Im Interview erklärt Tier-Mitgründer Julian Blessin, warum der Verleihdienst nun auch E-Scooter zum Verkauf anbietet – und wie das Start-up wachsen will.

Tier Mobility, einer der E-Scooter-Pioniere in Deutschland, bietet nun auch Fahrzeuge zum Verkauf an. 699 Euro ruft das Start-up für gebrauchte, generalüberholte Tretroller auf, Helm und Versicherungsgutschein sind inklusive. Die Ankündigung erfolgt wenige Wochen, nachdem die Berliner eine 55 Millionen Euro schwere Finanzierungsrunde bekannt gegeben haben – und rund ein Jahr, nachdem der Anbieter in Wien erstmals in Erscheinung getreten ist.

Im Interview mit WirtschaftsWoche Gründer erklärt Mitgründer Julian Blessin, wie der Scooter-Verkauf ins Gesamtbild passt, warum sich derzeit die Logistik rund um die Verleih-Roller verändert, wie er die öffentliche Debatte um zugeparkte Gehwege erlebt und was Tier Mobility als nächstes vorhat.

Herr Blessin, warum verkaufen Sie jetzt auch E-Scooter? Lohnt sich das Vermietgeschäft alleine nicht?
Im Gegenteil, in vielen Städten sind wir mit unserem Verleihangebot operativ profitabel. Aber es gibt viele Privatnutzer, insbesondere im ländlichen Raum, die einen hochwertigen Scooter für einen bezahlbaren Preis dauerhaft nutzen möchten. Denen möchten wir über das Mietmodell hinaus mit myTier ein Angebot machen.

Warum sollte man denn bei Ihnen kaufen und nicht im Handel?
Unsere Fahrzeuge haben sich millionenfach bewährt und sind in der Ausstattung auch nicht im Handel erhältlich. In praktisch allen Produkttest haben wir Spitzenreiterpositionen belegt. Ein weiteres Alleinstellungsmerkmal ist die Vernetzung: Man braucht kein Schloss, sondern kann das Fahrzeug per App entsperren – und kann es auch von Freunden mitnutzen lassen. Dafür nutzen wir unsere Plattform, aber mit einer separaten App. Außerdem kümmern wir uns zusammen mit unserem Partner Axa um die Versicherung und das Kennzeichen. Die Kunden können also sofort losfahren.

Sie verkaufen gebrauchte Roller, die bei Ihnen maximal vier Monate im Einsatz gewesen sein sollen. Wieso haben Sie denn so viele übrig?
Wir werden in den kommenden Monaten unsere komplette Verleihflotte erneuern. Kürzlich haben wir die vierte Generation unserer Scooter vorgestellt, die beispielsweise in Paris bereits im Einsatz sind. Neben verbesserten Sicherheitsmerkmalen wie größeren Reifen sind die große Besonderheit die Akkus, die direkt vor Ort ausgetauscht werden können. Der Verkauf der Roller dient also im doppelten Sinne der Nachhaltigkeit: Unsere existierende Flotte wird im Privatbesitz weiterfahren, während wir die Klimabilanz unserer Logistik entscheidend verbessern.

Modelle mit Wechselakkus haben auch Ihre Konkurrenten Circ und Wind in ihre Flotten aufgenommen. Bedeutet das, dass die E-Scooter nachts nicht mehr zum Laden eingesammelt werden müssen?
Richtig, die Logistik ändert sich dadurch drastisch. Wir erfinden uns noch einmal neu, was den Betrieb angeht. Wir werden nicht mehr auf große Depots angewiesen sein und müssen nachts keine Transporter durch die Stadt schicken. Stattdessen können wir mit Lastenrädern Wechsel-Akkus transportieren und die Fahrzeuge damit nach Bedarf bestücken. Damit kommen wir unserem Ziel, unsere lokalen Emissionen auf null zu reduzieren, sehr nahe. Schon 2020 wollen wir als Unternehmen klimaneutral sein.

Wie viele Tier-Scooter sind mittlerweile unterwegs?
Aktuell umfasst unsere Flotte in Deutschland rund 14.000 Fahrzeuge. Aber es werden noch mehr. Mit Gütersloh sind wir in Deutschland gerade in der 23. Stadt gestartet – europaweit sind es über 40 Städte. Ich gehe davon aus, dass wir in einem Jahr bei über 100 sind. Das Potenzial ist noch lange nicht ausgeschöpft. Gerade in kleineren Städten fehlen neue Mobilitätsangebote noch, da werden wir auch von den Stadtverwaltungen mit offenen Armen empfangen.

Sind denn die Diskussionen um verstopfte Gehwege und gefährliche Rasereien schon vergessen?
Klar ist: Die Anbieter müssen ordentlich arbeiten, vor allem was das Aufstellen der Roller angeht. Da haben wir viele Initiativen gestartet. Wir gehen auch aktiv auf die Städte zu und schlagen Parkverbotszonen vor und Gebiete, in denen die Geschwindigkeit automatisch gedrosselt wird. Und wir sind viele Kooperationen mit Verkehrsverbünden eingegangen, um unsere Fahrzeuge sinnvoll in das ÖPNV-Angebot zu integrieren.

Wie erklären Sie sich, dass die E-Scooter so polarisieren?
Letztlich zeigt das, wie groß der Diskussionsbedarf um urbane Mobilität ist. Ähnlich emotional wird ja auch die Debatte um SUVs geführt. Die Infrastruktur in Städten war jahrzehntelang vor allem auf Autos angelegt, entsprechend knapp ist der Platz für andere. Jetzt ist es Zeit, den Raum neu zu verteilen und umweltfreundliche Formen der Fortbewegung zu fördern. Dass der Bedarf für innovative Mikromobilität da ist, zeigt auch unser extrem erfolgreicher Marktstart. Bis Anfang September haben unsere Nutzer schon mehr als zehn Millionen Fahrten absolviert.

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