Das Bielefelder Start-up programmiert einen digitalen Leitstand für Klima- oder Lüftungsanlagen. So sollen das Qualitätsmanagement für Immobilien verbessert werden. Für Schwung sorgen jetzt eine Finanzierung – und Leitlinien der öffentlichen Hand.

Die Lüftung geht früher aus, die Heizung später an – und nicht immer müssen alle Gebäudeteile gleich gut gewärmt werden: Eine Aschaffenburger Berufsschule hat ihre gesamte Gebäudetechnik kürzlich mit der Software des Bielefelder Start-ups Synavision vernetzt. Und gibt an, damit pro Jahr 10.000 Euro an Energiekosten einzusparen.

Eine Erfolgsgeschichte, wie sie Synavision-Gründer Stefan Plesser gerne erzählt: „Wir bauen einen digitalen Zwilling für die Gebäudeperformance auf“, sagt er im Gespräch mit WirtschaftsWoche Gründer. Die Software zieht sich die Leistungsdaten der besonders energieintensiven Technik in Immobilien. So verschafft sie Ingenieuren und Gebäudemanagern im ersten Schritt einen Überblick über den Verbrauch – und hilft im zweiten Schritt, die Anlagen effizienter auszurichten.

Anschub durch den Green Deal und Co.

Mit dem Angebot trifft das Start-up voll den Klima-Nerv: Eine überarbeitete EU-Richtlinie hat das Thema Gebäudeeffizienz noch stärker in den Fokus gerückt. Zudem hat die neue Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen ihr Prestigeprojekt des „Green Deals“ ausgerufen – hier könnten in Zukunft mehr Fördermittel für das Aufrüsten von alten Anlagen fließen. Etwa ein Drittel des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland entfällt auf Gebäude, zeigen Zahlen der staatlichen Deutschen Energie-Agentur (dena).

Die Einsparziele hierzulande sind dementsprechend ehrgeizig: Bis 2050 soll der Primärenergieverbrauch von Häusern, Wohnungen, Bürogebäuden und Fabrikhallen um stolze 80 Prozent sinken. Dabei spielen modernere Heizungsanlagen oder bessere Dämmungen natürlich eine große Rolle. Aber auch Software kann helfen, bestehende oder neue Technik besser zu steuern. Verschiedene regionale und nationale Förderprogramme sorgen dafür, dass die digitalen Lösungen attraktiver werden.

Immer mehr Start-ups positionieren sich mit Lösungen, die die Effizienz von Gebäuden erhöhen sollen. Edge Technologies setzt beispielsweise auf eine Vernetzung von allen technischen Anlagen in Immobilien. Kürzlich konnten mit Aedifon und Kugu gleich zwei Start-ups, die etwa Heizungsanlagen aus der Cloud steuern wollen, Finanzierungsrunden abschließen.

Mehr Effizienz ohne Umbauten

Bis zu 30 Prozent der Energiekosten könne das sogenannte Technische Monitoring einsparen, so Synavision. Etwa fünf bis fünfzehn Prozent Reduktion seien häufig möglich, ohne dass man das Gebäude umbauen muss, sagt Plesser. Und das mit vergleichsweise trivialen Erkenntnissen: Wo läuft die Lüftung in der Nacht durch? Wo können Sensoren auf die Außentemperatur reagieren und dadurch flexibler die Temperatur steuern?

Synavision ist dabei schon vergleichsweise lange dabei. 2010 entstand die Firma, gegründet von Forschern der TU Braunschweig sowie der RWTH Aachen. Lange Jahre lief die Entwicklung eher nebenbei, mittlerweile sind knapp 20 Mitarbeiter für das Unternehmen tätig. Eine Millionen-Finanzierung soll Synavision nun helfen, das eigene Produkt bekannter zu machen. „Im Moment geht es für uns im Wesentlichen darum, den Markt zu erschließen“, sagt Plesser.

Anschub durch die öffentliche Hand

Das Geld stammt unter anderem von dem Proptech-Spezialisten Bitstone Capital sowie der Cut Power AG, die sich europaweit auf Nachhaltigkeitsthemen fokussiert. Beim Geschäftsmodell setzt das Start-up auf regelmäßige Einnahmen durch die Nutzung des Programms. „Das digitale Modell entsteht parallel zum Gebäude – und wenn das einmal gemacht ist, läuft die Software in der Cloud mit“, sagt Plesser.

So will das Start-up zum einen das eigene Geschäftsmodell skalieren. Zum anderen soll auch die digitale Kontrolle insgesamt weiterverbreitet werden. Gemeinsam mit Verbänden der Industrie und Ingenieuren bietet Synavision Zertifizierungen zum Technischen Monitoring an. „Innerhalb einer Woche ist jemand auf unserer Software geschult“, sagt Plesser.

Die Nachfrage nach einem solchen Qualitätssiegel steigt auch durch einen Vorstoß von kommunalen und staatlichen Stellen. Der Arbeitskreis Maschinen- und Elektrotechnik staatlicher und kommunaler Verwaltungen, kurz AMEV, hat das Technische Monitoring 2017 in seine Leitlinien aufgenommen. An dessen Richtlinien orientiert sich die öffentliche Verwaltung – und manche Standards schwappen dann auch in den privaten Bausektor über. „Es ist spannend zu sehen, dass die Privaten es hier der öffentlichen Hand abgucken“, sagt Plesser.