe es etwa mit „Rote Nasen Deutschland“ – einer Organisation, die etwa schwerkranke Kinder mit Clowns-Besuchen aufheitert. „Es gibt gerade quer durch alle Branchen einen enormen Digitalisierungsschub“, ist Knürr überzeugt.

Finanzspritze über 4,5 Millionen Euro

Gefragt war die Software des Start-ups indes schon vor der Coronakrise. Über sie können Unternehmen die sonst in der Regel telefonische Vereinbarung von Terminen ins Internet verlagern. Für Kunden ist das bequemer, Händlern und Dienstleistern erleichtert das die Koordination. 50.000 Unternehmen aus 28 Ländern setzen nach Angaben des Start-ups die Software ein. Neben der reinen Terminvergabe gibt es einer Reihe von Zusatzfunktionen: So lassen sich etwa Dienstpläne erstellen, Bezahlungen online abwickeln – und in einem Dashboard lässt sich zudem das Buchungsverhalten der Kunden analysieren.

Um die Plattform noch weiter auszubauen, hat sich das Start-up gerade einen neuen Investor an Bord geholt: 4,5 Millionen Euro hat eine Schweizer Familien-Holding über das Beratungsunternehmen Schwartzkopff Partners investiert. Abgeschlossen worden sei der Deal kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie in Europa, sagt Knürr. „Für uns ist das ein Glücksfall, weil es uns die Ressourcen gibt, die Plattform nun weiterzuentwickeln.“ Gegen den Trend hat Timify gerade fünf neue Mitarbeiter eingestellt, das in Deutschland und Bulgarien ansässige Team wächst damit auf mehr als 40 Mitarbeiter. Zuletzt hatten im August 2018 die Berlin Technologie Holding und Niederstein-Beteiligungen drei Millionen Euro in das Münchener Start-up investiert.

Großunternehmen entdecken Onlinebuchungen

Was die Geldgeber lockt, ist vor allem das wachsende Geschäft mit Großunternehmen, die nicht nur die kostenlose Basisversion, sondern Abo-Pakete mit Extra-Funktionen buchen. Zu den Referenzkunden gehören etwa die Immobilienberatung Planet Home, die Optikerkette Fielmann und die Hypovereinsbank. Um die Bedürfnisse der Enterprise-Kunden zu befrieden, hatte das Start-up vor zwei Jahren sein System gründlich umgebaut – zuvor standen kleine und mittlere Betriebe im Fokus. Im vergangenen Jahr haben die Großkunden dem Start-up erstmals einen Millionenumsatz beschert.

Rund lief das Geschäft nach der Gründung nicht immer, gibt Knürr freimütig zu. „Wir waren sehr früh dran“, sagt er. „Viele Unternehmen hatten noch vor drei, vier Jahren kaum ein Interesse daran, Online-Termine anzubieten.“ Entsprechend schwierig sei die Investorensuche anfangs gewesen. Inzwischen bearbeitet längst nicht nur Timify das Feld. Vor allem branchenspezifische Buchungsplattformen sorgen für Konkurrenz: So fährt etwa Eversports sehr gut mit seinem Fokus auf Sport- und Fitnessstudios, während beispielsweise viele Fahrradwerkstätten der Software Flexini vertrauen. Ärzte können ihre Termine etwa bei dem Vergleichsportal Jameda vergeben. Und auch für Friseure und andere Branchen gibt es zunehmend maßgeschneiderte Lösungen.

Knürr sieht dem wachsenden Wettbewerb gelassen entgegen. Auch bei Timify finden Kunden branchenspezifische Anpassungen – können sich bei Bedarf aber auch bei Funktionen bedienen, die ursprünglich für Unternehmen anderer Branchen gedacht waren. „Viele Kunden, die mit der Lösung eines Wettbewerbers starten, landen früher oder später bei uns“, sagt der Gründer selbstbewusst. Er verweist auf den Entwicklungsvorsprung: „Dank unseres frühen Starts haben wir auf Anforderung unserer Kunden immer wieder praxisrelevante Funktionen hinzugefügt.“ Auch die Videokonferenz-Lösung soll nun beweisen, dass das Start-up sich schnell auf neue Anforderungen einstellen kann.