Der Investor durchleuchtet seit Jahren Start-ups. Lange Zeit eine One-Man-Show – jetzt sucht er aber Unterstützung. Was müssen junge Einsteiger in die Investmentwelt mitbringen?

Tim Schumacher gehörte zu den Mitgründern des Domain-Marktplatzes Sedo – der in den frühen 2000er-Jahren schnell und stetig wuchs. Bis 2009 stieß der Kölner seine Anteile ab. Seitdem investiert er seine Erlöse aus dem Verkauf als sogenannter Angel-Investor in zahlreiche Start-ups, meist in einer ganz frühen Phase, meist mit niedrigen sechsstelligen Summen. Die Auswahl und Analyse machte er dabei fast zehn Jahre lang überwiegend allein. Nun hat er erstmals eine Praktikumsstelle für seine Start-up-Investments ausgeschrieben. Wer ihn auf diese Idee brachte und welche Fähigkeiten ein Praktikant mitbringen sollte, verrät er im Interview mit WirtschaftsWoche Gründer.

Wie sieht der Alltag eines Angel-Investors aus?
Zunächst einmal ist es ein Haufen Internet-Recherche. Wenn ich mich in ein Thema reinbeiße, melde ich mich bei dem Produkt an und spiele selbst Nutzer. Das gleiche mache ich bei möglichen Wettbewerbern – wo hakt es, wo läuft etwas richtig gut? Dazu kommen dann viele Telefonate, Videocalls und natürlich auch Treffen. So bildet sich über Wochen eine Meinung über ein Start-up. Nach einem ersten Kontakt hat man auch die Zahlen im Blick: Wird das Produkt gelauncht wie geplant? Wie entwickeln sich die Nutzerzahlen? Währenddessen verhandelt man weiter über die Konditionen – vor allem aber sollte das Vertrauen weiterwachsen.

Wie unterscheidet sich die Arbeit von der eines Fonds?
Wenn ein Fonds 50 Millionen Euro zur Verfügung hat, muss er die auch über einen Zeitraum von ein paar Jahren investieren. Das sorgt dafür, dass ganz andere Mechanismen bei der Auswahl von Start-ups ablaufen. Der Business Angels hat keinen Investitionsdruck – der Umfang seiner Arbeit ist nur dadurch limitiert, wieviel Kapital er zur Verfügung hat. Das kann er ausgeben, muss es aber auch nicht.

Sie haben jahrelang selbst die Analysen gemacht. Jetzt haben Sie ein Praktikum ausgeschrieben. Warum?
Ende des vergangenen Jahres hat sich jemand bei mir beworben. Als Angel-Investor ist man in der Regel keine große eigene Marke. Ich habe erst mal abgesagt – und dann habe ich nochmal darüber nachgedacht, ob das nicht doch eine hilfreiche Unterstützung sein könnte. Das Gute ist: Wenn man allein ist, kann man schnell entscheiden. Kurz danach hat Thorben (im Bild links) dann bei mir angefangen. Bald geht er zum Studium weg. Und ich hätte gerne einen reibungslosen Übergang.

Wie sieht der Alltag als Angel-Praktikant aus?
Natürlich kann ein Praktikant am Ende nicht die Entscheidung über Investitionen treffen. Aber ansonsten sieht sein Tag genauso aus wie meiner. Er guckt sich Pitch-Decks an, trifft Gründer und arbeitet sich durch Zahlen und Statistiken. Auch hilft er Start-ups, bei denen ich investiert habe, im Alltag weiter.

Die Zahl der Start-up-Investoren wächst, aber ist immer noch überschaubar. Was muss jemand, der einen Einstieg in diese Welt sucht, fachlich mitbringen?
Als Analyst und auch schon als Praktikant sollte man in der Lage sein, vieles selbst anzupacken – ähnlich wie ein Gründer. Dafür muss man eine gewisse Flexibilität und Schnelligkeit im Denken mitbringen. Das ähnelt sicher dem Praktikum in Beratungen. Aber bei einem Angel-Investor ist die Arbeit noch vielfältiger, man steckt pro Tag sicher in einem Dutzend verschiedenen Themen. Die schaut man sich im ersten Schritt sicherlich etwas oberflächlicher an als in der Beratung.

Verändert sich die Arbeit im Laufe des Auswahlprozesses?
Einige Gründerteams guckt man sich intensiver an – und dann wird es etwa im Vergleich zum Praktikum bei einer Investmentbank vielfältiger. Wir gucken uns die Zahlen an, das Produkt, aber auch die Menschen. Vergleichbar ist das vielleicht noch mit der Arbeit von Transaktionsberatern. Aber die verteilen das auf viele Schultern. Wir machen alles selbst – bei den überschaubaren Investmentsummen können wir nicht viel Geld für Berater und Anwälte ausgeben. Solide Grundkenntnisse im Umgang mit Zahlen und ein Verständnis für Geschäftsmodelle im Internet sind ebenfalls wichtig.

Viele Business Angels sind auch auf ihr Bauchgefühl stolz. Wie kann ein Praktikant das beweisen?
Das sieht man sicherlich erst im Laufe der Zeit. Wichtig ist, dass man nicht nur analytisch stark ist, sondern auch ein kritisches Denken mitbringt. Viele Gründer werfen mit Buzzwords um sich. Als Investor ist es dann wichtig, seinen gesunden Menschenverstand einzusetzen: Welches Problem löst ein Start-up wirklich – und wie viele Menschen wären bereit, für diese Lösung zu zahlen?